Debatte um US-Rechtsextreme Der Teufelspakt der Republikaner

Donald Trumps Weigerung, rechtsextreme Gewalt bedingungslos zu verurteilen, stellt seine einst stolze Partei vor eine Gewissensfrage: Wofür steht sie eigentlich noch?
Donald Trump (Archivbild von 2016)

Donald Trump (Archivbild von 2016)

Foto: Paul Sancya/ AP

Es gab mal eine US-Partei, die hieß Free Soil Party. Sie war klein und existierte nicht lange: 1848 spaltete sie sich von den Demokraten ab, acht Jahre später verschmolz sie mit den ebenfalls noch jungen Republikanern.

Ihr Slogan aber lebte fort: "Freier Boden, freie Rede, freie Arbeit und freie Menschen." Er prägte das Gewissen der Grand Old Party, deren Präsident Abraham Lincoln später zu Felde zog, um Freiheit für alle zu erkämpfen.

Auch 152 Jahre nach dem US-Bürgerkrieg gehen diese Kämpfe um Amerikas Seele weiter, bitterer denn je. Mehr noch: Sie haben die Republikaner nun an einen historischen Scheideweg gebracht - dank des jetzigen Präsidenten.

Donald Trumps Weigerung, rechtsextreme, rassistische und antisemitische Gewalt bedingungslos zu verurteilen, zwingt die Partei, sich mit einer lange brodelnden, doch jetzt vollends aufgerissenen Existenzfrage auseinanderzusetzen: Steht sie noch für die Werte, die sie einst auf der richtigen Seite der Geschichte verankerten?

Wofür die Partei mal stand

"Es geht um Leben und Tod der Republikanischen Partei", sagt Rick Tyler, Ex-Sprecher des Präsidentschaftskandidaten, Trump-Rivalen und Senators Ted Cruz. "Das ist keine Überspitzung. Die Partei muss für etwas stehen."

Doch wofür? Sie stand mal für freie Märkte, freien Handel, niedrige Steuern, eine robuste Außenpolitik, einen schlanken Zentralstaat. Wofür steht sie heute, unter Trump? Mit einer Antwort ringt sie seit dem Wochenende.

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Charlottesville: Gewalteskalation bei ultrarechtem Aufmarsch

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

Mit seiner kompromisslosen Haltung zu den rechtsextremen Aufmärschen von Charlottesville, die allem widerspricht, was die Republikaner mal groß und in Augen vieler gut machte, hat sich Trump eigentlich zur persona non grata reduziert - zumal er am Mittwoch verlauten ließ, er "bereue nichts".

Video-Chronik zu Charlottesville: Trumps Rassismus-Rückwärtsrolle

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Die Partei müsste sich also klar von ihm lossagen. Doch sie hat sich an Trump gefesselt - und droht, mit ihm in den Abgrund gerissen zu werden.

"Kann er die Partei zerstören?", fragte Ex-Parteichef Michael Steele, der erste Schwarze auf diesem Posten und einer der ersten Trump-Kritiker bei den Republikanern, im TV-Sender MSNBC. "Oder hat das bereits begonnen?"

"Die Republikaner haben ihre Seele an den Teufel verkauft", schreibt das konservative Magazin "National Review", das ebenfalls schon früh vor Trump gewarnt hatte. Diesen Satz - oder ähnliche Anspielungen auf Faust und seinen Pakt mit Mephisto - hört man gerade immer häufiger.

Trump und die Republikaner - wie alles begann

Doch dieser Teufelspakt um Macht und Wählerliebe begann schon lange vor Trump, lange vor dem Wahlkampf 2016, in dem sie sich zähneknirschend, doch dann fast geschlossen hinter ihn stellten. Obwohl er allem widersprach, was sie wertschätzten - oder was sie zumindest wertzuschätzen vorgaben.

Er begann mit dem Ausverkauf alter Werte unter Richard Nixon und setzte sich fort mit dem Aufstieg rechtskonservativer Hetzer wie Pat Buchanan und der Scheinheiligkeit Newt Gingrichs. Sarah Palin und die Tea Party machten die Partei endgültig zum Zerrbild. Sie war ein gefundenes Fressen für Trump.

Dabei verstellte er sich nie. Seine Positionen waren oft unvereinbar mit ihren ideologischen Grundfesten, sofern sie sich überhaupt fassen ließen. Doch nach acht Jahren in der Diaspora waren die Republikaner verzweifelt.

Auf dem Weg zur Zwangsehe zerbrach die Partei fast. Im "National Review" warnten zwei Dutzend Vordenker, Trump sei nicht zu trauen. Doch das Establishment - das in einer "Autopsie" nach der Wahlniederlage von 2012 zur Rettung der Partei genau das Gegenteil von Trump geraten hatte - knickte ein. Wir werden ihn schon zähmen, sagten sie. Hauptsache, wir werden Obamacare los, kriegen eine saftige Steuerreform durch den Kongress und rücken den Supreme Court auf Generationen nach rechts.

Reue - aber kaum Reaktion

Die Reue begann gleich nach der Wahl und wächst seitdem täglich. Doch wieder und wieder reizte Trump die Partei, ohne dass sie reagierte. Obwohl er ihrer Agenda eher im Wege stand: In sieben Monaten bekamen sie so gut wie nichts durch den Kongress - wegen Trumps Ignoranz des legislativen Prozesses und seiner unberechenbaren Dramen. Im Herbst drohen die nächsten Konfrontationen, es geht um Steuern und die Schuldenobergrenze.

Auch ob die jetzige Krise ein Wendepunkt ist, bleibt offen. Die nächsten Kongresswahlen sind noch etwas zu weit entfernt, um eine Abkehr von Trump zu forcieren, und sein Talent, die Basis aufzustacheln, ist weiter groß.

Zwar distanzierten sich Dutzende Republikaner von Trumps Worten - doch nicht von ihm selbst. Die Einzigen, die ihn mit Namen tadelten, waren die üblichen Kritiker - John McCain, Lindsey Graham, John Kasich, Jeb Bush.

"Es ist Zeit, Trump zu verstoßen", fordert die konservative Kolumnistin Jennifer Rubin jetzt in der "Washington Post". Die Republikaner könnten "nicht die Partei von Lincoln sein und zugleich die Partei von Trump".


Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Jennifer Rubin habe gefordert, Trump zu enteignen. Das ist ein Übersetzungsfehler. Im Original heißt es "It is time to disown Trump", übersetzt bedeutet das so viel wie "verstoßen".

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