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Marc Pitzke

Trump vs. FBI Im Spiegelkabinett der Lügen

Das FBI ermittelt gegen Trumps Wahlkampfteam, es geht um dubiose Kontakte zu Moskau. Doch wird es Trump wirklich schaden?

"Das Haus der Lady Alquist" bescherte Ingrid Bergman ihren ersten Oscar. In dem Thriller von 1944 spielt sie eine Frau, deren mörderischer Ehemann versucht, sie in den Wahnsinn zu treiben. Seine Methoden - Lügen, versteckte Anspielungen, Irreführung - werden in den USA bis heute auch als "Gaslighting" bezeichnet, nach dem Originaltitel des Films ("Gaslight").

Donald Trump ist ein Meister des "Gaslighting". Er lügt, um jedes Gefühl für die Wahrheit zu zerstören. Er führt in die Irre, um einem den Orientierungssinn zu vernebeln. Es sind die klassischen Manipulationstricks von Autokraten, die einen in den politischen Wahnsinn treiben oder zumindest so viel Chaos säen sollen, dass nur noch ein Wort zählt - das der Manipulatoren.

Am Montag wurden diese Tricks in Washington klarer enthüllt als je zuvor. Und es kamen gleich zwei Wahrheiten ans Licht. Erstens: Das FBI ermittelt gegen Trumps Wahlkampfteam wegen möglicher Absprachen mit Russland. Zweitens: Trumps rufschädigender Vorwurf, sein Vorgänger Barack Obama habe ihn abhören lassen, ist erfunden.

Video: FBI-Chef James Comey widerspricht Trump öffentlich

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Gegenrealität à la Trump

Präsentiert wurden diese Wahrheiten von zwei Emissären, denen das Trump-Lager noch höchstes Heldenlob zollte, als es sie auf seiner Seite wähnte: FBI-Direktor James Comey und NSA-Chef Mike Rogers. Fünf Stunden lang sagten die beiden Männer vor dem Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses unter Eid aus.

Was dabei herauskam, direkt und zwischen den Zeilen, wäre zu anderen Zeiten eine politische Sensation. Es geht um eine Gemengelage aus diffusen Kontakten zwischen russischen Oligarchen und dem US-Wahlkampfteam Trumps. Und dessen Verbindung zu Wladimir Putin.

Doch schon vor und während der Sitzung begann Trump, seine Gegenrealität zu verbreiten. Russland sei "Fake News", twitterte der US-Präsident. Die wahren Gangster seien die Leaker, also diejenigen, die geheime Informationen durchgestochen hatten. Laut Trump bestätigte Comey im Ausschuss sogar, dass es "keine Beweise" für eine Absprache mit Moskau gebe - was so nicht stimmt. Es sei denn, man lebt in der Trump-Realität. Kurzum: "Gaslighting", wie es im Drehbuch steht.

Sprachrohr der Scheinheiligkeit

Im Herbst noch hatten Trumps Trolle die Demokratin Hillary Clinton als unwählbar beschimpft, weil sie wegen ihrer E-Mail-Affäre ins Fadenkreuz der FBI-Fahnder geraten war. "Das allein sollte sie disqualifizieren", tönte der Top-Republikaner Reince Priebus damals. Jetzt, als Trumps Stabschef, hat er plötzlich eine ganz andere Meinung zu solchen FBI-Ermittlungen.

Auch Trump-Sprecher Sean Spicer machte sich wieder zum Sprachrohr dieser Scheinheiligkeit: "Es gibt keine Beweise für eine Absprache", sagte er - obschon sich im Ausschuss zur gleichen Zeit gerade genau das Gegenteil offenbarte. Und Paul Manafort, einer der einstigen Trump-Vasallen und Wahlkampfchef, soll nun, da das FBI wohl gegen ihn ermittelt, nur "eine sehr beschränkte Rolle" im Trump-Team gespielt haben.

Schamlos instrumentalisierte Trump schon seine rassistische "Birther"-Lüge, mit der er Obamas US-Geburt und damit dessen Legitimität als Präsident in Zweifel zog. Oder die doppelte Lüge, er habe im November einen Erdrutschsieg hingelegt, trotz millionenfachen Wahlbetrugs zu seinen Lasten. Oder die Lüge, seine Amtseinführung habe die größte Menschenmasse aller Zeiten angezogen.

Lügen sollen sich festsetzen

Dabei ist völlig egal, wie durchsichtig diese Lügen sind, ob Trump sie selbst glaubt oder ob er sie kalkuliert einsetzt. Hauptsache, er wiederholt sie so oft, bis sich genug Fetzen festgesetzt haben im Bewusstsein seiner Anhänger, die ihre Informationen nur von Trumps Twitter-Konten und dem konservativen US-Sender Fox News bekommen. Ist das Ziel erreicht, lässt er die Lügen genauso schnell wieder fallen.

Auf der Strecke bleibt nicht nur die Glaubwürdigkeit Trumps. Auf der Strecke bleibt vor allem die Glaubwürdigkeit der USA.

Was ist, wenn etwas wirklich Dramatisches passiert, etwa ein Anschlag? Wem können die Amerikaner, wem kann die Welt dann glauben? Längst haben wir uns verirrt im Spiegelkabinett der Wahrheiten, Halbwahrheiten und Falschheiten - an dem auch die andere Seite mit ihren eigenen Verschwörungstheorien fleißig mitarbeitet.

Wie geht es weiter? In "Das Haus der Lady Alquist" siegt am Ende Ingrid Bergmans malträtierte Heldin, der Bösewicht landet gefesselt im Keller, sein perfides Lügenspiel ist durchschaut. Ach, Hollywood.

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