Marc Pitzke

Trumps Einwanderungspolitik Die Antithese zu Amerika

In seinem Furor gegen illegale Einwanderer lässt US-Präsident Donald Trump ganze Familien auseinanderreißen. Die Praxis ist ein Verrat an den amerikanischen Idealen.
Flüchtlinge auf dem Weg zur US-Grenze

Flüchtlinge auf dem Weg zur US-Grenze

Foto: VICTORIA RAZO/ AFP

Die gewaltsame Trennung von Familien gehört zum repressiven Handwerkszeug. Kolonialherren nutzten sie, um fremde Völker zu terrorisieren. Sklavenhalter, um den Widerstand ihrer "Ware" zu brechen. Autokraten, um Regimekritiker zu demoralisieren.

Eine groteske Abart dieser Psychofolter spielt sich gerade an der US-mexikanischen Grenze ab. Dort zerreißen Donald Trumps Vollstrecker Tausende Immigrantenfamilien, indem sie die Kinder in separate Lager schicken, die oft am anderen Ende des Landes liegen. Seit Oktober vorigen Jahres "separierten" sie so bereits mehr als 2700 Kinder, die allermeisten davon allein in den vergangenen zwei Monaten. Rate: 45 Kinder pro Tag.

Manche Flüchtlinge sehen ihre Kinder monatelang nicht wieder. Andere suchen bis heute oder werden abgeschoben - ohne zu wissen, wo der Rest ihrer Familie ist.

In den Lagern herrschen Zustände, die kein US-Politiker dem eigenen Nachwuchs antun würde. Kinder schlafen auf Pritschen oder in Käfigen. Ärzte warnen vor schwerem Trauma, nicht nur für die Kleinen. Auch die Eltern leiden.

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USA: So sieht es in Trumps Kinderlagern aus

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Wie sicher sind da die Kinder? Wenn sie kein Englisch sprechen? Wenn sie nicht wissen, wo ihre Eltern sind und wann sie diese wiedersehen, wenn überhaupt? Wie sicher sind Menschen überhaupt, die vor Gewalt daheim fliehen, um in einer anderen Form der Gewalt zu landen? Für die die USA die letzte Hoffnung war - und die nun auch diese Hoffnung verlieren?

Dieses Vorgehen der US-Regierung ist die Antithese zu Amerika. Zumindest zum Ideal der Zufluchtsnation, das im Sockel der Freiheitsstatue eingemeißelt ist.

Menschenrechte interessieren Trump nicht

Die Vereinten Nationen werfen den USA Menschenrechtsverletzung vor. Doch Menschenrechte interessieren Trump nicht. Er bewundert Autokraten mehr als Alliierte und brutale Alleinherrschaft mehr als Empathie und Selbstlosigkeit. Er rechtfertigt das Leid anderer mit Lügen, ist zu feige, zu seiner Schandpolitik zu stehen. Stattdessen macht er die Demokraten dafür haftbar: Er befolge ja nur deren Gesetze.

Auch Barack Obama griff hart durch. Doch vor der Quälerei von Familien schreckte er zurück. Erst Trump und sein Justizminister Jeff Sessions befahlen die "Nulltoleranz", die Migranten erst mal kriminalisiert und ihnen auf dieser Grundlage die Kinder entzieht. Sessions hatte die Chuzpe, das mit einem Bibelspruch zu begründen, den auch die Verfechter der Sklaverei beschworen hatten.

Hintergrund dieser Inszenierung: Trump will seine Mauer zu Mexiko. Die Kinder dienen ihm - wie zuvor die "Dreamer" - als Geiseln, um den Kongress zur Finanzierung seines Projekts zu erpressen. So will er sich bei der Basis die Wiederwahl sichern.

Video: "Dreamer" in Angst - Trumps jüngste Feinde

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Das Ziel ist klar

Die Eskalation hat Methode. Sie begann mit dem Einreisestopp für ausgesuchte Muslime. Dann kam das Drama um die "Dreamer", das Amerikas Latino-Gemeinden in Angst und Schrecken versetzte. Nun sind es die Babys mittelamerikanischer Asylsuchender, die, so log Trump am Wochenende, später ja Mitglieder in der berüchtigten MS-13-Gang würden.

Parallel arbeitet Sessions daran, das US-Asylrecht ganz abzuschaffen. Gewalt, Verfolgung, Mord: Kein Fluchtgrund soll einen mehr als legalen Einwanderer qualifizieren. Auch will er manchen die Staatsbürgerschaft nachträglich streichen, so sie nicht genug "Glauben" an die USA nachweisen. Trump hat dafür neulich schon Kandidaten benannt - schwarze Footballspieler, die beim Spielen der Nationalhymne niederknien.

Das Ziel ist klar: Viele hoffen, dass Trump den demografischen Wandel Amerikas zugunsten bisheriger Minderheiten bremst und so den weißen Nationalstaat wiederherstellt, in dem sie in ihrer Fantasie leben.

Es ist kein Zufall, dass die jüngsten Restriktionen nur Migranten aus Südamerika und dem Nahen Osten treffen statt solche, die aus Europa kommen oder aussehen wie Trump und die Mehrheit seiner Fans. Der rassistische Unterton ist da ebenso offensichtlich wie die schleichende moralische Verrohung.

Doch die Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Der Aufruhr wird immer lauter. Am Sonntag, dem amerikanischen Vatertag, gab es landesweite Demonstrationen vor den Kinderlagern. Selbst First Lady Melania Trump erhob zaghaften Widerspruch, während ihre Vor-Vorgängerin Laura Bush deutlicher war: "Das ist amoralisch."

Donald Trump blieb ungerührt. "Happy Father's Day", twitterte er und verbrachte den Rest des Tages auf dem Golfplatz.

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