Kavanaugh-Anklägerin nachgeäfft Republikaner kritisieren Trumps Verbalattacke

"Schlicht falsch": Drei Republikaner im US-Senat haben entsetzt auf Trumps Spott gegenüber einer Kavanaugh-Anklägerin reagiert - ihre Stimmen könnten bei der Wahl über den Richterkandidaten entscheidend sein.

Jeff Flake
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Jeff Flake


US-Präsident Donald Trump steht nach seinem Wahlkampfauftritt in Southaven im Bundesstaat Mississippi in der Kritik - und die kommt inzwischen nicht mehr nur von den oppositionellen Demokraten, sondern auch aus seiner eigenen Partei und ihm wohlgesonnenen Medien. Trump hatte sich am Dienstag vor jubelnden Anhängern über jene Frau lustig gemacht, die seinem Kandidaten für einen Posten am Obersten US-Gericht versuchte Vergewaltigung vorwirft.

Trump äffte auf der Bühne die Befragung der Professorin Christine Blasey Ford vor dem US-Senat nach. "Wie sind Sie nach Hause gekommen? Ich erinnere mich nicht", sagte Trump. "Wie sind Sie dorthin gekommen? Ich erinnere mich nicht. Wo ist der Ort? Ich erinnere mich nicht. Vor wie vielen Jahren ist es passiert? Ich weiß es nicht." Trump fuhr mit diesem nachgestellten Frage-und-Antwort-Spiel fort und sagte dann: "Aber ich habe ein Bier getrunken. Das ist das Einzige, woran ich mich erinnere. Und das Leben eines Mannes ist ruiniert. Das Leben eines Mannes ist zerstört."

Video: Trump macht sich über Kavanaugh-Anklägerin lustig

Von seinen Anhängern in Southaven gab es dafür viel Applaus. Der republikanische Senator für Arizona, Jeff Flake, sagte über den Auftritt Trumps nun jedoch, es gebe keinen Zeitpunkt und keinen Ort für Bemerkungen wie diese. "Ich wünschte, er hätte es nicht getan." Etwas so Sensibles bei einer Wahlkampfveranstaltung anzusprechen "ist einfach nicht richtig", sagte Flake im NBC-Interview.

Noch weitere republikanische Senatoren kritisierten Trump. "Die Bemerkungen des Präsidenten waren schlicht falsch", sagte Susan Collins (Maine). Lisa Murkowski (Alaska) sagte, es sei "komplett unangemessen" und "inakzeptabel" von Trump, Ford zu verspotten. "Ich werde alles berücksichtigen."

Video zu Jeff Flake: Sorgte diese Szene für den Sinneswandel im Fall Kavanaugh?

JIM LO SCALZO/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Kritik dieser drei Senatoren ist auch deshalb bemerkenswert, weil ihren Stimmen bei der Kavanaugh-Bestätigung viel Gewicht zugerechnet wird. Im Senat haben die Republikaner nur eine hauchdünne Mehrheit, das Gremium entscheidet über die Nominierung von Kavanaugh. Sollten die oppositionellen Demokraten im gesamten Senat geschlossen gegen eine Ernennung Kavanaughs stimmen - was als wahrscheinlich gilt -, würden zwei Nein-Stimmen der Republikaner reichen, um die Ernennung Kavanaughs zu verhindern.

Flake, Collins und Murkowsi galten ohnehin bereits als Wackelkandidaten. Aber auch bei den Demokraten gibt es mit Heidi Heitkamp (North Dakota) und Joe Manchin (West Virginia) mindestens zwei unschlüssige Senatoren. Die beiden müssen sich im November zur Wiederwahl stellen und fürchten den Zorn von Wählern.

"Unter der Würde des Weißen Hauses"

Auch der republikanische Senator Lindsey Graham (South Carolina) - ein lautstarker Verfechter von Trump und Kavanaugh - sagte am Mittwoch: "Mir gefällt nicht, was der Präsident gestern gesagt hat." Und selbst in der Trump stets wohlgesonnenen TV-Sendung "Fox and Friends" gab es kritische Töne. Trumps zurückhaltende Taktik gegenüber Ford sei von allen Seiten begrüßt worden, sagte Moderator Brian Kilmeade. Am vergangenen Abend habe der US-Präsident damit komplett gebrochen. "Ich frage mich, ob das klug war - so sehr die Menge es auch geliebt hat; ich frage mich, ob es taktisch klug war von ihm, das zu tun."

