Donald Trump in der Krise Die Demontage

Ein Duell, eine Falle, eine Enthüllung: Innerhalb weniger Tage wird Donald Trump gleich mehrfach demaskiert und demontiert. Über einen Mann, der fünf Wochen vor der US-Wahl plötzlich den Halt verloren zu haben scheint.

Donald Trump
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Donald Trump

Von , Washington


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als Donald Trump glaubt, es könne gar nicht mehr schlimmer kommen, steht er auf einer Bühne in Manheim, Pennsylvania, und hat nicht die geringste Lust mehr, sich zu zügeln. Es geht irgendwie um alles, um Handel und Krieg, um seine Firmen und Kinofilme. Vor allem aber geht es um Hillary Clinton.

Statt in den Wahlkampf gehöre die Demokratin "in den Knast", schimpft der Milliardär. Er glaube nicht einmal, "dass sie Bill treu ist, wenn ihr es genau wissen wollt". Ach, und ihre Gesundheit. "Sie schafft es doch kaum fünf Meter zu ihrem Auto." Trump schleppt sich mit hängenden Armen in Richtung Ausgang. Er spielt jetzt die zusammenbrechende Clinton. Nichts ist mehr tabu.

Vielleicht ist es Frust. Oder Zorn. Darüber, dass alles so schnell ging. Trump, der Geschwindigkeitsgroßmeister, der seine Gegner so gern vor sich hertreibt, ist innerhalb weniger Tage selbst zum Getriebenen geworden. Vor einer Woche, da stand er noch so gut da, die Umfragen stimmten, die Republikaner glaubten an die Sensation.

Schwere Hypothek im Wahlkampffinale

Und plötzlich, als seine Landsleute bereit schienen, Trump eine Chance zu geben, entgleitet ihm die Kontrolle so sehr, dass viele Amerikaner nur noch staunend dasitzen. Die missglückte TV-Debatte. Sein Streit mit einer Beautyqueen. Berichte über illegale Geschäfte in Kuba. Konservative Zeitungen, die zur Wahl Clintons aufrufen. Ein Softporno aus dem Jahr 2000 - mit ihm in einer Nebenrolle. Miese Umfragen.

Wie eine Blase, die auf einmal platzt.

Sein Wahlkampf trägt ja auch blasenhafte Züge. Trump, der Angeber, das war immer ein Risiko. Je größer er sich machte, desto größer wurde auch die Gefahr, dass jemand daherkommt, um ihn klein zu machen. Es passt zu Trumps Albtraumwoche, dass dieser jemand nun zur "New York Times" marschierte und der Zeitung anonym eine Steuererklärung des Baulöwen aus dem Jahr 1995 übergab. Der Kern: Trump machte damals, resultierend aus den Pleiten seiner Kasinos in Atlantic City, einen Verlust von rund 916 Millionen Dollar geltend. Die Abschreibung, so der Verdacht, nutzte Trump, um sich fast zwei Jahrzehnte lang um die Einkommensteuer herumzumogeln. Die Geschichte platzte in seinen Auftritt in Manheim.

Man kann einfach Fragen stellen

Welch ein Wahnsinn das ist, wird klar, wenn man einfache Fragen stellt. Einer, der ein globales Immobilienimperium besitzt und dessen Vermögen auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt wird, soll fast 20 Jahre lang keine Steuern bezahlt haben? Einer, der sich einst darüber beschwerte, dass so viele einfache Amerikaner den Fiskus umgingen, soll selbst die Schlupflöcher so sehr ausgenutzt haben, dass der Staat ihm nicht ins Portemonnaie greifen konnte? Jener Mann, der sich so meisterhaft als Guru in der Businesswelt inszeniert, setzte einmal eine Milliarde Dollar in den Sand?

Skandale sind das eine. Fast jeder Präsidentschaftskandidat muss mal mit einem kämpfen. Wirklich problematisch wird es, wenn der Skandal in ein ohnehin schon existierendes Bild zu passen scheint. Mitt Romney hat das vor vier Jahren erlebt. Der Republikaner galt vielen Amerikanern als Inbegriff des kalten Investors, lange bevor er "47 Prozent" der US-Bürger als unmündige Subventionsempfänger verunglimpfte. Aber als dann sein Satz öffentlich wurde, war er erledigt. Und Trump?

