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Grundsatzrede in Riad Donald Trump und wie er den Islam sieht

Donald Trump hat in Saudi-Arabien seine Rede über den Islam ohne Fehler gemeistert. Der US-Präsident redete ruhig und klar - und genau deshalb sind seine Worte so gefährlich.

"Salam Aleikum", Friede sei mit Euch, begann der US-Präsident seine Rede. Er zitierte aus dem Koran, würdigte die Verdienste der islamischen Kultur für Wissenschaft und Fortschritt und beschwor einen Neuanfang im Verhältnis zwischen den USA und der islamischen Welt: "Amerika und der Islam schließen einander nicht aus und stehen nicht in Konkurrenz zueinander."

Diese Rede hielt Barack Obama 2009 in Kairo. Und der Kontrast zu der Rede, die US-Präsident Donald Trump an diesem Sonntag in Riad hielt, könnte kaum größer sein.

Eine "inspirierende, aber direkte Rede zum Islam" hatten Trumps Berater vorab angekündigt. In der Ansprache, die der US-Präsident dann vor den Vertretern von mehr als 50 mehrheitlich muslimischen Staaten hielt, ging es aber nur ganz am Rande über den Islam, sondern mehrheitlich um die Themen islamischer Extremismus und Terrorismus. In Trumps simpler Weltsicht um "den Kampf zwischen Gut und Böse".

Mit dieser Rede hat Trump noch einmal deutlich gemacht, dass er den Islam in erster Linie als Gefahr und Brutstätte für Terror sieht.

Er verlor kein Wort darüber, dass jahrzehntelange Kolonialherrschaft, Militärinterventionen der USA und die vom Westen unterstützten Diktatoren im Nahen Osten den Aufstieg islamistischer Terroristen maßgeblich begünstigt oder gar aktiv gefördert haben. Kein Wort der Selbstkritik auch darüber, dass seine antiislamische Rhetorik und das von ihm verhängte Einreiseverbot gegen die Bürger mehrerer muslimischer Staaten islamistischen Terroristen in die Hände spielten.

Der Antiterrorkampf hat den Blick verengt

Obama redete 2009 in Kairo vor Studenten und Vertretern der ägyptischen Zivilgesellschaft. Trump sprach am Sonntag in Riad vor Staatsmännern, die zwar rund eine Milliarde Menschen vertreten, von denen aber nur wenige demokratisch gewählt wurden und von denen die meisten autokratisch regieren und Oppositionelle unterdrücken. Oft genug unterdrücken ebendiese Staaten Andersdenkende unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung.

16 Jahre nachdem George W. Bush den Krieg gegen den Terror ausrief, hat Trumps Rede vor Augen geführt, wie sehr dieser Antiterrorkampf den Blick auf die islamische Welt verengt hat.

Trump hat in seiner Rede richtigerweise kritisiert, dass der Nahe Osten sein Potenzial nicht ausschöpft. Nur daran trägt der Terrorismus allenfalls eine Teilschuld. Es sind Korruption, Vetternwirtschaft und die Diskriminierung von Frauen und Minderheiten, die dafür sorgen, dass die arabisch-islamische Welt den Anschluss an den Westen verpasst hat.

Und für Menschen in Marokko, Ägypten, Bangladesch und vielen anderen muslimischen Staaten ist die größte Angst nicht, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Sondern die Sorge, keinen Job zu finden oder die Familie nicht ernähren zu können. Diese Perspektivlosigkeit ist das größte Problem der islamischen Welt, nicht der Terror. Und für diese Perspektivlosigkeit tragen jene die Hauptverantwortung, die mit Trump im Saal in Riad saßen.

Wer Terrorist ist, entscheiden die Mächtigen

Was Trump und andere westliche Regierungschef auch nach wie vor übersehen: Sein Gastgeber König Salman, dem er in den nächsten Jahren Waffen im Wert von mehr als hundert Milliarden US-Dollar verkaufen will, hat ein völlig anderes Verständnis vom Kampf gegen den Terror. Für das saudische Herrscherhaus ist ein Muslim, der öffentlich kundtut, nicht mehr an Allah zu glauben, ein Terrorist. Ein Muslim, der sich in Jerusalem in einem Bus in die Luft sprengt, ist ein Märtyrer.

Allen Lippenbekenntnissen von König Salman zum Trotz: An dieser Weltsicht wird sich mittelfristig nichts ändern. Deshalb sind Trumps Worte hohl: Ausgerechnet in Saudi-Arabien appellierte er an Toleranz und gegen Extremismus. Also in einem Land, in dem Bibeln und Kreuze verboten sind und kein anderer Glaube als der sunnitische Islam frei gelebt werden kann. Auch darauf ging Trump mit keiner Silbe ein.

Umso gefährlicher ist, dass Trump in seiner Rede nicht einmal darauf zu sprechen kam, dass der Kampf gegen den Terror mit Maß geführt werden müsste. Bei den US-Verbündeten in der islamischen Welt dürfte die Botschaft angekommen sein, dass im Kampf gegen Terroristen fast jedes Mittel erlaubt ist - und wer Terrorist ist, entscheiden die Mächtigen.

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