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Das Programm des Republikaners Trumps Welt

Donald Trump elektrisiert mit seiner Art die USA. Aber wofür steht er eigentlich? Wie sähe das Land unter ihm als Präsident aus? Seine Bücher geben Einblicke in eine Welt, in der alles erstaunlich simpel scheint.

Von wegen jetzt geht's bergab. Ein Donald Trump kennt kein bergab, weder im wahren Leben noch in der Politik. Die Diskussionen der letzten Wochen haben ihm nicht geschadet, seine Werte steigen und steigen. "Die Umfragen zeigen, dass eine Trump-Präsidentschaft unausweichlich ist", twittert Trump.

Man kann das belächeln. Sich darüber aufregen. Dieser Mann lebt auf seinem eigenen Planeten, klar. Aber: Kleinreden lässt sich seine Beliebtheit nicht. Sein Umfragehoch hält bereits so lange an, dass es Zeit ist zu fragen: Wofür steht der Mann eigentlich? Hat er ein politisches Programm? Einen Plan?

Viel kommt da bisher nicht. Jedenfalls, was seine Kampagne angeht. Ein Papier zur Einwanderung. Aber sonst? Trump, Trump, Trump. Er sagt, er habe für alles eine Lösung - aber Festlegungen und konkrete Details vermeidet er bisher. "Lasst das meine Sorge sein, wenn es so weit ist", sagt er.

Es gibt trotzdem einen Weg, sich dem Weltbild von Donald Trump zumindest ansatzweise zu nähern. Er hat immer schon gerne Interviews gegeben. Und er hat Bücher geschrieben, viele sogar. Fast alle haben steile politische Thesen, keines aber ist so programmatisch angelegt wie "Time to get tough" von 2011. Folgt man Trump, ist alles eigentlich supereinfach, man müsste ihn nur ran lassen. Seine Ideen sind in Teilen wirr und bizarr, andere wiederum sind durchaus interessant. Eines ist Trump mit Sicherheit nicht: berechenbar.

WIRTSCHAFT UND ARBEIT

Trump sieht die US-Wirtschaft kurz vor dem Kollaps. Das Außenhandelsdefizit gegenüber China sieht er als Kernproblem, die Billigware aus Fernost als Hauptursache für die ausblutende heimische Industrie. Deshalb setzt Trump auf Protektionismus. "Ich liebe Amerika. Und wenn man etwas liebt, beschützt man es mit allem, was man hat." Heißt bei ihm: Amerikanische Jobs, sonst nichts. Wer Stellen ins Ausland verlagert, wird mit einer Strafsteuer von 20 Prozent belegt. Auch Peking wird der Kampf angesagt. Jedes chinesische Produkt, das auf den amerikanischen Markt kommt, will Trump so lange mit 25 Prozent besteuern, bis China seine "Währungsmanipulationen" beendet. Seine Rechnung ist einfach: mehr Jobs, mehr Steuerzahler, höheres Wachstum. "Ende der Geschichte", schreibt Trump.

ENERGIE

Der Klimawandel würde einen Präsidenten Trump eher nicht interessieren, so viel ist klar. Er setzt auf Öl und Gas - und zwar amerikanisches. Trump würde buddeln und fracken, wo es nur geht, Hauptsache die Energiepreise würden sinken und die Abhängigkeit von Energie aus anderen Staaten auch. "Der Nahe Osten muss unsere Botschaft laut und deutlich zu hören kriegen: Wir hören auf, auf Knien zu euch gekrochen zu kommen." Dazu gehört aus seiner Sicht auch, das Ölkartell Opec zu zerschlagen. Allenfalls aus dem Irak würde er noch Öl nehmen. Denn, so Trump: Für die "Befreiung" des Landes durch die USA sei noch eine Rechnung offen. Die Schulden sollten aus seiner Sicht über Gratis-Energie zurückgezahlt werden. O-Ton Trump: "Wir gewinnen einen Krieg und nehmen das Öl, um die Kosten zu begleichen."

