Trump gegen die Medien Weniger als Würmer

Trumps Feindseligkeit verführt Journalisten, aus der Position des Beobachters in die des Akteurs zu wechseln. Der Weg aus der Trump-Falle ist mehr Coolness. Denn nicht jede Journalistenbeleidigung ist gleich ein Angriff auf die Pressefreiheit.

Trump während seiner Rede in Florida
REUTERS

Trump während seiner Rede in Florida

Eine Kolumne von


Ich fürchte, ich bin trumpsüchtig. Sobald ich Donald Trump sprechen sehe, kann ich nicht mehr wegschalten.

Ich habe mir zum Beispiel die ganze Pressekonferenz angesehen, die er am vergangenen Donnerstag gegeben hat, von Anfang bis Ende, alle 77 Minuten. Ich wollte mir eigentlich nur einen Eindruck verschaffen, was er gesagt hat, nachdem ich so viel darüber gelesen hatte. Aber ich konnte nicht aufhören, ihm dabei zuschauen, wie er sich einen Journalisten nach dem anderen vorknöpfte.

Vielleicht stimmt etwas mit mir nicht, aber ich fand Trump gar nicht so schlecht. In den Medien hieß es anschließend, er sei wirr gewesen, total plemplem, ein Fall für den Doktor. Wie immer, wenn Trump frei redet, warf er Zahlen und Fakten durcheinander und lobte die meiste Zeit sich selber. Jesus Christus persönlich hätte einer der 44 US-Präsidenten vor ihm gewesen sein können: Trump würde trotzdem erklären, warum er der größte und erfolgreichste Präsident aller Zeiten ist.

Aber ich habe auch verstanden, warum viele Menschen ihn gut finden. Wenn man für einen Moment ausblendet, wofür er steht, muss man sagen, dass er ziemlich schlagfertig sein kann. Außerdem geht er dem Streit nicht aus dem Weg, das schätzen die Leute.

Medienverachtung wie bei Helmut Kohl

Trump wird gern mit Autokraten wie Putin oder Erdogan verglichen. Aber gegen den neuen US-Präsidenten sind die beiden die reinsten Hasenfüße. Erdogan fällt ja schon in Ohnmacht, wenn in Anatolien ein Neunjähriger einen Scherz macht. Trump hingegen scheint den Schlagabtausch geradezu herauszufordern. Man sieht es an der Körpersprache. Nachdem er einem Reporter das Wort erteilt hat, kann er kaum das Ende der Frage abwarten, um mit dem Frechling abzurechnen.

Mich hat vieles bei dem Auftritt an Helmut Kohl erinnert. Ich will damit nicht Kohl und Trump auf eine Ebene stellen. Die politischen Überzeugungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber was die Einschätzung der Pressemeute angeht, liegen die beiden nicht so weit auseinander. Auch Kohl liebte es, ihm feindselig gesinnte Journalisten rund zu machen. Entweder ignorierte er ihre Fragen so demonstrativ, dass sie vor Wut fast zersprangen. Oder beschimpfte sie erst einmal ausführlich, bevor er sich dazu herabließ, ihnen eine Antwort zu gewähren. Trump fängt gleich so an, wie Kohl aufgehört hat.

In der Presse herrscht naturgemäß große Aufregung über die Medienfeindlichkeit des Präsidenten. Alle Amtsvorgänger haben sich über die Presse geärgert, sogar der heilige Obama. Aber erst Trump hat die Journalisten-Beschimpfung zum Markenzeichen gemacht. Er und die Medien, das ist sein großes Thema. Möglicherweise wird es das dominierende Thema seiner Amtszeit sein. Die Schmähungen und Verfluchungen haben fast biblische Qualität. Journalisten sind für Trump die "niederste Lebensform" auf Erden, eine Art Gewürm, das von "Hass" und "Gift" lebt, wie er sagt.

Trumps offensive Feindseligkeit verführt Journalisten, aus der Position des neutralen Beobachters in die des politischen Akteurs zu wechseln. Wer angegriffen wird, neigt dazu, sich zu verteidigen. Man kann das die Trump-Falle nennen. Es ist ja auch schwer: Wie bleibt man fair und sachlich, wenn man selber zur Zielscheibe gemacht wird? Dazu muss man das Gemüt eines Buddha besitzen. Viele Leute haben deshalb Zweifel, ob die Presse noch mit der gebotenen Nüchternheit berichtet. Das ist natürlich genau das, was Trump will.

