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15. August 2017, 06:03 Uhr

Trump und die Rechtsextremen

Amerikas Geisterstunde

Ein Kommentar von , New York

Mit zwei Tagen Verspätung und nur unter Druck hat Donald Trump die rechtsextreme Gewalt von Charlottesville doch noch verurteilt. Dabei weiß man längst, auf wessen Seite er steht.

Da stand er also, 48 Stunden nach Charlottesville. Zwei Tage, in denen er es vermieden hatte, die Rassisten, Neonazis und die Ku-Klux-Klan-Meute namentlich zu kritisieren. "Rassismus ist böse", las Donald Trump vom Teleprompter - eine Selbstverständlichkeit, die sie ihm aber lieber noch mal aufgeschrieben hatten.

Endlich: eine Art Verurteilung, irgendwie jedenfalls. Haben wir ihm Unrecht getan? Der Präsident, lobten seine Fürsprecher erleichtert, meine das ja wirklich ernst. Too little, too late, widersprachen andere: zu wenig, zu spät.

Doch auch diese jüngste Aufregung über Trump ist müßig - wie alle bisher und alle, die noch kommen. Allein, dass wir debattieren, ob, wann und mit welchen Wortschablonen sich der Präsident der Vereinigten Staaten vom Hakenkreuz distanziert, offenbart die ganze Absurdität. Ende der Debatte.

Trump im Video: "Rassismus ist böse"

Und was wird sich ändern? Höchstwahrscheinlich nichts - im Gegenteil.

Dies sei Trumps schlimmster Tag gewesen, war zu lesen, als er sich darum drückte, rechtsextreme Terroristen zu tadeln. Das las man auch schon, als er Mexikaner diffamierte. Oder mit seinem Sexismus prahlte. Oder sich über Behinderte lustig machte. Oder Nordkorea mit einem Atomkrieg drohte.

So viele schlimmste Tage.

Alles war immer bekannt

Trump ist Trump. Keine selbstgemachte Krise hat überrascht, auch diese nicht. Alles war immer bekannt, lag immer offen, nicht erst seit dem Wahlkampf. Ist Trump ein Rassist? Ein Egomane? Ein Frauenfeind? Ein Russlandfreund? Ein Wahnsinniger? Die Debatten von heute sind dieselben wie gestern und vorgestern.

Da ist die Neonazi-Debatte keine Ausnahme. Wir werden nie wissen, was in Trumps Kopf vor sich geht. Doch wir wissen genug, um ein Urteil zu fällen.

SPIEGEL TV über US-Nazis: "Trump ist unser Mann"

Noch Fragen?

Amerikas Geisterstunde

Wir erleben Amerikas Geisterstunde. Diese Geister spukten hier schon lange vor Charlottesville herum. Sie brachten Sklaverei, Bürgerkrieg, Segregation, Lynchjustiz, Diskriminierung und Masseninhaftierung (Sklaverei 2.0). Sie beschleunigten die geistige Verarmung der einst so stolzen Republikaner, befeuerten Trumps Wahlkampf und befähigten seinen Sieg. Und sie rütteln jetzt - mit seiner Hilfe - an den Grundfesten der US-Demokratie.

Trump hat diese Geister aus der Abstellkammer zurück ins Tageslicht geholt.

Dagegen protestierten am Montag, immerhin, Tausende am New Yorker Trump Tower, wo der Präsident zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt nächtigte. Sie protestierten gegen ihn, gegen die Rassisten, gegen den Verlust der amerikanischen Werte.

Sie protestierten gegen die Geister, die dieses Land nicht loslassen.

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