Affären im US-Wahlkampf Komm du nur, Donald

Donald Trump steht nach dem TV-Duell dumm da, er ist endgültig als Sexist bloßgestellt. Wütend droht er nun, die Affären Bill Clintons zum Thema im Wahlkampf zu machen. Hillary Clinton kann das nur recht sein.

Donald Trump
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Donald Trump

Von , Washington


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Sie haben Eheprobleme eingeräumt. Heißt das, Sie haben sich schon mal getrennt? Haben Sie über Scheidung nachgedacht?"

1992 stellte der TV-Journalist Steve Kroft dem damaligen Präsidentschaftsanwärter Bill Clinton und seiner Frau Hillary diese Fragen, in einem Interview für die Sendung "60 Minutes".

Halb Amerika sah dieses Fernsehverhör. Hillary Clinton, überschminkt und kämpferisch, und Ehemann Bill, adrett frisiert und nervös, sitzen - hin und wieder Händchen haltend - auf einem Sofa und mühen sich, Gerüchte zu zerstreuen, er habe jahrelang eine Affäre mit dem Model Gennifer Flowers gehabt.

Steve Kroft, Hillary Clinton, Bill Clinton (1992)
Getty Images/ CBS

Steve Kroft, Hillary Clinton, Bill Clinton (1992)

Hillary Clinton macht keinen Hehl daraus, dass sie es unzumutbar findet, über ihr Privatleben Auskunft geben zu müssen.

"Wissen Sie", sagt sie gegen Ende des Gesprächs, "ich sitze hier nicht wie ein kleines unbedarftes Frauchen, das blind zu seinem Mann steht wie in einem Countrysong, sondern weil ich ihn liebe und respektiere. Wenn das den Leuten nicht reicht - verdammt, dann wählt ihn halt nicht."

Die Botschaft kam an: Die Amerikaner machten Bill Clinton, dessen Affäre mit Monica Lewinsky ihn später noch an den Rand eines Amtsenthebungsverfahrens bringen sollte, zum Präsidenten.

Die Clintons überstanden diese Skandale. Doch vergessen sind sie natürlich nicht. Erst recht nicht bei Donald Trump.

Am Montag scheiterte der Präsidentschaftskandidat der Republikaner im TV-Duell gegen Hillary Clinton, und seit dieser Demütigung ist der Milliardär wütend.

Trump war nicht nur mangelhaft vorbereitet auf den 90-minütigen Showdown. Vielmehr reagierte er so dünnhäutig auf Clintons Provokationen, dass es ihr ein Leichtes war, eine vernichtende Schlussattacke und damit das Medienthema der folgenden Tage zu setzen: Trump, der Sexist.

Kein Streitpunkt des Duells wird seither so intensiv diskutiert wie die Art und Weise, in der Donald Trump Frauen behandelt: herablassend, gönnerhaft, verachtend, verletzend, grob beleidigend - jede Erscheinungsform von Sexismus ist vertreten.

Trump reagierte umgehend auf seine öffentliche Bloßstellung.

Noch am Abend der Debatte dröhnte er, nur aus Rücksicht auf die im Zuschauerraum anwesende Tochter der Clintons, Chelsea, habe er das As in seinem Ärmel nicht ausgespielt: Bill Clinton, dessen außerehelichen Affären und die Rolle, die Hillary Clinton dabei spielte. Aber er könne dieses Thema jederzeit auf die Tagesordnung setzen.

Gennifer Flowers (1998)
AFP

Gennifer Flowers (1998)

Die Frage ist nur: Wäre das wirklich eine gute Idee?

Worauf Trump abzielt, ist klar: Hillary Clinton hat in den Neunzigerjahren einige der Frauen, die Affären mit oder angebliche Belästigungen durch Bill Clinton bekannt machten, scharf attackiert. In einem Interview sagte sie damals, sie würde Gennifer Flowers gern persönlich ins Verhör nehmen, "ich würde sie kreuzigen". An anderer Stelle soll sie laut "Washington Post" in Bezug auf eine der Frauen gesagt haben, "wir müssen ihre Story zerstören".

"Bill Clinton hat Frauen missbraucht, schlimmer als jeder andere Mann, den wir kennen", polterte Trump bei einem Wahlkampfauftritt im Mai, "und Hillary hat ihm geholfen."

Es darf jedoch bezweifelt werden, ob Trump - selbst ein notorischer Fremdgeher und zwei Mal geschieden - wirklich punkten kann, wenn er das Fehlverhalten anderer Ehemänner und die Reaktion ihrer Ehefrauen thematisiert.

Dem Clinton-Team ist offenbar nicht bange, dort kalkuliert man so: Unter den noch unentschlossenen Wählern, die man erreichen will, sind Frauen und junge Menschen die wichtigsten Gruppen.

Für beide dürften die mehr als 20 Jahre zurückliegenden Skandale Bill Clintons kaum eine Rolle spielen bei der Entscheidung über die Präsidentschaft 2016. Viel wichtiger sind für sie Probleme wie die Finanzierung eines Hochschulstudiums, Lohngerechtigkeit oder bezahlte Elternzeit.

Dass Hillary Clinton in den Neunzigerjahren die Geliebten ihres Mannes attackierte, dafür dürften die meisten Amerikaner eher Verständnis aufbringen. Das Magazin "Politico" zitiert eine Beraterin der republikanischen Partei, die die Reaktion einer Wählerin bei einer Befragung so wiedergab: "Welche Ehefrau würde denn nicht die Geliebte angreifen?"

