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Fall Otto Warmbier Trump stellt sich hinter Kim - und erntet Kritik

Der Hanoi-Gipfel ist geplatzt, trotzdem bewertet Nordkorea ihn positiv. Derweil wird der US-Präsident daheim parteiübergreifend kritisiert, weil er im Fall des mutmaßlich gefolterten US-Studenten Warmbier offenbar Kim Jong Un glaubt.

Der jüngste Gipfel zwischen den USA und Nordkorea ist gescheitert, doch der Dialog zwischen den beiden Ländern über die atomare Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel soll offenbar trotzdem fortgesetzt werden. Die nordkoreanische Staatsagentur KCNA meldete am Freitagmorgen, beide Seiten hätten sich auf einen anhaltenden Dialog zur Denuklearisierung geeinigt.

Kurz zuvor hatten US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ihre Gespräche in Hanoi vorzeitig und ohne Einigung abgebrochen. KCNA berichtete, die Gespräche seien produktiv und aufrichtig gewesen. Der Austausch zwischen Kim und Trump habe zum gegenseitigen Vertrauen beigetragen.

Die Gründe für das vorzeitige Ende der Gespräche interpretieren beide Seiten unterschiedlich. Trump hatte kurz vor seiner Abreise aus Vietnam gesagt, Nordkorea habe die vollständige Aufhebung der Sanktionen verlangt. Auch seien die geplanten Abrüstungsschritte nicht weit genug gegangen.

Trump im Video: "Grund waren die Sanktionen"

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Dem widersprach Nordkorea: In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz in Hanoi in der Nacht zu Freitag entgegnete Außenminister Ri Yong Ho, sein Land habe nur eine teilweise und nicht die völlige Aufhebung der Sanktionen gefordert. Die angebotene atomare Abrüstung sei die weitreichendste Maßnahme, die für sein Land derzeit machbar sei.

Mit dem abrupten Ende haben sich die Chancen auf eine Friedenslösung für die koreanische Halbinsel wieder deutlich verringert. Der Konflikt gehört zu den gefährlichsten der Welt. Der Präsident Südkoreas, Moon Jae In, teilte nun mit, sein Land werde mit den USA und Nordkorea zusammenarbeiten, damit eine Einigung erzielt werde.

Nordkoreas Außenminister Ri Yong Ho

Nordkoreas Außenminister Ri Yong Ho

Foto: STR/EPA-EFE/REX

In der Heimat bekam Trump trotz des gescheiterten Gipfels vorsichtiges Lob selbst aus den Reihen der oppositionellen Demokraten. Deren Frontfrau - die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi - sagte, es sei gut, dass Trump angesichts der unbefriedigenden Angebote Kims in nichts eingewilligt habe, sondern die Gespräche in Hanoi vorerst beendet habe. Der Gewinner des Gipfels sei jedoch Kim, der eine große internationale Bühne bekommen habe.

Fall Otto Warmbier: Trump stellt sich hinter Kim

Heftig kritisiert wird Trump derweil für eine Aussage, die er nach Ende des Gipfeltreffens in Hanoi machte: Er habe mit Kim über den mutmaßlich schwer gefolterten US-Studenten Otto Warmbier gesprochen, sagte Trump bei einer Pressekonferenz. Kim "sagt mir, dass er nichts darüber wusste, und ich nehme ihn beim Wort". Kim habe den Fall zwar "sehr gut gekannt, aber erst später davon erfahren", sagte Trump weiter. In nordkoreanischer Haft seien "einige sehr schlimme Dinge" mit Warmbier passiert.

Der Student war während einer Nordkorea-Reise Anfang 2016 wegen des angeblichen Diebstahls eines Propagandaposters zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Er fiel unter ungeklärten Umständen ins Koma und wurde schließlich freigelassen. Im Juni 2017 starb er wenige Tage nach seinem Rücktransport in die USA.

Ein US-Gericht kam im vergangenen Dezember zu dem Schluss, dass der 22-Jährige in Nordkorea gefoltert wurde. Pjöngjang hat jegliche Misshandlung Warmbiers bestritten und erklärt, der Student habe sich eine schwere Nahrungsmittelvergiftung zugezogen.

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Dass Trump nun Kims Angaben Glauben zu schenken scheint, sorgt in den USA parteiübergreifend für empörte Reaktionen.

  • "Natürlich wusste Kim davon", schrieb der einflussreiche demokratische Senator Mark Warner bei Twitter. "Anscheinend ist der Präsident der Vereinigten Staaten der Einzige, der diese offensichtliche Lüge glaubt."
  • Der demokratische Abgeordnete Adam Schiff bezeichnete Trumps Äußerungen als "abscheulich".
  • Der demokratische Senator Chris Van Hollen warnte, die USA dürften "Kim Jong Un nicht einen Blankoscheck dafür ausstellen, einen der unseren zu foltern und zu ermorden".
  • Der demokratische Senator Tim Kaine warf Trump vor, sich an die Seite von "Diktatoren" anstelle von US-Bürgern zu stellen.
  • Auch der Minderheitsführer von Trumps Republikanern im Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy, kritisierte den US-Präsidenten. "Ich sehe Nordkoreas Führer nicht als jemanden an, der ein Freund ist. Wir alle wissen, was mit Otto passiert ist, wir wissen, was dieses Land getan hat."

Es ist nicht das erste Mal, dass Trump Autokraten mehr Glauben schenkt, als Institutionen des eigenen Landes. Auch im Beisein von Wladimir Putin äußerte der US-Präsident bei einer Pressekonferenz im finnischen Helsinki, er habe keinen Anlass, an den Aussagen des russischen Präsidenten zu zweifeln. Dieser hatte immer wieder abgestritten, dass Russland sich in den US-Wahlkampf eingemischt habe. Verschiedene Dienste in den USA kamen jedoch zu gegenteiligen Erkenntnissen.

aar/dpa/AFP
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