Taktik in der Ukraineaffäre Trumps verdrehte Welt

US-Präsident Trump ist ein politischer Überlebenskünstler. Sein Erfolg beruht auf einem Mechanismus, den er nun auch in der Ukraineaffäre wieder nutzt. In der Psychologie würde man von Projektionen sprechen.

In Donald Trumps Vorstellung macht nicht er die Fehler, sondern der Rest der Welt
Brendan Smialowski/ AFP

In Donald Trumps Vorstellung macht nicht er die Fehler, sondern der Rest der Welt

Ein Kommentar von , Washington


Wir erinnern uns: Im US-Wahlkampf 2016 war die sogenannte E-Mail-Affäre das große Ding. Hillary Clinton hatte als Außenministerin einen eigenen E-Mail-Server und einen privaten Account genutzt. Donald Trump und seine Anhänger pumpten den Vorgang zur größten Staatsaffäre seit Watergate auf, sie sahen dadurch die nationale Sicherheit der USA gefährdet. "Sperrt sie ein", lautete ihr Schlachtruf, gemeint war Hillary Clinton.

Für Trump war die Affäre praktisch. Wann immer ihm Fehlverhalten vorgeworfen wurde - und dafür gab es reichlich Anlass - sagte er einfach: "Aber Hillarys E-Mails!"

Der Vorgang ist typisch für Trump: Der US-Präsident beherrscht es meisterhaft, die öffentliche Meinung in seinem Sinne zu beeinflussen. Alle Dinge, die ihm vorgeworfen werden, spiegelt er einfach sofort zurück. Er lenkt von eigenen Verfehlungen ab, indem er seinen Gegnern mindestens die gleichen, ja, vielleicht sogar noch monströsere Taten unterstellt.

In Trumps verdrehter Welt sind alle anderen korrupt, nicht er. In Trumps verdrehter Welt missbrauchen alle anderen ihre Ämter, nicht er. In Trumps verdrehter Welt lügen seine Gegner, nicht er.

Eine perfide und wirksame Abwehr

In der Psychologie würde man diesen Verteidigungsmechanismus Projektion nennen. Die Projektion kann eine sehr perfide, sehr wirksame Abwehr sein, denn die Wahrheit wird vernebelt. In der heutigen Politik nutzt sie kaum jemand so intensiv wie Trump. In den Echo-Kammern der Trump-Welt, bei Fox News und bei seinen Fans im Netz, finden die Projektionen des Präsidenten die entsprechende Verbreitung.

Im Video: Trump verlangt von seiner Partei geschlossene Reihen

Yuri Gripas/POOL/EPA-EFE/REX

Vor wenigen Tagen hat das US-Außenministerium die Untersuchung zu den Clinton-E-Mails abgeschlossen. Demnach war die Affäre kein zweites Watergate, sie war wahrscheinlich nicht einmal eine richtige Affäre. Es habe keine Hinweise gegeben, dass mit vertraulichen Informationen absichtlich falsch umgegangen worden sei, stellten die Ermittler nüchtern fest. Fall geschlossen.

Hillary Clinton ist davon überzeugt, dass ihr die E-Mail-Affäre die Wahl verhagelt hat. Und auch Trumps politische Gegner von heute müssen sich darauf einstellen, dass der Präsident mit seinen Methoden erneut Erfolg haben könnte. Aktuelle Beispiele, wie Trump Projektionen nutzt, gibt es reichlich:

  • Seine eigenen, inzwischen vielfach belegten Versuche, das Präsidentenamt zu nutzen, um in der Ukraine politischen Schmutz gegen seinen demokratischen Rivalen Joe Biden aufzuwirbeln, nennt Trump "völlig in Ordnung". Der Präsident dreht den Spieß einfach um: Nicht er ist hier der Bösewicht, sondern die Bidens. Er bezeichnet Joe Biden und seinen Sohn Hunter als "korrupt". Belege dafür liefert er nicht. Aber die Sache funktioniert. Schon rufen Trump-Fans bei den Wahlkampfveranstaltungen des Präsidenten: "Sperrt ihn ein!" Gemeint ist Hunter Biden.
  • Trump hat mit seinem Vorgehen in der Ukraineaffäre möglicherweise gegen die Verfassung und gegen seinen eigenen Amtseid verstoßen. So argumentieren die Demokraten. In Trumps Welt stellt dagegen die Untersuchung gegen ihn den eigentlichen Verfassungsverstoß dar: "Der Präsident hat nichts falsch gemacht", verkündet das Weiße Haus in Trumps Namen. "Dies ist eine koordinierte Schmierenkampagne von linken Abgeordneten und radikalen, nicht gewählten Bürokraten, die einen Krieg gegen die Verfassung führen."
  • Als Nancy Pelosi, die Anführerin der Demokraten, unlängst nach einem Treffen mit Trump, bei dem es um den Syrienkonflikt ging, erklärte, der Präsident sei in ihrem Gespräch "ausgerastet", stellte Trump kurze Zeit später fest, nicht er, sondern Pelosi habe den Ausraster gehabt. Sie sei "verrückt". Seither nennt er Pelosi "Crazy Nancy".
  • Die Ermittlungen von Ex-FBI-Chef Robert Mueller in der Russlandaffäre haben zwar keine gerichtsfesten Beweise für eine koordinierte Zusammenarbeit von Russland und Trumps Wahlkampfteam zutage gefördert. Doch Mueller hat detaillierte Belege präsentiert, dass Trump mehrfach versucht hat, die Untersuchungen der Justiz in der Sache zu behindern. In Trumps verdrehter Welt ist es indes genau umgekehrt: Hier sind die Mueller-Ermittlungen der eigentliche "Schwindel". Seine Anhänger sprechen sogar von einer "Verschwörung" eines "Deep State", eines Staates im Staate, gegen den Präsidenten. Dass viele der Ermittler Trumps eigener Partei angehören, also Republikaner sind, wird geflissentlich verschwiegen.

