Informant in Ukraineaffäre Washingtons neuer "Deep Throat"

Wer ist der mysteriöse Whistleblower, der das Amtsenthebungsverfahren gegen den US-Präsidenten ermöglicht hat? Trump droht, die Medien rätseln - die Jagd auf den Informanten hat begonnen.

Auslöser des Skandals: Die Whistleblower-Beschwerde über Trump
Eva Hambach/ AFP

Auslöser des Skandals: Die Whistleblower-Beschwerde über Trump

Von , New York


Richard Nixon ist bis heute der einzige US-Präsident, der zurücktrat. Doch fast hätte er sich im Amt halten können: Trotz des Watergate-Skandals wurde er 1972 sogar wiedergewählt. Sein Sturz, zwei Jahre später, ist vor allem einem - lange Zeit anonymen - Informanten aus Nixons eigenen Reihen zu verdanken.

Dieser Informant versorgte die "Washington Post"-Reporter Carl Bernstein und Bob Woodward mit explosiven Interna, im Gegenzug gaben die ihm den Decknamen "Deep Throat". Seine Identität blieb jahrzehntelang ein Geheimnis. Erst 2005 wurde enthüllt, dass es der damalige FBI-Vizedirektor Mark Felt war.

Ein ähnlich fieberhaftes Rätselraten wie damals bewegt Washington auch jetzt wieder: Wer ist der mysteriöse Whistleblower, der den mutmaßlichen Machtmissbrauch von US-Präsident Donald Trump mit einer internen Beschwerde anprangerte - und damit fast im Alleingang ein Amtsenthebungsverfahren ermöglicht hat?

Journalisten, Abgeordnete und Juristen beginnen eine Jagd auf die Identität des Informanten, der angeblich bei der CIA arbeitet. Der Kongress will ihn verhören. Doch selbst US-Geheimdienstchef Joseph Maguire sagte, er wisse nicht, wer der Whistleblower ist - es könne sich ja vielleicht auch um eine Frau handeln, sagte er.

Er wolle wissen, wer diese Person sei und wer von seinen Leuten mit ihr zusammengearbeitet habe, schimpfte auch Trump: "Weil, das ist ziemlich nah an Spionage. Sie wissen ja, was wir früher gemacht haben, als wir noch schlau waren. Ja? Spione und Verrat, das haben wir früher anders gehandhabt als heute."

Das sollte wohl heißen: Exekution durch ein Erschießungskommando. Mindestens.

Einerseits ist das nur der Wutausbruch eines Mannes, der das Weiße Haus so führt wie einst seinen Privatkonzern: Wer nicht spurt, dessen Kopf rollt. Andererseits stellte Trumps Tirade eine rhetorische Eskalation dar: Trump suggeriert, dass er Gewalt gegen Kritiker billigt.

Trumps Drohung sei "gefährlich" und untergrabe "die Integrität der Regierung", sagte Nancy Pelosi, die demokratische Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, im TV-Sender CNN. Aber: "Der Präsident tut das fast jeden Tag."

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Trump, dem demokratische Normen fremd sind, scheint nicht zu wissen, was ein Whistleblower wirklich ist. Denn die sind in den USA eigentlich vor Strafe geschützt: Wer innerhalb einer Organisation unethisches oder illegales Verhalten bemerkt und das melden will, ohne dafür seine Sicherheit zu riskieren, kann das auf dem anonymen Dienstweg tun.

Für die US-Regierung sind solche Beschwerden sogar gesetzlich geregelt: mit dem Whistleblower Protection Act von 1989, der Informanten zugleich ermächtigt und abschirmt. Demnach können sich Staatsangestellte diskret ans Office of Special Counsel (OSC) wenden, ein zentrales Ombudsamt, wenn sie bei der Arbeit Straftaten, Misswirtschaft, Verschwendung, Machtmissbrauch oder andere Probleme festgestellt haben wollen.

Genau das tat der Whisteblower im Ukraine-Skandal, und zwar bereits vor Wochen: Sein neunseitiger Bericht an das OSC trägt das Datum 12. August 2019.

Der anonyme Informant steht in einer langen Tradition - wobei Whistleblower in den USA oft ganz unterschiedliche Schicksale erlitten.

Daniel Ellsberg, der 1971 die "Pentagon Papers" über den Vietnamkrieg lancierte, wurde als Spion angeklagt, doch das Verfahren platzte. Frank Serpico, der im selben Jahr Korruption bei der New Yorker Polizei enthüllte, wurde später zum Filmheld, verkörpert von Al Pacino. Karen Silkwood deckte 1974 Missstände bei der Atomindustrie auf und starb dann mit nur 28 bei einem mysteriösen Autounfall.

Ins Exil verbannt: NSA-Whistleblower Edward Snowden
Phillip Faraone/ Getty Images

Ins Exil verbannt: NSA-Whistleblower Edward Snowden

Jeffrey Wigand brachte 1996 dubiose Machenschaften der Tabakindustrie ans Licht, er bekam Morddrohungen. Linda Tripp, die 1998 die Affäre von Bill Clinton mit der Praktikantin Monica Lewinsky ausplauderte, wurde zum Spott der Nation.

Es war der demokratische Präsident Barack Obama, der das staatliche Vorgehen gegen Whistleblower verschärfte. Chelsea Manning, die 2010 kompromittierende Militäraktionen bekannt machte, saß sieben Jahre in Haft, weil sie sich nicht an das Whistleblower-Prozedere gehalten hatte. Edward Snowden, der 2013 die dubiosen Spionageprogramme der NSA enthüllte, lebt bis heute im Exil in Moskau.

Wie lange der Ukraine-Whistleblower anonym bleibt, wird sich bald zeigen. Die "New York Times" publizierte bereits erste Details über seine Identität, um, wie Chefredakteur Dean Baquet sich rechtfertigte, dessen Glaubwürdigkeit zu untermauern: Der Mann arbeite für die CIA und sei zwischenzeitlich im Weißen Haus stationiert gewesen.

Die Veröffentlichung dieser Angaben sei "zutiefst beunruhigend und leichtsinnig", protestierte Andrew Bakaj, der Anwalt des Informanten. "Der Whistleblower hat ein Recht auf Anonymität."

insgesamt 111 Beiträge
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Seite 1
karl-der-gaul 27.09.2019
1.
Was den mysteriös, die New York Times hat in entlarvt, über ihn berichtet alles aber seinen Namen nicht bis jetzt freigegeben.
lozenz 27.09.2019
2. Viel
Rauch um nichts.
marialeidenberg 27.09.2019
3. Warum will alle Welt den whistleblower 'jagen'?
Um Quote zu machen (Medien); um sich zu rächen (Trump)? um einen 'Verräter' zu brandmarken (Reps)? um sich als Opfer finsterer Machenschaften zu stilisieren (nochmals Trump?? Lasst den Mann / die Frau?. namenlos bleiben solange er / sie die richtigen Quellen und Beweise liefert und solange er / sie es wünscht.
addis 27.09.2019
4. Vermutung
Der Mann arbeite für die CIA und sei zwischenzeitlich im Weißen Haus stationiert gewesen. Das wir die NYtimes vermutlich aus der Art der Informationen geschlossen haben. Da wird jemand der die Strukturen genau kennt das vermuten. Dem Mann war das sicher klar. Aber sicher kommen mehrere Personen in Frage.
bogedain 27.09.2019
5. Ich bete und hoffe für ihn
dass seine Identität geschützt bleibt.Mein grosser Respekt für ihn !
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