Protest beim Besuch in El Paso "Niemand hier will mit Trump sprechen"

"Meine Rhetorik bringt Menschen zusammen", behauptet Donald Trump vor seiner Reise nach Texas. In El Paso stimmt das - er hat eine Stadt gegen sich vereint. Den Ort des Gedenkens lässt der US-Präsident bei seinem Besuch aus.

Evan Vucci/AP

Aus El Paso berichtet


Falls Donald Trump kurz vor der Landung in El Paso aus dem Fenster der Air Force One geschaut hat, könnte er das Blumenmeer unter sich bemerkt haben. Der Walmart, in dem am Samstag 22 Menschen von Gewehrkugeln aus dem Leben gerissen wurden, liegt in direkter Nachbarschaft des Flughafens von El Paso. Auch am vierten Tag nach dem Attentat kommen täglich Menschen mit Blumen, Luftballons, Kuscheltieren und Kerzen in der Hand an den Tatort, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen.

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gehört nicht dazu.

Statt den Ort des Gedenkens zu besuchen, fahren er und seine Frau Melania nach der Landung im gepanzerten Wagen über abgesperrte Highways direkt ins Universitätskrankenhaus von El Paso. Hier werden aktuell acht Überlebende des Attentats behandelt. Der Präsident schüttelte vor Ort die Hände der behandelnden Ärzte, er bedankte sich bei Polizisten und Grenzschützern für ihren Einsatz und traf selbstverständlich auch einen der Helden der Katastrophe. Chris Grant hatte den Walmart-Schützen mit Limonadeflaschen beworfen, um ihn vom Zielen auf Flüchtende abzulenken. Grant überlebte mit zwei Beinschüssen.

Ob der Präsident den richtigen Tonfall getroffen hat, um die Opfer der Tragödie von El Paso zu trösten, ist bislang nicht überliefert. Die Presse war bei dem zweistündigen Termin nicht zugelassen. Wer mit den trauernden Menschen an der Gedenkstelle des El Paso Attentäters spricht, versteht, warum das Weiße Haus seinen obersten Mitarbeiter abschottet: Trump ist in El Paso nicht willkommen.

"Lieber Herr Präsident", steht auf einem blauen Poster, das jemand mit Klebeband zwischen den Blumen an der Gedenkstelle befestigt hat, "versprechen Sie, dass Sie den Opferfamilien wirklich zuhören heute. Das Böse (das von Worten, die Sie benutzt haben, inspiriert wurde) ist hierher gekommen, um unsere wunderschöne Stadt zu zerstören".

Yahwe Pichardo ist mit einem Megaphon zum Ort des Gedenkens gekommen, um am Tag des Trump-Besuches gegen Rassismus zu protestieren. Wie viele hier hält er den Präsidenten wegen dessen rücksichtslosen Tiraden gegen Einwanderer für mitverantwortlich für das Leid der Opfer. "White Supremacy, White Violence, White House" steht auf dem großen Leinentuch, das er mit anderen Mitstreitern in die Luft hält. "Niemand hier will mit Trump sprechen", sagt er, "auch nicht die Ärzte im Krankenhaus und erst recht nicht die Menschen, die dort um ihr Leben kämpfen."

Ein Besuch des Präsidenten ist selbstverständlich - eigentlich

In der Innenstadt ist der Aufstand noch lauter. Obwohl es um die Mittagszeit 40 Grad heiß ist, sind Tausende Menschen in einen Park in der Nähe des Universitätskrankenhauses gekommen. "Dump Trump" oder "Trump is racist", heißt es auf ihren Plakaten. Sogar vor Nazi-Vergleichen schrecken die Protestierenden nicht zurück. "Hitler hat niemanden umgebracht. Seine Anhänger schon." Immer wieder skandieren die Trump-Gegner die Worte "send him back, send him back". Schickt ihn zurück.

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Trump an den Tatorten: Schilder der Wut, Tweets aus dem Jet

83 Prozent der Menschen in El Paso haben einen hispanischen Migrationshintergrund, die Stadt ist eine Hochburg der Demokraten. Trotzdem wäre es früher wohl selbstverständlich gewesen, einen republikanischen Präsidenten in Zeiten der Not willkommen zu heißen. Es ist schließlich die Aufgabe eines jeden Staatsoberhauptes, einer trauernden Nation Mut zuzusprechen. Diese Selbstverständlichkeit ist während der aktuellen Präsidentschaft in Vergessenheit geraten. El Pasos demokratischer Bürgermeister musste auf einer Pressekonferenz am Montag klarstellen, dass er Trump nicht eingeladen hat. Er komme lediglich seiner "formalen Pflicht" als Bürgermeister nach, indem er den Präsidenten der Vereinigten Staaten am Flughafen in Empfang nehme.

Im Krankenhaus warme Worte - im Flieger dann der Spott

Am Vormittag hatte Trump Opfer und Ersthelfer in Dayton, Ohio, besucht, wo ein Attentäter neun Menschen erschossen hatte. Es sollte ein Tag des Innehaltens und Gedenkens werden. Dass es anders kam, liegt auch an Trump selber. Wie wenig Mühe er sich in der Rolle des Versöhners gibt, bemerkt man an den Tweets, die er in den Pausen zwischen den Kondolenz-Terminen in die Welt sendet.

Zur Mittagszeit als Trump vermutlich gerade im Flieger nach El Paso sitzt, macht er sich über den demokratischen Herausforderer Joe Biden lustig: "Schaue gerade dem schläfrigen Joe bei seiner Rede zu. So langweilig! Die Einschaltquoten und Klickzahlen werden mit diesem Typen abstürzen."

Präsidialen Spott bekam auch ein anderer demokratischer Kandidat im Rennen um die Präsidentschaftswahlen 2020 ab. Beto O'Rourke nutze, so twitterte Trump, "einen falschen Namen, um hispanische Abstammung vorzugeben". O'Rourke wurde in El Paso geboren. Er hatte nach dem Walmart-Attentat erklärt: "Dieser Präsident, der den Hass miterschaffen hat, der die Tragödie vom Samstag möglich machte, sollte nicht nach El Paso kommen." Die Stadt brauche keine weitere Spaltung.

Vorwürfe der Radikalisierung will Trump nicht hören

Trump hält Vorwürfe, wonach er mit seiner Wortwahl die Wut weißer Nationalisten anstachele, für haltlos. Wer das behaupte, instrumentalisiere das Leid der Opfer für das eigene politischen Anliegen. Er glaube nicht, dass seine Sprache Menschen radikalisiere, sagte er auf einer Presskonferenz vor dem Aufbruch zu seiner Trauertour: "Meine Rhetorik bringt Menschen zusammen."

In El Paso stimmt das sogar. Zusammen gehen sie gegen Trump auf die Straße. Eine junge Walmart-Mitarbeiterin, die das Massaker überlebt hat, hält auf der Bühne im Park der Protestierenden eine bewegende Rede. Das wahre Problem dieses Landes sei Trump. Sie endet mit den Worten: "Bleibt stark. Wir sind eine wunderbare Stadtgesellschaft. Es gibt keinen Grund, Angst zu haben."



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