Republikaner Wehner zu Trump "Meine Partei begeht politischen Selbstmord"

Peter Wehner ist ein Bilderbuch-Republikaner. Er arbeitete für drei US-Präsidenten, war enger Berater von George W. Bush. In Cleveland will seine Partei nun Donald Trump krönen. Im Interview schildert Wehner sein Entsetzen. Von Veit Medick, Washington


Präsidentschaftsbewerber Donald Trump
AFP

Präsidentschaftsbewerber Donald Trump

    Peter Wehner ist Senior Fellow am "Ethics and Public Policy Center", einer konservativen Denkfabrik in Washington DC. Seine Karriere begann Wehner in der Administration von Präsident Ronald Reagan und der Regierung von George H. W. Bush. 2002 wurde er Redenschreiber von George W. Bush und leitete das von Karl Rove gegründete "Office of Strategic Initiatives" im Weißen Haus. Er ist eine einflussreiche Stimme unter konservativen Intellektuellen, schreibt regelmäßig eine Kolumne für die "New York Times" und schaltet sich in aktuelle Debatten ein. Im Vorwahlkampf war Wehner einer der ersten Republikaner, die sich klar gegen Donald Trump positionierten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wehner, Sie sind ein lebenslanger Republikaner. Sie haben für drei US-Regierungen gearbeitet, waren Berater von Ronald Reagan und den beiden Bushs. Heute startet in Cleveland der Nominierungsparteitag von Donald Trump. Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf das Treffen?

Wehner: Wir nominieren jemanden, den ich als bösartige Kraft in der amerikanischen Politik empfinde. Donald Trump steht für Haltungen, die meinen komplett widersprechen und die mich zutiefst beunruhigen. Ich will mit diesem Parteitag am liebsten nichts zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Donald Trump hat keine politische Erfahrung, er hat sich durch den Wahlkampf geschimpft, die Partei damit im Sturm erobert. Was ist bei den Republikanern passiert in den letzten Monaten?

Wehner: Es herrscht Chaos und Verwirrung. Meine Partei begeht politischen Selbstmord. Trump ist der Avatar der Unvernunft. Er steht für das Gegenteil von konservativen Prinzipien.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Wehner: Er ist ein wirtschaftspolitisch ein Protektionist, die Republikaner sind traditionell für den Freihandel. Weltpolitisch ist er ein Isolationist, eine Strömung, die ich seit der Eisenhower-Ära für verschwunden glaubte. Trump hat kein Interesse an sozialen Fragen, für viele Republikaner sind sie elementar. Er will den Mindestlohn erhöhen, hat keinen Steuerplan, und, ganz wichtig: Er macht Politik entlang ethnischer Identitäten. Trump ist die Abrissbirne des Konservatismus.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Ihnen bei Trump besonders Angst?

Wehner: Er ist vom Temperament her schlicht nicht geeignet für das Präsidentenamt. Trump ist ein Serienlügner. Er ist von unglaublicher Ignoranz, macht rassistische Anspielungen, ist erratisch, rachsüchtig und grausam im Umgang mit Gegnern und Minderheiten. Die Republikaner werden für seine Nominierung bezahlen, nicht nur bei den Präsidentschaftswahlen, sondern weit darüber hinaus. Verliert er, braucht es gewaltige Kräfte, um die Partei wieder aufzubauen. Gewinnt er, wäre das ein Desaster für das Land und ein noch größeres Desaster für die Republikaner. Ich glaube, wir müssen das aussprechen, wenn wir unsere Partei und unsere Ideale retten wollen.

Weißes Haus in Washington, D.C.
AP

Weißes Haus in Washington, D.C.

SPIEGEL ONLINE: Zu den Gründen für Trumps Aufstieg gibt es viele Meinungen. Einige glauben, das Establishment der Republikaner trage eine Mitschuld, weil es die eigene Entfremdung von der Basis nicht erkannte.

Wehner: Das ist nicht ganz falsch. Aber es ist kompliziert. Die republikanische Basis gilt als besonders konservativ. Warum wählt sie dann jemanden, der so wenig klassisch konservativ ist? Das Argument mit der Schuld des Establishments wäre stärker, wenn die Basis jemanden wie Rechtsaußen Ted Cruz gewählt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen keine Fehler auf Seiten der alten Garde der Partei?

Wehner: Doch, natürlich. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass die Republikaner über die Jahre die Interessen der arbeitenden Mittelschicht aus den Augen verloren haben. Ohne Zweifel hat die Partei auf nationaler Ebene viel falsch gemacht. Dass wir vier der letzten sechs Präsidentschaftswahlen verloren haben, ist nur ein Indiz dafür. Wir haben nicht realisiert und wollten vielleicht auch nicht realisieren, dass sich eine weit verbreitete Ablehnung, ja sogar ein Hass auf die etablierte Politik entwickelt hat. Das Gefühl, dass Politiker ihr Wort nicht halten und die Wähler gewissermaßen betrügen, haben wir viel zu wenig ernst genommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Trumps Nominierung ein Wendepunkt für den amerikanischen Konservatismus?

Wehner: Könnte sein. Das hängt aber sehr davon ab, ob Trump gewinnt oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Aber mal angenommen, Trump verliert: Hieße das aus Ihrer Sicht, dass das Phänomen Trump nur ein kleiner Ausrutscher war, der leicht zu korrigieren ist?