Clinton, die in der Debatte am Montag zeigte, wie kämpferisch sie auf persönliche Attacken Trumps in der direkten Auseinandersetzung zu reagieren vermag, könnte es am Ende nur recht sein, wenn ihr Widersacher das Thema tatsächlich anschneidet.


Zusammengefasst: Donald Trump droht, Bill Clintons Affären zum Thema im Wahlkampf zu machen. Er will damit Hillary Clinton treffen, die in den Neunzigerjahren einige der fraglichen Frauen heftig attackierte. Doch das Team Clintons sieht diese Drohungen gelassen: Trump, dessen Sexismus seit Tagen das meist diskutierte Thema in US-Medien ist, kann auf diesem Feld eigentlich nur verlieren.

Das TV-Duell zur US-Wahl in voller Länge
insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
omanolika 30.09.2016
1. Die selbstinszenierte Lachnummer?
Mr. Trump wird wohl kaum ein Image aufbauen, als der nun ja allergrößte Versteher von Frauen, und daher wird es ihm halt eher nicht gelingen, Hillary Clinton jetzt im Wahlkampf zu bezwingen, wenn er ausgerechnet solche Affären zum Thema macht, weil man ihn dafür wohl sehr viel eher auslacht. Und es ist anzunehmen, dass Donald`s Lachnummer, Hillray Clinton nicht gerade bereitet sehr viel Kummer...
RalfHenrichs 30.09.2016
2. Naja
Es gibt jetzt eine erste Umfrage, deren Erhebungszeitpunkt vollständig nach dem TV-Duell lag: von Public Policy Polling: danach führt Clinton mit 4 Prozentpunkten. Klingt gut für sie, aber der Umfrage vorher von PPP führte sie noch mit 5 Prozentpunkten. Das heißt gar nichts, außer dass wahrscheinlich das TV-Duell kein Erdrutschsieg für Clinton war. Auch hier also wieder: die SPON-Analysen waren wohl wieder mal falsch. Aber klar, man muss die nächsten Umfragen abwarten. Und in der Frauenfrage: die muss - und kann - Trump gar nicht gewinnen. Wenn er ein Unentschieden in diesem Bereich erreicht (oder zumindest keinen deutlichen Sieg von Clinton), dürfte es ihm ausreichen. Seine Stärken hat er woanders.
fabi.c 30.09.2016
3. Gott um.,..
Gott zu Hilfe Bitten ist nicht schlecht "Bewahre uns Gott vor Donald Trump " Das Amt des Amerikanischen Präsidenten wäre beschädigt , weil künftig jeder der Milliardär wäre sich bewerben könnte. Politische Erfahrung ist in dieser Zeit gefragte den je. Hasardeure die alles versprechen und die Welt neu ordnen wollen würden einen Weltkrieg anzetteln. Herr Trump soll seine Versprechungen an der Börse verkaufen.
Beat.Adler 30.09.2016
4. Umfragen
Zitat von RalfHenrichsEs gibt jetzt eine erste Umfrage, deren Erhebungszeitpunkt vollständig nach dem TV-Duell lag: von Public Policy Polling: danach führt Clinton mit 4 Prozentpunkten. Klingt gut für sie, aber der Umfrage vorher von PPP führte sie noch mit 5 Prozentpunkten. Das heißt gar nichts, außer dass wahrscheinlich das TV-Duell kein Erdrutschsieg für Clinton war. Auch hier also wieder: die SPON-Analysen waren wohl wieder mal falsch. Aber klar, man muss die nächsten Umfragen abwarten. Und in der Frauenfrage: die muss - und kann - Trump gar nicht gewinnen. Wenn er ein Unentschieden in diesem Bereich erreicht (oder zumindest keinen deutlichen Sieg von Clinton), dürfte es ihm ausreichen. Seine Stärken hat er woanders.
Umfragen Bei den vergangenen 10 Praesidentschaftwahlen war die Stimmbeteiligung um die 55%. 45% gingen gar nicht waehlen. Wenn also heute eine Umfrage am Telefon gemacht wird: Fuer wen sind Sie? Fuer Hillary oder den Donald? Sollten ehrlicherweise 45% der Befragten antworten: Ist mir egal. Die restlichen 55% dann fuer den einen oder den anderen Kandidaten sein. Es kann also nicht sein, dass 48% fuer Hillary und 44% fuer den Donald sind. Geht gar nicht. Das wuerde heissen, dass nur 8% nicht waehlen gehen, es sind aber 45%. Die groesste Waehlergruppe sind die Frauen, es gibt mehr Frauen wie Maenner und sie haben eine groessere Stimmbeteiligung. Seit wann konnte dort Trump Boden Gut machen? Es ist mir keine Umfrage bekannt, wo Trump bei den Frauen gewinnt. Eine zweite grosse Waehlergruppe sind die Beser-Gebildeten/Besser-Verdienenden, auch hier liegt Hillary deutlich vorne. Bei dieser Wahl 2016 sind die Latinos/Hispanics zusammen mit den Afro-Amerikanern ueber ein Drittel der Stimmberechtigten. Hier liegt Hillary Welten vor Trump. Diese Umfragen 48 zu 44 haben wirklich keinerlei Aussagewert.
themistokles 30.09.2016
5.
"Bill Clinton hat Frauen missbraucht, schlimmer als jeder andere Mann, den wir kennen", polterte Trump bei einem Wahlkampfauftritt im Mai in typisch übertriebener Art und Weise, "und Hillary hat ihm geholfen." Wahnsinn. Und so ein Mann will Präsident der mächtigsten Militärnation der Welt werden? Gruselig. Erschreckend.
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