Trumps Wut dokumentiert die Relevanz seiner Gegner

Anderseits ist seine Machtübernahme auch ein Gottesgeschenk, jedenfalls für die Mainstreammedien, von denen es eben noch hieß, ihre Zeit sei gezählt. Nahezu jeden Tag dokumentiert der mächtigste Mann der freien Welt, wie wichtig er das nimmt, was sie schreiben und senden.

Es ist nie die "Huffington Post" , über die er sich aufregt, oder eine der vielen Websites, denen angeblich die Zukunft gehört. Es sind CNN, NBC, CBS, die "New York Times" und die "Washington Post". Wenn die "Times" am Morgen einen Artikel druckt, in dem steht, wie chaotisch es im Weißen Haus zugeht, kann man sicher sein, dass man eine Stunde später in einem Tweet lesen kann, was der Hausherr davon hält.

Der Präsident ist im Aufmerksamkeitsparadox gefangen: Mit jedem Satz, mit dem er seine Feinde beschimpft, verschafft er ihnen die Beachtung, die er ihnen missgönnt. Da kann er hundertmal wiederholen, dass sich die Auflage oder die Zuschauerzahlen im freien Fall befinden würden.

Als Trump vor ein paar Tagen behauptete, wie sehr CNN in der Gunst der Zuschauer abgesackt sei, meldete das "Wall Street Journal", dass die Quoten in der Altersgruppe zwischen 25 und 54 seit Anfang des Jahres um 51 Prozent zugelegt hätten. "Failing @nytimes" hat in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres 276.000 Web-Abonnenten dazugewonnen. Das ist die andere Seite der Trump-Falle.

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Was ist die richtige Reaktion? Ich glaube, eine gewisse Coolness, was das eigene Gewerbe angeht, wäre nicht schlecht. Nicht jede Journalistenbeleidigung ist gleich ein Angriff auf die Pressefreiheit. Wer die Medien als "Feinde des amerikanischen Volkes" bezeichnet, zögert nicht, ihnen das Licht auszublasen, wenn er die Chance dazu sieht. Aber es besteht immer noch ein Unterschied zwischen dem, was man sagt und wünscht - und dem, was man tut.

Das Schlimmste, was einem unbotmäßigen Reporter in Washington bislang passieren kann, ist, dass er kein Interview mehr erhält oder bei Reisen nicht den Regierungsflieger besteigen darf. Helmut Kohl ist vor Abflug eigenhändig die Liste der mitreisenden Journalisten durchgegangen, um jeden zu streichen, dessen Name ihm nicht passte. Viel genützt hat es ihm auch nicht, wie man weiß. Die gestrichenen Kollegen sind mit der nächsten Linienmaschine einfach hinterhergeflogen.



insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
Jöel L. 20.02.2017
1.
So viele Wörter. Aber lohnt es sich, darüber zu streiten?
paulvernica 20.02.2017
2. die heilige Presse
Ja, kritische Presse ist für eine Demokratie absolut notwendig. Allerdings betrachten dass einige Medien wohl als Freibrief alles mögliche was ihnen gerade einfällt oder nutzt schreiben zu dürfen. Die Boulevard Zeitungen produzieren seit Jahrzehnten ungestraft FakeNews und über die tendenziösen ÖR will ich gar nicht erst lamentieren. Da finde ich den Trump dann auch ganz gut in der Beziehung.
BettyB. 20.02.2017
3. Toll...
Solche Kommentare sind einfach toll. Und Fleischhauer hat wie immer recht. In coolness warten... Das sollte übrigens wenigstens als Wort in die deutsche Sprache übernommen werden sollte, denn "cool" waren die Deutsche doch schon, als es im Lande wohl kaum einer nutzte. Man machte mit oder wartete, was ich dann im coolen Winter 46/47 "auszubaden" hatte.
ManRai 20.02.2017
4. Trumpsche Wut
Entschuldigung: wo ist bei dem Wut - ich sehe Selbstüberschätzung, Narzissmus, Unwissenheit, Geldgeilheit usw, aber Wut sehe ich nicht, der schlagt auf alles ein was im nicht irgendwohin kriecht - und da ist es sehr dunkel
Get me out of this place 20.02.2017
5.
Wenn einer rumpöbelt, andere niedermacht und sich aufführt wie der vierschrötige Typ, der einem früher das Pausenbrot abgenommen hat, nennt man das ganz bestimmt nicht schlagfertig. Zur Schlagfertigkeit gehören Eloquenz und ein fundiertes Wissen, das in der Antwort enthalten ist. Kohl konnte man zumindest Letzteres nachsagen, Trump ganz bestimmt nicht.
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