"Der Eine-Milliarde-Dollar-Verlierer"

So vieles scheint sich durch die Enthüllung ja jetzt zu bestätigen. Die Vermutung, dass er all seine anderen Steuererklärungen geheim hält, weil ihr Inhalt große Fragen aufwirft. Der Verdacht, er überzeichne seinen Reichtum. All jene seiner Gegner, die den Republikaner bisher schon als selbstsüchtigen Blender hinstellten, können nun mit dem Formular von 1995 wedeln. Ein Geschenk.

Genau genommen sind es ja zwei Geschenke, mit denen die Demokraten nun die letzten Wahlkampfwochen bestreiten können. Sein Verhalten nach der TV-Debatte glich eher einem Schulhofschläger als einem Präsidentschaftskandidaten. Kurzer Rückblick: Einem seiner Ex-Models, Alicia Machado, wirft er am Dienstag im Fernsehen vor, einst "massive Mengen an Gewicht" zugelegt zu haben. Am Mittwoch thematisiert er Bill Clintons Affären. Am Donnerstag ist sein Sexismus Thema in allen großen Sendern. Am Freitag setzt sich Trump in aller Herrgottsfrühe an sein Smartphone, um Machado via Twitter als "widerlich" anzugreifen und über ein "Sextape" zu spekulieren, das es offensichtlich gar nicht gibt. Abends ruft er bei der "New York Times" an und erklärt der Zeitung seine neue Kampagnenstrategie: Härter, lauter, böser. "Hillary Clinton kann fies sein. Ich kann noch fieser sein", sagt er.

Trump, der Rüpel. Trump, der Angeber. Eine Woche, zwei Bilder. "Der Eine-Milliarde-Dollar-Verlierer", lästert Harry Reid bereits, der kampferprobte Chef-Demokrat im Senat.

Es gibt Leute, die das anders sehen. Trumps Leute. "Der Mann ist ein Genie", verteidigt ihn Rudy Giuliani, enger Vertrauter des 70-Jährigen, in der Steuerdebatte. Trump habe damals so gehandelt, wie ein Businessman habe handeln müssen. "Das ist in Wahrheit eine sehr, sehr gute Story für Donald Trump", sagt Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey. Der Kandidat selbst sagt wenig zur Enthüllung. Er bestätigt nichts, dementiert nichts.

Nicht die erste schwere Phase

Wie soll er auch? Die "Times" ging bei ihrer Recherche auf Nummer sicher. Ein Reporter machte im Süden Floridas Trumps Steuerberater ausfindig, der die Dokumente damals ausgefüllt hatte. Der Mann erinnerte sich an alles. Sogar daran, dass die Schuldensumme damals zu groß gewesen war, um sie per Software in die Steuererklärung einzugeben. Er habe, so erzählte der Steuerberater, die ersten beiden Ziffern mit seiner Schreibmaschine nachtragen müssen.

Die Geschichte stimmt. Leugnen ist zwecklos. Ein Desaster.

Oder?

Mal anders gedacht, weil man in diesem Wahlkampf schon so oft anders denken musste: Warum sollte einem, der von sich ungestraft sagen kann, er sei derart populär, dass er auf der Fifth Avenue in Manhattan stehen und auf Menschen schießen könne ohne einen Wähler zu verlieren - warum sollte so einem ausgerechnet eine zwanzig Jahre alte Geschichte schaden?

Trump ist schon häufiger in einer schweren Phase gewesen. Er hat die Eltern eines gefallenen Soldaten beschimpft. Vergessen. Er hat einen Richter wegen seiner mexikanischen Herkunft angegriffen. Vergeben. Lassen sich seine Fans diesmal beeindrucken? Es gibt Umfragen, die zeigen, dass nur ein Bruchteil seiner Anhänger seine Steuererklärung relevant findet. Immer dieser Zwang, alles offen legen zu müssen. Absurd. So sehen es viele.

Die harten Fans sind auch harte Arbeiter

Das Problem für den Geschäftsmann ist nur, dass viele seiner Fans ihm folgen, weil er sich als Stimme ehrlicher Amerikaner gibt, die das System als korrupt empfinden. Ob er nun noch glaubwürdig als Systemkritiker auftreten kann, wo er doch selbst so sehr von dem System profitierte, ist für Trump eine wichtige Frage. Aber selbst wenn seine Fans unbeirrt an seiner Seite bleiben: Sie allein werden kaum reichen. Keine einzige seriöse Berechnung sieht Trump momentan über der für den Wahlsieg nötigen Hürde von 270 Wahlmännern. Man vergisst das leicht.

