SPIEGEL ONLINE

Chaotische Syrienpolitik Trumps Strategie hält immer nur bis zum nächsten Tweet

Raketen oder keine Raketen? Donald Trumps Syrienpolitik sorgt für Verwirrung und Chaos - auch bei seinen eigenen Beratern. Eine Rekonstruktion der vergangenen Stunden.

US-Präsident Donald Trump ist auch an diesem Donnerstag früh aufgewacht. "Habe nie gesagt, wann ein Angriff auf Syrien stattfinden würde", twitterte er um 6.15 Uhr Ortszeit in Washington. "Könnte sehr bald sein oder gar nicht so bald!"

Und so geht es weiter, Trumps Syrien-Drama. Hin und her, mal dies, mal das, tags zuvor hätte das fast zur Katastrophe geführt: Zwischen seiner frühmorgendlichen Raketendrohung via Twitter - die er nun zumindest halb leugnet - und der späteren Deeskalation durchs Weiße Haus lagen panische Stunden, in denen sein Team versuchte, eine aus dem Ruder laufende globale Konfrontation aufzuhalten.

Der aktuelle Tweet sowie eine Rekonstruktion des Chaos vom Mittwoch unterstreichen, wie unberechenbar und unzuverlässig die US-Politik unter Trump geworden ist - und welch verheerende Folgen das haben kann. Das einzig Verlässliche ist die Abfolge: Trump sagt etwas, dann sagt er etwas anderes, dann dementiert er, überhaupt etwas gesagt zu haben. Was früher amüsant war, bedroht nun die Welt.

Trump, so klagten mehrere Insider in der "Washington Post", agiere meist nur impulsiv und im Affekt - nicht auf Ratschlag der Experten im Weißen Haus, sondern angestachelt von seinen Lieblingskommentatoren bei Fox News, das er bekanntlich morgens, abends und in den langen Pausen zwischen seinen Terminen obsessiv guckt.

Sein Team müsse das immer ausbügeln: "Der Präsident entscheidet oder sagt etwas, und die Chefberater sagen ihm dann, dass wir das nicht tun können." Wenn das nicht funktioniere, müsse man schnell eine Politik erfinden, "die auf das passt, was der Präsident sagte". Ein anderer Berater berichtete: "Jeder wacht morgens nur auf und reagiert auf das, was gerade passiert ist. Es gibt kein positives strategisches Denken."

Die vergangenen 24 Stunden waren ein extremes Beispiel. Den Mittwoch begann Trump mit den üblichen Twitter-Tiraden über die "New York Times" und die "korrupten" Russland-Ermittlungen, über die Fox News gerade berichtete. Doch sein vierter Tweet warf auch den Rest der Welt aus dem Bett.

"Mach dich bereit, Russland", schrieb er um 6.57 Uhr US-Ostküstenzeit, offenbar als Reaktion auf eine Drohung des russischen Botschafters im Libanon, Alexander Zasypkin, Russland werde alle Richtung Syrien fliegenden Raketen abschießen. "Sie werden kommen", so Trump, "nett und neu und 'smart'."

US-Zerstörer im Mittelmeer

US-Zerstörer im Mittelmeer

Foto: MC2 ALYSSA WEEKS/ AFP

Diese beispiellose Kriegsdrohung via Twitter schockierte selbst Top-Militärs. Denn zuvor waren die Beratungen über Antwort-Optionen auf den jüngsten Giftgaseinsatz in Syrien noch ungewohnt bedächtig vorangegangen. Es gab es mehrere Sitzungen und Briefings des US-Sicherheitsrats unter dem neuen Sicherheitsberater John Bolton, der seinen Job am Montag antrat und bereits drei bisherige Mitarbeiter des Gremiums vor die Tür setzte. Während nach außen hin Hektik herrschte, vor allem nach der FBI-Razzia bei Trump-Anwalt Michael Cohen, habe intern relative Ruhe geherrscht, hieß es.

Diese Ruhe endete mit Trumps Raketen-Tweet, mit dem er genau das tat, wofür er seinen Vorgänger Barack Obama oft kritisiert hatte: Er schien einen Militärschlag vorab anzukündigen. "Ich kann mich nicht erinnern, dass ein US-Oberkommandierender den potenziellen Einsatz von Streitkräften jemals so nonchalant behandelt hat", empörte sich Konteradmiral a.D. John Kirby im Sender CNN. "Da stehen Leben auf dem Spiel."

Zumal ein solcher Einsatz nach Informationen aus US-Regierungskreisen zu dem Zeitpunkt keineswegs beschlossen war - schließlich hatte Trump erst vorige Woche ohne Absprache einen US-Abzug aus Syrien angekündigt, das dann aber wieder etwas zurückgenommen. Trumps Tweet sei auch für sein Team "erschreckend" und "verwirrend" gewesen, sagte ein hochrangiger Berater der "Washington Post". Nach einer Schrecksekunde habe man dann so weitergemacht, "als sei nichts passiert".

US-Regierungssprecherin Huckabee Sanders

US-Regierungssprecherin Huckabee Sanders

Foto: Manuel Balce Ceneta/ AP

Eine Schrecksekunde herrschte auch im Kongress. Raketen gegen Syrien? "Keine Ahnung", sagte Senator Bob Corker, der republikanische Chef des Außenausschusses und Trump-Kritiker. "Die Regierung kündigt so viele Dinge an, die dann nie passieren." Sein Senatskollege Rand Paul war wütender: "Einen Krieg auf Twitter anzukündigen beleidigt nicht nur die Verfassung, sondern jeden Soldaten, der sein Leben riskiert."

Zur Beruhigung lud das Weiße Haus schnell die Reporter ein, den Beginn des nächsten Sicherheitsratstreffens zu beobachten. Vizepräsident Mike Pence führte die Runde, Verteidigungsminister Jim Mattis sprach ein paar abmildernde Worte: "Wir halten militärische Optionen bereit, falls sie angemessen sind." Von Trump fehlte jede Spur. Wo denn der Präsident sei? "Er ist nun mal nicht dabei", fauchte ein Mitglied seines Teams genervt. Auch Regierungssprecherin Sarah Huckabee Sanders bemühte sich um Entspannung. "Alle Optionen sind weiter auf dem Tisch", sagte sie. "Es hat noch keine endgültigen Entscheidungen gegeben."

Wie sich nur wenige Stunden später zeigen würde, sind auch solche Aussagen nur so ernst zu nehmen wie der letzte Tweet.