STEUERN

Trump kennt in Sachen Steuern nur eine Richtung: runter. Die Körperschaftssteuer für Unternehmen würde er gleich ganz abschaffen. Denn aus seiner Sicht ist auch hier alles ganz simpel - werden Unternehmen geringer besteuert, stellen sie mehr Leute ein: "Das ist keine Raketenwissenschaft." Die Einkommensteuer würde Trump ebenfalls massiv umgestalten. Sein System: Bis 30.000 Dollar zahlt man ein Prozent, bis 100.000 Dollar fünf Prozent, bis eine Million Dollar zehn Prozent und darüber hinaus 15 Prozent. "Die Steuererklärung passt auf eine Postkarte." Als Outsider lässt sich so etwas leicht fordern. Als Präsident müsste er schauen, wie er etwa Bildung, Infrastruktur und Gesundheit bezahlen will, wenn die Steuern dramatisch fallen. Dazu findet sich im Buch fast nichts.

EINWANDERUNG

Am ausführlichsten ließ sich Trump im Wahlkampf bisher zum Reizthema Einwanderung aus. Zu Beginn seiner Kandidatur verunglimpfte er mexikanische Immigranten als Kriminelle, Drogendealer und Vergewaltiger. Dem folgte ein erstes "Positionspapier", Kernpunkte: eine Mauer entlang der Grenze zu Mexiko, Abschiebung aller "kriminellen" Einwanderer und die Forderung, allen in Amerika geborenen Einwandererbabys die US-Staatsbürgerschaft zu verweigern. Nichts davon ist realistisch. Die Abschiebung von elf Millionen Immigranten würde - neben der groben Bürgerrechtsverletzung - bis zu 600 Milliarden Dollar kosten, 20 Jahre dauern und das Bruttoinlandsprodukt um 1,6 Billionen Dollar senken. Und zur Änderung des Geburtsrechts müsste die Verfassung geändert werden, wozu es einer Zweidrittelmehrheit in beiden Häusern des Kongresses bedarf.

AUSSENPOLITIK

Trumps außenpolitische Thesen bestehen aus plumpen Parolen: Die USA sind grandios, alle anderen sind Verbrecher, Diplomatie ist für Memmen. "Wir sind das großartigste Land, das es je auf der Welt gab", schreibt er in "Time to get tough". Er will neue US-Truppenverbände in den Nahen Osten schicken und sich dafür von Saudi-Arabien bezahlen lassen. Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" hat er eine "narrensichere Methode" - er will ihnen "das Öl wegnehmen", ebenfalls unter dem Einsatz amerikanischer Soldaten, als wären die letzten US-Bodenkriege nicht desaströs genug gewesen. Den Atomdeal mit Iran ("die Perser") lehnt er wie alle republikanischen Kandidaten reflexartig ab, da durch ihn ein "nuklearer Holocaust" drohe.

SOZIALES

In sozialen Fragen erscheint Trump fast gemäßigt - auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick stellt sich heraus, dass sein Fähnchen hier ganz besonders mit dem Wind weht. Nach dem jüngsten Wirbel um seine sexistischen Breitseiten versicherte er schnell, er halte Frauen für "phänomenal". Lange war er für das Recht auf Abtreibung, jetzt ist er dagegen, mit Ausnahme von Vergewaltigungen, Inzest und wenn das Leben der Mutter gefährdet ist. Trump kritisiert, dass Schwule als solche gefeuert werden können, die höchstrichterlich abgesegnete Homo-Ehe lehnt er jedoch ab. Beim Rassismus-Problem verweist er auf seine Reality-Show "The Apprentice", die 2005 ein Schwarzer gewonnen habe - "also bin ich die am wenigsten rassistische Person": Er habe "eine tolle Beziehung zu den Schwarzen". So toll aber nun auch wieder nicht: Für die Rassenproteste von Ferguson machte er die Schwarzen allein verantwortlich - die seien ja immer die Unruhestifter.

GESUNDHEIT

Das war mal eines seiner Lieblingsthemen. Als "Time to get tough" erschien, war die Debatte über Obamacare auf ihrem ersten Höhepunkt. Trump rechnete mit der Idee einer Pflichtversicherung ab. "Ein Job-killendes, das Gesundheitssystem zerstörendes Monster", schrieb er. Trump fordert in seinem Buch ein neues System, das vor allem auf mehr Wettbewerb setzt. So sollen die Krankenversicherungen günstiger und besser werden. Ob er diesen scharfen Kurs auch im Wahlkampf fährt, ist unsicher. Obamacare erfreut sich in den USA inzwischen einer erstaunlichen Beliebtheit, gerade auch in republikanisch dominierten Staaten. Von selbst spricht Trump das Thema schon lange nicht mehr an.

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