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Video erschüttert US-Wahlkampf Donald Trump prahlte mit sexuellen Übergriffen

Ein Video von 2005, in dem Donald Trump mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlt, erschüttert die USA. Und im Hintergrund schwelt noch ein anderer Skandal.

"Ich möchte Sie warnen", sagt der TV-Moderator und blickt ernst in die Kamera. "Was Sie gleich hören werden, sind äußerst vulgäre und verletzende Ausdrücke. Schlimm genug, dass man das sagen muss bei einer Geschichte über einen Mann, der sich um das höchste Amt im Staat bewirbt."

Dann wird - wohl zum zigtausendsten Mal an diesem Abend in Amerika - das Video ausgestrahlt, dessen Tonspur ein politisches Beben ausgelöst hat.

Der verstörende Inhalt: Donald Trump sitzt 2005 in einem Bus, der im Auftrag für die Unterhaltungsshow "Access Hollywood" unterwegs ist. Er unterhält sich mit dem Moderator Billy Bush. Zu sehen ist nur der Bus von außen, zu hören ist aber, was die Insassen an Bord miteinander reden.

Das Gespräch dreht sich um eine verheiratete Frau, mit der Trump offenbar Geschlechtsverkehr haben wollte. Trump sagt unter anderem: "Ich hab versucht, sie zu vögeln. Sie war verheiratet. Ich bin wie verrückt auf sie los, aber es klappte nicht. Und sie war verheiratet. Dann hab ich sie wieder gesehen, sie hat diese großen künstlichen Titten und so." Aus seiner Stimme klingt Verachtung.

Trump weiter: "Weißt du, ich stehe automatisch auf schöne Frauen - ich küsse sie einfach. Es ist wie bei einem Magneten. Ich küsse sie. Ich warte nicht ab." Wenn man berühmt sei, erklärt Trump, dann sei das kein Problem. "Wenn du ein Star bist, dann lassen sie dich. Du kannst alles machen. Ihnen an die Muschi fassen. Alles." Die Männer lachen.

Am Freitagnachmittag wurde der Videomitschnitt von der "Washington Post" publik gemacht , seitdem gibt es kaum ein anderes Thema mehr. Innerhalb weniger Stunden entfaltete der Drei-Minuten-Clip eine Wucht wie bislang kein anderer Skandal des 70-Jährigen. Die Nähe zum Wahltag, der Inhalt des Videos, Trumps lange sexistische Geschichte, die Emotionen rund um seine Kandidatur, die Krise des Konservatismus - all das scheint in diesem Moment auf für Trump gefährliche Weise zusammenzuwachsen.

Trump selbst äußerte sich in einer kurzen Videostellungnahme um Mitternacht. Er entschuldigte sich. Jeder, der ihn kenne, wisse, dass diese Sätze nicht zu ihm passten, sagte er. Dann nannte er die Aufnahmen von 2005 eine "Ablenkung" von den wirklich wichtigen Themen des Wahlkampfs - und drohte, in den kommenden Tagen auch die Affären von Bill Clinton zu thematisieren. "Wir sehen uns bei der Debatte", rief er am Ende in die Kamera, in Anspielung auf das am Sonntag anstehende zweite TV-Duell.

Diesen Vorfall aber, so scheint es, wird ihm so schnell kaum jemand durchgehen lassen. Ob Nachrichtensendungen, Zeitungen oder Politiker aller Parteien - der Tenor der Bewertung ist einhellig: Die Sätze Trumps sind indiskutabel. Er verharmlost sexuelle Übergriffe auf Frauen nicht nur. Er prahlt damit.

Hillary Clinton, die Demokratin, reagierte sofort. "Das ist fürchterlich", hieß es in einem Tweet von ihrem Account, "wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Mann Präsident wird."

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Auch die Prominenz der republikanischen Partei verurteilt ihn ausnahmslos.

  • "Frauen dürfen niemals mit solchen Ausdrücken beschrieben werden", sagte Parteichef Reince Priebus in einer ersten Stellungnahme, "über Frauen darf niemals auf solche Weise geredet werden. Niemals."
  • Paul Ryan, Sprecher des Repräsentantenhauses und vor vier Jahren Vize-Kandidat Mitt Romneys, sagte, Trumps Äußerungen machten ihn "krank". "Frauen dürfen nicht zu Objekten abgewertet werden." Und weiter: "Ich hoffe, dass Mr Trump sich ernsthaft mit diesem Vorfall auseinandersetzt." An einer gemeinsamen Wahlkampfveranstaltung am Samstag in Wisconsin werde Mr Trump "nicht mehr teilnehmen".
  • John McCain, Ex-Präsidentschaftskandidat der Republikaner, der gerade in Arizona um seine Wiederwahl als Senator kämpft, sagte: "Es gibt keine Entschuldigung für Donald Trumps verletzende und erniedrigende Äußerungen. Keine Frau sollte jemals das Opfer solchen Verhaltens werden." Dann ging McCain noch einen Schritt weiter. Trump allein müsse "die Konsequenzen tragen".

Was heißt das? Legt McCain Trump womöglich sogar den Rückzug nahe?

