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06. Februar 2019, 17:46 Uhr

Trumps Rede zur Lage der Nation

Der Abend der Frauen

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Mehr weibliche Abgeordnete im US-Kongress als je zuvor - und mit Stacey Abrams eine Frau, die auf die Ansprache von Präsident Trump antwortet. Die Demokraten haben ein Zeichen gesetzt: Frauen an die Macht!

Eigentlich hätte eine Frau Donald Trump das Wort erteilen sollen. Doch der US-Präsident wartet nicht auf die Sprecherin des Repräsentantenhauses. Seit die Demokraten dort die Mehrheit haben, ist das Nancy Pelosi. Stattdessen redet Donald Trump einfach los. Er hält seine Rede zur Lage der Nation - ein Eigenlob auf ein Jahr Kampf gegen Frauenrechte.

Pelosi, die hinter Trump sitzt, hört ihm dabei zu. Sie trägt ein weißes Kostüm, wie die anderen knapp 90 Repräsentantinnen der Demokraten im Saal. Es ist ein Tribut an die Suffragetten-Bewegung, die Anfang des 20. Jahrhunderts für ein flächendeckendes Frauenwahlrecht in den USA demonstrierte. Auch Hillary Clinton hatte im Präsidentschaftswahlkampf 2016 daran erinnert, als sie ihre Nominierung als erste weibliche Kandidatin für das Präsidentschaftsamt in einem weißen Hosenanzug annahm. Ihr Auftritt damals war ikonisch. Die 89 Demokratinnen im Repräsentantenhaus sind es auch.

Sie stehen für einen Sieg über die Politik eines Mannes, der im vergangenen Jahr vehement daran gearbeitet hat, Frauenrechte zu begrenzen. Trump hat versucht, der Organisation Planned Parenthood das Geld zu entziehen, die Frauen bei Themen wie Verhütung und Abtreibung berät. Er hat mit der Berufung des konservativen Richters Brett Kavanaugh ans Oberste Gericht jemanden in ein hohes Amt gebracht, der beschuldigt wird, eine Frau vergewaltigt zu haben. Kavanaugh könnte in seiner Position zudem die entscheidende Stimme sein, wenn es darum geht, das Recht auf Abtreibungen zu kippen.

Trump hat Frauen während seiner Amtszeit beleidigt und mit Schweinen verglichen. Nicht umsonst fällt in seine Regierungszeit die Entstehung von zwei großen frauenpolitischen Initiativen: die Womens March und die #MeToo-Bewegung. Eine Rekordzahl von Frauen zog nach den Zwischenwahlen im November in den Kongress ein. Es sind Frauen mit verschiedenen Hintergründen und Hautfarben. Die ersten beiden Musliminnen sind darunter, eine von ihnen ist der erste Flüchtling, der es jemals in dieses Amt geschafft hat.

Trump sagte es damals selbst: "Heute sitzen mehr Frauen im Kongress als jemals zuvor." Die Frauen sprangen nach seinem Kommentar auf und applaudierten, sie schlugen mit ihren Kolleginnen ein und beglückwünschten sich lauthals zu diesem Triumph. 102 weibliche Abgeordnete sind seit Januar im Amt - sie machen etwa ein Viertel aller Parlamentarier aus. 89 von ihnen gehören zu den Demokraten, nur 13 sind Republikanerinnen.

Vor Trumps Rede hatten sie sich bereits gemeinsam eingeschworen und fotografiert. Unter dem Hashtag #StateOfTheWoman teilten die Demokratinnen die Fotos ihrer Outfits und machten klar: Das wird ihr Abend. Sie hatten Frauen beider Parteien zum Tragen weißer Outfits aufgerufen. Sogar Trumps Tochter Tiffany schien dem gefolgt zu sein: Auch sie kam in Weiß. Auf Twitter wurde danach gerätselt, ob das Absicht oder Versehen war. Trumps Gattin Melania trug im Gegenzug ein dunkelblaues Kleid.

Auch bei Trumps früheren Reden zur Lage der Nation hatten demokratische Repräsentantinnen mit den Farben ihrer Kleidung die Ereignisse kommentiert: 2017 kamen die Demokratinnen bereits in Weiß. Melania in Schwarz. 2018 trugen die Demokratinnen Schwarz, aus Respekt für die #MeToo-Bewegung. Damals erschien Melania in Weiß. Ein Spiel mit Symbolen, das nicht nur Modemagazine analysierten.