Will er Clinton schlagen, muss Trump seine Basis vergrößern. Und in dieser Hinsicht, das dürften auch der Kandidat und seine Leute ahnen, waren die vergangenen Tage verheerend. Noch sind es fünf Wochen bis zur Präsidentschaftswahl. Und in sechs Tagen ist die nächste TV-Debatte. Ein "Town Hall Meeting". Menschen fragen, der Kandidat antwortet.

"Er ist bereit", so sein Freund Rudy Giuliani.


Zusammengefasst: Für Donald Trump lief die letzte Woche denkbar schlecht: Durch sein Verhalten nach der TV-Debatte, etwa das Pöbeln gegen das Ex-Model Alicia Machado, rückt sein Temperament in den Fokus. Und die von der "New York Times" veröffentlichten Steuerunterlagen kratzen am Image des erfolgreichen Geschäftsmanns.

Das TV-Duell zur US-Wahl in voller Länge
insgesamt 151 Beiträge
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Seite 1
thequickeningishappening 04.10.2016
1. In den amerikanischen Medien
kommt Das etwas different zierter rueber:"I have brilliantly used those losses!"und"I know best how the System works and I know best how to fix it!"
zappa99 04.10.2016
2.
Ich mag ihn auch nicht. Aber wenn das amerikanische Steuersystem so etwas vorsieht (Verlustvorträge gibt es auch bei uns) dann ist es OK. Man kann niemandem vorwerfen, dass er nicht mehr Steuern zahlt als er muss. Das wäre verlogen, ich würde das auch nicht machen.
Elrond 04.10.2016
3. Noch nie
wurde im Vorfeld einer US-Präsidentschaftswahl so viel Schmutz und Dreck eines Kandidaten ans Tageslicht befördert. Wie hält dieser Mann das selbst aus? Aber er befindet sich längst am Point of no Return. Er muss es, koste es, was es wolle, jetzt durchziehen. Vielleicht kann man dem armen Mann einen Therapieplatz finanzieren, wenn die Wahlen vorüber sind.
Banause_1971 04.10.2016
4. Klingt
genau wie die Brexit-Vorhersage. Demnach wird Trump gewinnen. Mit ihm werden dann hoffentlich die Kriege der USA im Ausland ein Ende finden. Ich freue mich auf einen Präsidenten, der keiner Lobby Hörigkeit schwören musste. Positiv ist ebenfalls zu werten, dass er an keiner dr typischen Unis studiert hat, von der so viele der bisherigen Präsidenten kamen, die dann einen Krieg nach dem anderen führten. Und wenn er über Jahre keine Steuern gezahlt hat, weil er enorme Verluste gegenrechnen konnte, so hat er sich nur an geltendes Recht in den USA gehalten. Sonst hätte die Steuerfahndung (die in den USA wohl recht penibel ist) ihm schon längst seine Geschäfte lahmgelegt. Wohingegen die mehreren Hundert Milionen aus der Clinton-Stiftung geblieben sind, bleibt ungeklärt.
Schee wars... 04.10.2016
5. Alles so schön bunt hier!
Wer glaubt, IRGENDWAS im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf sei zufällig-der glaubt auch an den Osterhasen. Nicht, das ich Trump mag oder denke, er wäre präsidiabel-ganz im Gegenteil. Aber all diese Enthüllungen , Leaks und Zufälle sind genau das Gegenteil. Clinton ist nicht blöd, sie und ihre Schergen beobachten die Meinungsumfragen penibel. Und die Mathematiker haben eben errechnet, dass bei der Zyklusdauer der Umfragen unter den Wahlschaafen jetzt eben der Zeitpunkt richtig ist um "Informationen" zu streuen. Ist schon ne seltsame Demokratie, bei der ausgerechnet die im Volk unbeliebtesten Kandidaten beider "Parteien" sich zur Wahl stellen. Und das so etwas wie Trump überhaupt auch nur die geringste Chance hat über die Ankündigung, er werde kandidieren, herauszukommen. Clinton ist Standard Politiker, raffgierig, verlogen, intelligent und machtbewusst - eben "weiter so". Ein Volldepp und eine Machtpolitikerin. Und die Strassen voll mit Obdachlosen, mental Kranken und abgestürzter Mittelschicht. Bin mal gespannt wie das irgendwann endet. Denn es ist nur eine Frage der Zeit bis jemand wie Ted Cruz Präsident wird-und dann kann man wirklich sagen "So help us god"!
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