Es ist jetzt schon klar: Trump wird die Methode weiter ausreizen. Sein Vorteil ist, dass ihm als Präsident das größte Megafon des gesamten Landes, ja, der ganzen Welt zur Verfügung steht. Egal, was er sagt, seine Projektionen werden im Netz und in den TV-Sendern täglich und pausenlos in alle Haushalte übertragen.

Er hat von allen Kandidaten bereits heute den größten Wahlkampfetat. Den kann er nutzen, um seine Sicht zu verbreiten. Und Trump scheint gewillt zu sein, die Lautstärke weiter aufzudrehen. Für ihn ist das kein Problem. Inzwischen muss man annehmen, dass er tatsächlich selbst an das glaubt, was er da sagt.

"Aber Hillarys E-Mails!", das war einmal. Ab jetzt heißt es: "Aber die Bidens!"

insgesamt 221 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
neue_mitte 24.10.2019
1.
"In den Echo-Kammern der Trump-Welt, bei Fox News und bei seinen Fans im Netz, finden die Projektionen des Präsidenten die entsprechende Verbreitung." Und die Fans hier im Forum werden uns seine Projektionen wieder brühwarm präsentieren. Bin mal gespannt, was heute die Tagesparole wird. "Aber die Bidens!" hoffentlich nicht, das wäre ja langweilig, damit schließt ja schon der Artikel. Heute ein bisschen mehr deep state, vielleicht was über linke Sozialisten bei den Demokraten, evtl. das angebliche Recht des Präsidenten als verkappter Top-Ermittler oder doch eine Portion von establishment? Hm, was darf es sein?
Humanfaktor 24.10.2019
2. Abnutzung
Die ständigen Wiederholungen der immer gleichen Inhalte machen diese nicht interessanter, sondern nur die Klinge stumpf und langweilen die Leser. Alles soweit richtig, aber alles auch längst mehrfach durchgekaut, verdaut und ... wieder hochgerülpst. Das ermüdet. Trump spielt auch mit euch beim SPON. Und ihr spielt sein Spiel mit. Die Monothematik und die immer gleichen Reflexen machen es ihm auch leicht.
emoratio 24.10.2019
3. Was blendet,
braucht einen Spiegel. Wo Wahrheit nicht hilft, weil sie als Lüge bezeichnet wird, müsste man doch gut damit fahren, ein anderes als das erwartete Bild zurückzuwerfen. Trump bezeichnet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als Lüge, dann wäre es doch angebracht, einen zweiten Spiegel aufzustellen, der ihn von hinten zeigt. Trump als Milliardär mit zweifelhaftem oder anrüchigem Geschäftsgebaren, Trump, der Frauen als Menschen zweiter Klasse ansieht, Trump als Oberhaupt, als Leitbild einer elitären Gemeinschaft, zu der der einfache Mensch nie Zugang haben wird.
josho 24.10.2019
4. Interessanter Beitrag, aber.....
....man vermisst, mit welcher "Gegenstrategie" gearbeitet werden müsste, um diesem "Überlebenskünstler" Paroli zu bieten. Gibt es da gar nichts?
spopel15 24.10.2019
5. Projektionen und Whataboutism
Das eigentlich fatale ist, dass millionen von Menschen und Wählern überall auf der Welt diese im Grunde sehr infantile Strategie nicht durchschauen. Alle rechtsradikalen/ bis rechtsextremistischen Politiker benutzen diese Strategie bzw. Propagandatechnik. Bolsonaro, Salvini, Erdogan, Orbán, diverse AfDler und NeuRechte, ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.