Pressestimmen zum US-Abzug aus Syrien "Dumm, töricht, verräterisch, kurzsichtig"

Der IS ist mitnichten besiegt - und mit dem Abzug seiner Truppen aus Syrien überlässt Donald Trump anderen Mächten das Feld: So sehen Kommentatoren die neueste weltpolitische Volte des US-Präsidenten.

US-Armee in Syrien
AFP

US-Armee in Syrien


"NZZ", Zürich:

"Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen, was (US-Präsident Donald) Trump zu seiner Entscheidung bewogen hat, welche so offenkundig den Anti-Terror-Kampf gefährdet, die kurdischen Verbündeten ins offene Messer laufen lässt und obendrein noch den Iranern freies Feld in Syrien überlässt. Hatte nicht eben erst Trumps Sicherheitsberater John Bolton verkündet, die USA markierten so lange militärische Präsenz, bis das Mullah-Regime seine eigenen Einheiten zurückziehe? (...)

In Wahrheit lässt sich kein echter politischer Nutzen erkennen außer vielleicht dem, dass Trump seinen Anhängern die Illusion eines eingelösten Wahlversprechens verkaufen kann; dass er, der Friedensstifter, Amerika aus einem komplizierten und teuren Konflikt befreit. Dafür ist Trump offenkundig bereit, viel verbrannte Erde zurückzulassen."

"Corriere della Sera", Rom:

"Aus allen Teilen der Welt hagelte es gestern unbarmherzige Kritik auf das Weiße Haus. Aber den härtesten Schlag hat dem Präsidenten General Mattis mit seinem Rücktritt versetzt, der Verteidigungsminister, der seit Langem eine schwierige Beziehung zu Trump hatte. In Syrien wurde der IS empfindlich geschwächt, doch von ihren verbliebenen Hochburgen aus sind die Halsabschneider noch immer in der Lage, zuzuschlagen (...), hatte Mattis dem Präsidenten klargemacht. (...)

Zutreffende Beobachtungen (...), die allerdings wenig mit den eingefahrenen Prioritäten von Trump zu tun haben. (...) Für Trump zählt nur, entscheidungsfreudig zu sein und zu wirken, als Anführer (dazustehen), den nur interessiert, was dem Amerika gefällt, das ihn gewählt hat und das bereit ist, es wieder zu tun, während die Demokraten sich abmühen, einen Kandidaten für die Präsidentschaft zu finden."

"The Times", London:

"Was nun mit den kurdischen Partnern der USA geschieht, ist eine offene Frage. Sollte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine angedrohte Offensive gegen sie starten, wären die kurdischen Kämpfer - nach Schätzungen 30.000 bis 60.000 - erheblich in der Unterzahl. Sie hätten kaum eine andere Wahl, als einen Deal mit Syriens Präsidenten Baschar al-Assad zu machen. Doch ohne die militärische Macht Amerikas im Rücken müssten sie mit ziemlicher Sicherheit die Aussicht auf eine nennenswerte Autonomie aufgeben. Das würde Assads Kontrolle über das Land festigen und seinem Hauptverbündeten, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, einen Sieg bescheren. Die anderen großen Verlierer sind Amerikas Verbündete. Allen voran Israel, das nun mit der permanenten Präsenz iranischer Truppen direkt an seiner Grenze fertig werden muss."

"de Volkskrant", Amsterdam:

"Dumm, töricht, verräterisch, kurzsichtig, so nennen viele von Trumps eigenen Beratern und Unterstützern im Kongress diese Entscheidung, während in autoritären Kreisen die Jubelrufe nur mit Mühe unterdrückt werden können. Nach der früheren Ankündigung, dass die (gerade mal) zweitausend Soldaten dauerhaft in Syrien bleiben würden, ist das erneut eine unerwartete Kehrtwende. Sie sollten den IS ebenso in Schach halten wie Iran, Russland und den Türken Erdogan - die alle darauf aus sind, Amerikas kurdische Bündnispartner in Syrien von der Landkarte zu tilgen."

"El Mundo", Madrid:

"Der Einzug von (US-Präsident Donald) Trump ins Weiße Haus sorgt für eine beunruhigende neue Weltordnung. Seine voreilige Entscheidung, die 2000 US-amerikanischen Soldaten abzuziehen, die derzeit in Syrien gegen den 'Islamischen Staat' kämpfen, ist der bisher schlimmste Beweis dafür, dass er nicht nur rhetorisch, sondern wirklich den Isolationismus ansteuert (...) Der US-Abzug ist unverantwortlich, weil der IS noch lange nicht bezwungen ist. Und politisch wird die Entscheidung unvorhergesehene Folgen haben, weil sie Ländern wie Russland oder China das Feld überlässt."

"Nowaja Gaseta", Moskau:

"Der Abzug der US-Truppen aus Syrien ist ein Schritt, den Trump seinen Anhängern schon lange versprochen hat und dem sich die Generäle im Kampfgebiet das ganze letzte Jahr widersetzt haben. Die US-Generäle haben Zeit geschunden in der Hoffnung, dass die Position der Kurdenarmee SDF stärker wird. Denn die Kurden waren der Schlüsselpartner der USA bei den Gefechten in der Provinz Dair as-Saur. Und gerade die Kurden werden jetzt von den USA geopfert. Die Türkei hat klar zu verstehen gegeben, dass ihr Hauptgegner in Syrien die bewaffnete kurdische Opposition ist."

"Die Welt", Berlin:

"Der Schaden geht weit über Syrien hinaus. Wer soll sich noch auf die USA verlassen, wenn langjährige Verbündete wie die Kurden von heute auf morgen geopfert werden? Welchen Frieden können die USA garantieren? Welchen Aggressor abschrecken? Doch es ist eine Einladung an alle Feinde des Westens, die Willens- und Konzentrationsschwäche dieses Dilettanten auszunutzen. Die nächsten Provokationen Putins."

"Rheinische Zeitung", Koblenz:

"Mit einem einzigen Tweet hat sich Trump über den Rat aller in seiner Regierung hinweggesetzt, die etwas mit der Gestaltung der Syrien-Politik zu tun haben. Dieser Alleingang wird die Machtbalance im Mittleren Osten verändern - und das nicht zum Guten. Die USA erlauben es den Feinden Israels, direkt vor dessen Haustür zu erstarken. Gleichzeitig kommt Putin seinem Traum einen großen Schritt näher, die russische Hegemonie im Herzen des Mittleren Ostens wieder zu errichten. Trump degradiert die USA zum Zuschauer."

"Kölner Stadt-Anzeiger":

"Gut möglich, dass Trump die Folgen seiner Entscheidung nicht bedacht hat. Dass er von seiner Rolle als siegreicher Feldherr und treusorgender Oberbefehlshaber so berauscht war, dass er darüber das Wohlergehen Israels vergessen hat. Seine Volte setzt den engsten Verbündeten einer existenziellen Gefahr aus: Ziehen die Amerikaner aus Syrien ab, steht einer iranischen Landbrücke von Teheran über den Irak und Syrien bis zu den Golanhöhen nichts mehr im Wege."

oka/dpa



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