Tatsächlich war die Frontalattacke Trumps auf Ford ein radikaler Strategiewechsel - bislang hatte er sich sehr zurückgehalten und sie nach ihrer Anhörung im Senat sogar als "sehr glaubwürdige Zeugin" bezeichnet. Ford wirft Kavanaugh vor, im Sommer 1982 am Rande einer Party versucht zu haben, sie zu vergewaltigen. Trumps Kandidat für den Supreme Court weist die Vorwürfe entschieden zurück. Zwei weitere Frauen werfen Kavanaugh ebenfalls sexuelle Übergriffe vor.

Video von Blasey Fords Aussage: "Er drückte mir mit der Hand auf den Mund"

Die Demokraten wurden naturgemäß deutlicher in ihrer Kritik an Trump. Nach den Worten des demokratischen Minderheitsführers im US-Senat, Chuck Schumer, schuldet Trump der Belastungszeugin "eine unverzügliche Entschuldigung": "Der unverhohlene Spott des Präsidenten gegenüber einem Opfer eines sexuellen Übergriffs war verwerflich, war unter der Würde des Weißen Hauses und hat den zwischenmenschlichen Anstand verletzt."

Wie Sanders Trump verteidigt

Verteidigt wurde Trump von seiner Pressesprecherin Sarah Sanders. Sie sagte, der Präsident habe lediglich die Fakten präsentiert - und Ford nicht verspottet. Zudem griff Sanders die Demokraten und Medienvertreter an: Jedes Wort von Richter Kavanaugh sei untersucht worden. Aber sobald jemand ein Wort über die Anschuldigungen gegen ihn verliere, gelte das als unerhört. "Das gesamte Prozedere war eine Schande."

Sanders wurde auch danach gefragt, ob Trump mit seinen Aussagen entscheidende Stimmen bei den Republikanern im Senat verspielt habe. "Das denke ich nicht", sagte sie. "Der Präsident glaubt an seinen Kandidaten, das hat er mehrfach betont. Und wir erwarten, dass der Senat abstimmt, hoffentlich bald."

Ermittler der US-Bundespolizei FBI untersuchen derzeit die Vorwürfe gegen Kavanaugh. Ihr Bericht soll auf Anweisung von Trump bis spätestens Freitag vorliegen. Berichten zufolge könnte er womöglich sogar schon am Mittwoch fertiggestellt sein.

Der republikanische Mehrheitsführer Mitch McConnell teilte am Mittwoch mit, er habe den Antrag zur Beendigung der Senatsdebatte über die Nominierung Kavanaughs eingereicht. Am Freitag solle darüber abgestimmt werden, ob die Debatte beendet werden solle. Damit könnte der Senat, wenn er für ein Ende der Debatte votiert, Kavanaugh schon am Samstag als neuen Richter am Supreme Court bestätigen.

aar/dpa



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hileute 04.10.2018
1. Ich habe die Anhörung nicht gehört,
aber wenn Frau Ford dort auch nur annähernd solche Lücken in ihrer Aussage hatte wie Trump behauptet ist das schon ein sehr starkes Indiz das das größtenteils erlogen ist, was angeblich alles vorgefallen ist
solltemanwissen 04.10.2018
2. Perspektivwechsel
Vergleichen wir das Thema doch mal mit der Diskussion nach Silvester 2015. Wie verlogen Ihr Wähler der "alternativen" Parteien doch seid!
HanzWachner 04.10.2018
3.
Dass Herr Trump nicht die Werte der ehemaligen westlichen Welt vertritt ist bekannt. Er ist der erste amerikanische Präsident, der Rassissmus, Frauenfeindlichkeit, Minderheitenbashing, Sozial- und Steuerbetrug, Militarismus und internationale Staatenbedrohung zum Politikziel macht und damit die USA der übrigen Erde entegegenstellt. Die Erde wird diesen Unsinn überstehen, Mr. Trump eher nicht.
Kiwimann 04.10.2018
4. Wieso nimmt der Schumer vorweg, was nur ne Behauptung ist ?
"Der unverhohlene Spott des Präsidenten gegenüber einem Opfer eines sexuellen Übergriffs war verwerflich, war unter der Würde des Weißen Hauses und hat den zwischenmenschlichen Anstand verletzt." Gelogen haben die Demokraten und die ihnen verbundenen Medien schon immer. Die Tante Ford hat sexuelle Fantasien gehabt und verwechselt diese Fantasien mit der Realitaet. Ich glaube den Aussagen von Kavanaugh und nicht dem linken Mob !
bmvjr 04.10.2018
5. Nur in Amerika
Ein seit langer Zeit hervorragender Hollywood Schauspieler wird seiner Vergehen in der Vergangenheit wegen geaechtet und in die Wueste geschickt (vielleicht sogar zurecht, vielleicht sogar angemessen) aber ein Praesident Trump wird trotz nachweislicher Vergehen gehalten. Da sieht man wohl vor Dreck den Stecken nicht. Das gibt's wirklich nur in Amerika.
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