Es gibt aus den Reihen der Republikaner erste entsprechende Forderungen. Mike Lee, Senator aus Utah, forderte Trump in einem emotionalen Video auf, von der Kandidatur zurückzutreten. Jon Huntsman, früherer Gouverneur von Utah und Ex-Botschafter der USA in China, der erst vor einer Woche bekannt gegeben hatte, Trump trotz vieler Bedenken wählen zu wollen, vollzog noch am Freitagabend die Kehrtwende. "In diesem Wahlkampf ging es ohnehin immer weiter abwärts", sagte Huntsman der Zeitung "Salt Lake Tribune". Wenn Trump über das Video stürzen sollte - wie würde es dann für die Partei weitergehen? Huntsman hat eine Antwort: "Es ist an der Zeit, dass Mike Pence die Kandidatur übernimmt."

Mike Pence, Trumps Vize-Kandidat, der in einem TV-Duell am vergangenen Dienstag überzeugte, obwohl - oder gerade weil - er in Schlüsselfragen andere Positionen vertrat als Donald Trump. Wie wird die einflussreiche christliche Rechte innerhalb der republikanischen Partei auf diese neue Wendung reagieren? Ob es weitere, lautere Rücktrittsforderungen geben wird, hängt vor allem davon ab, wie sich Donald Trump nun verhält.

Seine sexistischen Äußerungen waren immer wieder Thema in diesem Wahlkampf. Ein echtes Problem sind sie für Trump, seit Hillary Clinton im ersten TV-Duell ihren Rivalen damit überraschend konfrontierte. Statt sich einsichtig zu zeigen, versuchte Trump frühere verbale Attacken gegen Frauen sogar noch zu rechtfertigen. In den Umfragen fiel er daraufhin zurück.

US-Regierung beschuldigt Russland des Datendiebstahls

Die Geschichte des Videos war aber nur eine Nachricht an einem Nachmittag in den USA, der das Zeug dazu hat, die gesamten letzten Wochen des Wahlkampfs zu bestimmen. Kurz vor dem Scoop der "Washington Post" eskalierte der seit Monaten schwelende Konflikt um die gehackte Kommunikation hochrangiger Vertrauter von Hillary Clinton auf gleich zweifache Weise.

Einerseits beschuldigte die US-Regierung erstmals direkt die russische Führung für den massenhaften Diebstahl sensibler Daten und warf Moskau vor, gemeinsam mit WikiLeaks und einer Hackergruppe namens "Guccifer 2.0" den Ausgang der Präsidentschaftswahl beeinflussen zu wollen. Mit Blick auf das Ausmaß und das Vorgehen der Hacker glauben die Amerikaner, dass nur Russlands "höchstrangige Beamte diese Aktivitäten erlauben konnten". Ein erstaunlicher Zug, der das ohnehin angespannte Verhältnis beider Nationen weiter verschlechtern dürfte. Und ein Schritt, den Obamas Regierung wohl kaum gegangen wäre, wenn sie für die Anschuldigung nicht handfeste Belege hätte.

50.000 E-Mails von Clintons Wahlkampfmanager veröffentlicht

Nahezu zeitgleich mit der Anklage aus Washington passierte ein Gau für die Clinton-Kampagne: WikiLeaks veröffentlichte rund 50.000 E-Mails von Clintons Wahlkampfmanager John Podesta. Schon seit Tagen war darüber spekuliert worden, dass die Enthüllungsplattform wie schon in den Monaten zuvor sensible Dokumente aus dem Umfeld der Kandidatin streuen könnte. Nun scheint WikiLeaks erneut geliefert zu haben.

Die abgefischten E-Mails sind für Clinton durchaus heikel. Sie enthalten unter anderem Teile der Manuskripte jener Reden, die sie in den vergangenen Jahren vor großen Banken hielt. Weil Clinton sich weigerte, diese Redemanuskripte zu veröffentlichen, hatte ihr Rivale Bernie Sanders in den Vorwahlen bis zuletzt spekuliert, sie habe etwas zu verheimlichen. Offenbar in Reaktion auf die Vorwürfe von Sanders, so legen es die E-Mails nahe, hatte Clintons Team die problematischsten Redestellen gesammelt und geprüft. So träumte sie in einer Rede von "freiem Handel und offenen Grenzen" in der westlichen Hemisphäre. In einer anderen bezeichnete sie sich aufgrund ihres Vermögens als "entfremdet" von der Mittelschicht. Es sind Sätze, die sie in den kommenden Wochen noch verfolgen könnten.

Trump-Tape, Vorwurf der US-Regierung, E-Mail-Leak - jede einzelne dieser Geschichten hätte wohl gereicht, um tagelang die Nachrichten im Wahlkampf zu bestimmen. Die zeitliche Parallelität der Ereignisse an diesem Freitag scheint derart erstaunlich, dass manche Beobachter in den USA gar über einen Zusammenhang spekulieren. Dafür gibt es bislang keine Hinweise. Aber ob Zufall oder nicht: Clinton dürfte über die Veröffentlichung von Trumps erschütternden Äußerungen einigermaßen erleichtert sein.


Zusammengefasst: Der US-Wahlkampf wurde am Freitag von drei Nachrichten erschüttert. Zum einen tauchte ein Video von 2005 auf, in dem zu hören ist, wie Donald Trump sexuelle Übergriffe gegen Frauen rechtfertigt, sogar damit prahlt. Die wichtigsten Parteiführer gingen sofort auf Distanz zu ihrem Kandidaten. Fast zeitgleich veröffentlichte WikiLeaks rund 50.000 E-Mails von Clintons Wahlkampfmanager John Podesta. Und: Die US-Regierung beschuldigte erstmals direkt die russische Führung für den massenhaften Diebstahl sensibler Daten und warf Moskau und WikiLeaks vor, den Ausgang der Präsidentschaftswahl beeinflussen zu wollen.

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