Deutsch-amerikanisches Verhältnis Merkel und Trump - das kann ja was werden

Vor dem Treffen mit der Kanzlerin schwärmt Barack Obama vom Verhältnis zu Deutschland. Aber mit Donald Trump steht die Beziehung zwischen Berlin und Washington vor völlig unkalkulierbaren Zeiten.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: JIM WATSON/ AFP

Er kommt noch mal ins Kanzleramt. Sie werden sich austauschen, sich gemeinsam der Öffentlichkeit zeigen, und vielleicht wird auch wieder eines dieser Fotos entstehen, auf denen Barack Obama Angela Merkel die Hand auf die Schulter legt. Oder sie umarmt. Nach dem Motto: Es ist schon alles gut.

Das ist auch Fassade, klar. Im deutsch-amerikanischen Verhältnis gibt es seit Jahren Brüche. Die Spähaffäre, Amerikas neue Neigung, die Krisenregionen sich selbst zu überlassen, der Streit um den Freihandel - viel hat dazu beigetragen, dass die Beziehung zwischen Berlin und Washington nicht ganz so ist, wie sie vom US-Präsident und der Kanzlerin gerne dargestellt wird. Und die Zahlen in der Frage, wie sehr die Deutschen den USA vertrauen, zeigen, wie groß auch die kulturelle Entfremdung inzwischen ist. Nicht einmal jeder Fünfte sieht Amerika noch als den besten Freund.

Es herrscht Krise, und jetzt wird auch noch Donald Trump neuer Präsident. Wird's besser?

Wohl kaum. Die Frage ist eher, wie miserabel das Verhältnis noch werden kann. Die Probleme gehen, wenn man so will, schon ganz oben los: bei Merkel und Trump. Sie die kühle Machtpolitikerin, er der laute Demagoge. Zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Getroffen haben sie sich noch nie, verbunden sind sie seit Langem.

In Trumps Hasskampagne war Merkel eine wichtige Figur. Er leitete aus ihrer Politik der offenen Grenzen seine wichtigsten Forderungen ab: den Mauerbau, die Abschiebung krimineller Einwanderer, den Einreisestopp für Muslime. Wir sind nicht so naiv wie Merkel, wir schützen unser Land - das war seine Botschaft. Sie hat sich bei vielen Amerikanern festgesetzt. Auch bei manchen, die nichts mit Trump anfangen können. Die Kanzlerin habe "mehr als alle anderen im Westen Trump zu seinem Aufstieg verholfen", sagt der konservative Kolumnist der "New York Times", Ross Douthat. "Sie hat eine völlig unverantwortliche Politik gemacht", sagt David Frum vom "Atlantic".

"Das war kein Glückwunsch. Das war eine Warnung"

Natürlich kann es sein, dass Trump und Merkel ein vernünftiges Arbeitsverhältnis finden. Trumps Meinung über Politiker ändert sich mitunter schnell. Ein erstes Telefongespräch der beiden soll freundlich gewesen sein, heißt es. Aber wie sehr sich das Verhältnis zwischen Berlin und Washington verändert hat, zeigt sich auch an Merkels Reaktion auf Trumps Wahlsieg. Sie stellte Bedingungen für eine Zusammenarbeit. Auf der Basis westlicher Werte werde sie gerne kooperieren, teilte sie mit.

In Amerika ist das sehr deutlich angekommen. "Das war kein Glückwunsch. Das war eine Warnung. Historisch ist das ohne Beispiel", sagt Frum, der unter George W. Bush mal Redenschreiber war. Es ist denkbar, dass Trump Merkels Selbstbewusstsein imponiert. Das Gegenteil ist wahrscheinlicher. Sollte er Merkel als Rivalin sehen, wie das sein Wahlkampf vermuten ließ, so dürften ihre Sätze dieses Empfinden eher noch gestärkt haben. Ich, der Supertrump. Sie, die Königin aus Old Europe. Das ist jetzt seine Ebene. Er habe mit vielen Regierungschefs telefoniert, twitterte er am Dienstag. Japan, Australien, Neuseeland. Deutschland nannte er nicht. Eine erste Stichelei?

Es wird schwierig werden. Menschlich, politisch. Es gibt Felder, auf denen ihre Interessen gegensätzlich scheinen. Ein Beispiel: Europa. Merkel will den Kontinent zusammen halten. Und Trump? Wirkt eher, als setze er auf Destabilisierung. Mit der Krim-Annexion Russlands hat Trump keine Probleme. Großbritannien hat er einen bilateralen Handelspakt angeboten. Statt einen Staatschef zu empfangen, lud er nach seinem Sieg den britischen Rechtspopulisten Nigel Farage in den Trump Tower. Von Farage ist es nicht weit bis Le Pen. Washington, London, Paris. Das könnte die neue Achse sein. Berlin? Nicht dabei.

Anderes Beispiel: Syrien. Noch hat Trump keine Details vorgelegt. Aber es liegt nahe, dass er auf Ordnung und Anti-Terror-Kampf setzt. Mit Russland, mit Baschar al-Assad. Aleppo? Egal. Die moderaten Rebellen? Nicht so wichtig. Hauptsache, kein Terror. Merkel kann an diesem Szenario wenig Interesse haben. Mehr Menschen würden fliehen, sie würden Europa erreichen, die Kanzlerin könnte erneut Probleme kriegen.

Prinzip Hoffnung

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Die Nato dürfte ein massives Streitthema werden. Trump will Deutschland mehr zur Kasse bitte. Was den Weltklimavertrag angeht, so arbeiten Trumps Juristen bereits an einem Weg, das Regelwerk zu kündigen.

Kurzum: Viele Felder, die eigentlich wie dafür geschaffen sind, die deutsch-amerikanische Kooperation zu stärken, sind auf einmal äußerst konfliktbeladen.

Für Berlin stellt sich die Frage, wie es darauf reagiert. Selber die nationalistische Karte zu ziehen, kann aus politischen und historischen Gründen keine Option sein. Sich mal eben eine neue strategische Allianz zu suchen, ist ebenfalls schwierig. Eine der Möglichkeiten wäre, sich stärker Europa zuzuwenden und mehr dafür zu investieren, den Kontinent zu einem Gegenentwurf zu den USA machen. Nur: Europa steht auch bei vielen Deutschen nicht sehr hoch im Kurs.

Letzte Option: Hoffen. Darauf, dass sich Trumps Kurs am Ende etwas weniger rücksichtslos darstellt als gedacht. Darauf, dass sich rasch irgendwie Kontakte ins Trump-Lager finden lassen und man zu einem einigermaßen pragmatischen Umgang miteinander findet.

Es ist möglich, dass das klappt. Aber selbst im positivsten Fall sollte sich niemand etwas vormachen. Die Zeit der schönen Fotos, mit denen man ein paar Gräben verdecken konnte, scheint vorbei.

Sehen Sie heute Abend das Interview mit Barack Obama von ARD und SPIEGEL ab 20 Uhr im Stream auf SPIEGEL ONLINE.

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