Auf Trump antwortet: eine Frau

Auf die Ansprache des Präsidenten kontert traditionell ein Mitglied der Opposition mit einer Rede. Die Wahl der Demokraten war diesmal auf doppelte Weise zukunftsweisend für die Partei. Denn auf Trump antwortete: eine Frau. Noch dazu eine, die für die Rechte von Wählern kämpft. In Atlanta, der Hauptstadt des Bundesstaats Georgia, stand diese Frau bei ihrer Videoansprache umringt von ihren Unterstützern. Die Rede wurde im Fernsehen übertragen. Es ist die erste schwarze Frau in der Geschichte Amerikas, der diese Aufgabe je zukam: Stacey Abrams. Die 45-Jährige trug Dunkelrot. Auf ihrem Jackett erinnerte auch sie mit einer weißen Blume an die Suffragetten.

Stacey Abrams hatte schon bei den Zwischenwahlen im November Geschichte schreiben wollen: Sie plante, die erste afroamerikanische Gouverneurin der USA zu werden. Doch das misslang: Ihr Gegner Brian Kemp gewann das Rennen um den Südstaat. Als höchster Verwaltungsbeamter hatte er allerdings auch die Wahlen überwacht. Das sorgte für eine landesweite Debatte.

Abrams: "Amerika ist stärker mit Migranten, nicht mit Mauern!"

Durch besonders strenge Vorschriften bei der Wählerregistrierung waren in Georgia unter Kemps Aufsicht 53.000 mehrheitlich schwarze Wähler von der Wahl ausgeschlossen worden oder durften nur vorbehaltlich abstimmen. Abrams zweifelte deshalb an der Rechtmäßigkeit der Wahlen und klagte auf die Auszählung aller Stimmen. Später gründete sie eine Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Rechte von Wählern zu stärken. Der Kampf für Wählerrechte ist für Abrams somit 100 Jahre nach Erlangen des Frauenwahlrechts immer noch sehr persönlich.

Auch die Demokraten in Washington kämpfen diesen Kampf um einen gleichberechtigten Zugang zu den Wahlkabinen: Als eine ihrer ersten Gesetzesvorlagen wollen sie im Kongress die Rechte von Wählern stärken.

In ihrer Antwort auf Trump betonte Abrams in Atlanta: "Die Unterdrückung von Wählern ist real." Der Kampf für bessere Wahlrechte sei der "nächste Kampf unserer Demokratie".

Sie rief zu mehr Einheit auf und mahnte zum Kampf gegen Rassismus und für die Rechte von Minderheiten. "Amerika ist stärker mit Immigranten, nicht mit Mauern!", sagte sie zu Trumps Forderung nach einer Mauer zu Mexiko. Republikaner und Demokraten könnten gemeinsam einen Plan für die Immigration des 21. Jahrhunderts erarbeiten, "aber diese Regierung zieht es vor, Kinder einzusperren und Familien auseinanderzureißen".

Eine Frau, die es allein geschafft hat

Abrams ist eine wichtige Figur für die Demokraten. Ihren Wahlkampf im vergangenen Jahr unterstützten Ex-Präsident Barack Obama und sein Vize Joe Biden. Wie die neuen Kongressabgeordneten ist Abrams jung und betont immer wieder ihre Herkunft. Sie stammt aus einer einfachen Familie im tiefen Süden der USA. Sie ist Single und hat auf eigene Faust mehrere Start-ups gegründet und noch immer Schulden von ihrem Studium an einer Elite-Uni. Kurz: Sie ist eine Frau, die es allein geschafft hat.

Vor ihrer Ansprache hieß es noch, die Politikerin aus Georgia werde höchstwahrscheinlich 2020 für den US-Senat kandidieren. Danach wurde sie bereits als weitere Kandidatin für das Präsidentschaftsamt gehandelt. Dan Pfeiffer, ein ranghoher Berater Obamas, twitterte etwa: "Stacey Abrams sollte für das Präsidentenamt kandidieren."

Die erste afroamerikanische Präsidentin - nach Trump wäre das ein riesiger Schritt. Immerhin arbeiten die Demokraten schon mal an der Optik: Als Trump während seiner Rede erwähnte, dass niemand mehr von der florierenden Wirtschaft profitiere als Frauen, sprangen die Demokratinnen in Weiß auf und applaudierten erneut. Es war ein eindrucksvolles Bild: Wo sonst Männer in schwarzen Anzügen saßen, jubelte heute der diverseste Kongress aller Zeiten.

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