Wehner: Nein. Selbst wenn er verlieren würde, dürften wir als Partei und als intellektuelle Strömung nicht einfach dort weitermachen, wo wir vor Trump waren. Der Konservatismus braucht eine Reform. Wir müssen unsere Ansprache neu erfinden, wir müssen unsere Positionen überarbeiten, uns unserer Zielgruppe klar werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die republikanische Partei ihre Identitätskrise überwinden?

Erstens: Trump muss verlieren. Und er muss erdrutschartig verlieren, das wäre langfristig wahrscheinlich besser für die Republikaner, auch wenn erst einmal andere Wahlkämpfe auf lokaler Ebene davon betroffen wären. Zweitens: Wir Konservativen müssen einen Weg finden, um einige der Trump-Anhänger wiederzugewinnen. Das geht nicht, ohne dass wir ihre Sorgen ernst nehmen und sie in konstruktive Politik münden lassen. Drittens: Wir müssen wieder zur Partei der großen Ideen werden. Dazu gehört, dass wir unsere Traditionen hinterfragen und überlegen, wie wir eine Kraft im 21. Jahrhundert werden können. Intellektuell scheint mir meine Partei manchmal wie gelähmt. Sie macht den Eindruck, als sei sie am 20. Januar 1981 stehen geblieben, dem Tag von Ronald Reagans Amtseinführung. Wir haben unsere Politik seitdem nicht wirklich erneuert. Auch deshalb haben viele Amerikaner den Eindruck, wir hätten keine Antworten auf moderne Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Eine Niederlage Trumps ist nicht garantiert. In Umfragen steht er nicht allzu schlecht da.

Wehner: Umfragen sind Umfragen. Seit Mai ist Hillary Clinton in den allermeisten Erhebungen vorn und man darf nicht vergessen, dass sie eine verheerende Woche hinter sich hat mit dem FBI-Urteil über ihre E-Mail-Affäre. Und, natürlich: Sie ist eine wirklich sehr schlechte Kandidatin. Sie ist unglaubwürdig, mechanisch, irreführend. Clinton ist ein ethisches Wrack. Aber worauf es im Wahlkampf ankommt, ist die Organisation. Wie stark ist die Kampagne in den entscheidenden Staaten? Wie viel Geld sammelt sie? Wie viele Mitarbeiter gibt es? Da ist die Trump-Kampagne wirklich in einem verheerenden Zustand.

SPIEGEL ONLINE: Clinton ist trotzdem keine Alternative für Sie?

Wehner: Nein, ich glaube nicht. Ich werde unter keinen Umständen für Trump stimmen, kann mir aber auch schwer vorstellen, Clinton zu wählen. Wahrscheinlich werde ich keinem von beiden meine Stimme geben.



insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
WwdW 18.07.2016
1. Anstand
Hätten die Republikaner Anstand würden sie Trump verhindern oder zumindest die Partei verlassen und eine neue gründen.
wakaba 18.07.2016
2.
Die Nein-Partei bleibt sich treu und sagt einfach weiter Nein zu allem... Der Abstieg hat mit dem Pakt mit den Evangelikern, Waffenlobby, Oelinteressen, Finanzdienstleistern, MIC begonnen. Personen, Institutionen und Firmen die höchstens finanzielle Interessen am Bürger haben aber nicht an einer Veränderung des Status Quo zum besseren und ideologisch extrem unflexibel sind. Diese Entwicklung hat mit Nixon begonnen und ist nun mit Trump auf dem vorläufigen Tiefpunkt angekommen. HRC liegt 8 bis 15% vorne. Beide Kandidaten werden aber als Problem wahrgenommen und von mehr als 60% abgelehnt. Es ist also nicht nur ausschliesslich ein Rep Problem sondern ein Systemfehler der heftige Auswirkungen hat.
emo.alberich 18.07.2016
3. Abspaltung ist politischer Selbstmord
Zitat von WwdWHätten die Republikaner Anstand würden sie Trump verhindern oder zumindest die Partei verlassen und eine neue gründen.
Abspaltungen haben noch nie funktioniert. Selbst wenn das Spitzenpersonal abzieht - die Basis bleibt - die "Marke auch". Der Aderlass ist in ein paar Jahren verkraftet - aber die Abspaltung kommt nicht hoch. AfD -> ALFA, Lucke samt Personal weg. FPÖ -> BZÖ, Haider weg samt der Mehrheit aller Amts- und Mandatsträger SVP -> BdP, beide Bundesräte weg, für Jahre, zwei Kantonalsektionen weg samt allen Amts- und Mandatsträgern, für ein paar Wochen. Heute: alle drei Abspaltungen irrelevant. Mehr kommen mir im Moment nicht in den Sinn. Haben Sie ein Gegenbeispiel?
90-grad 18.07.2016
4. Nach über
Zitat von WwdWHätten die Republikaner Anstand würden sie Trump verhindern oder zumindest die Partei verlassen und eine neue gründen.
200 Jahren erfindet sich die GOP wg. Trump neu? Unmöglich!
comeback0815 18.07.2016
5.
Narzissten haben keine Empathie, aber eine ausgeprägte Fähigkeit, anderen glauben zu machen, sie seien ein Heilsbringer. Viele glaubten, Obama habe zu viel versprochen - der Unterschied zu Obama ist: Jener hat ein Gewissen. Ein Donald Trump hat das nicht. Wird er Präsident, wird es Krieg geben. Nicht einmal unbedingt unter direkter us-amerikanischer Beteiligung, aber auf Grund einer Politik, die sich an Schwarz oder Weiß orientiert und den Flächenbrand benötigt um selbst zu glänzen.
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