Trump und die Verbündeten Triumph der Scheinheiligkeit

Donald Trump ist zum ersten Mal als Präsident in Europa. Er wurde empfangen, als sei alles in Ordnung. Das ist eine politische Katastrophe.
Donald Tusk, Donald Trump, Emmanuel Macron

Donald Tusk, Donald Trump, Emmanuel Macron

Foto: POOL/ REUTERS

Donald Trump hat gewonnen, das lässt sich schon jetzt sagen, noch vor dem Ende seiner neun Tage langen Gewalttour durch den Nahen Osten und Europa. Er hat dem saudischen Königshaus Waffen für 110 Milliarden Dollar verkauft und kann das zu Hause als Sieg anpreisen. Er durfte sich in Israel als Friedensengel inszenieren, bekam beim Papst die schönen Bilder, die er wollte, und zeigte im neuen Nato-Hauptquartier, wer der Chef im Hause ist.

Trump hat gewonnen, weil Europa ihn gewinnen ließ, also wir.

Am Mittwoch war er in Rom bei Papst Franziskus, am Donnerstag in Brüssel bei der Europäischen Union und der Nato, am Freitag und Samstag in Taormina auf Sizilien beim G7-Gipfel. Es war seine erste Reise als Präsident durch die alte Welt, und sie war ein voller Erfolg, wenn man Trumps Perspektive einnimmt. Alle lachten, alle waren nett, keiner stellte sich ihm in den Weg, und wenn doch, konnte ihn Trump wegrempeln, ohne dass jemand widersprochen hätte.

Video: Trump drängelt und rempelt sich durch Europa

SPIEGEL ONLINE

Gesten sind Politik, vor allem bei offiziellen Treffen und Staatsgipfeln, die inzwischen bis zur brutalen Langeweile durchchoreografiert sind. Die Geste, die Europa diesem Präsidenten angeboten hat, war das Einverstandensein mit seiner Art von Politik, die Toleranz des Untolerierbaren.

Es gibt gute Argumente dafür, Diplomatie hinter verschlossenen Türen zu praktizieren. Wenn Staatschefs unterschiedlicher Auffassung sind, müssen sie das nicht in aller Öffentlichkeit ausleben, das ist im langfristigen Interesse ihrer Länder. Aber Trump ist kein normaler Präsident. Er hat gezeigt, dass er politische Grundregeln missachtet, den Schutz von Minderheiten, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit von Justiz und Presse. Er hat gezeigt, dass er lügt und zynisch ist und diese zähe Prozedur nicht mitmacht, die wir Demokratie nennen.

Laut und prollig bei der Nato

Was haben die Staats- und Regierungschefs getan, als Trump in Brüssel und Taormina landete? Sie haben mit ihm gelacht, ihm auf die Schulter geklopft, sie haben für Fotos posiert, in Brüssel mit ihm Büffelmozzarella und Kalbfleisch gegessen und auf Sizilien ein Konzert der Mailänder Philharmoniker besucht. Trump wird unter dem Eindruck nach Hause reisen, dass er eine Menge neuer Freunde hat, die ihn nicht nur akzeptieren, sondern lieben und schätzen. Ja, so tickt er.

Bei der Nato hat er sich wie Inkasso-Henry aufgeführt, laut und prollig. Er will Geld und eine faire Behandlung, was aus amerikanischer Sicht rational ist und in der Tat seit Jahren debattiert wird. Aber Trump fordert Gleichberechtigung mit der Geste eines Schulhoftyrannen. Bei einem Fototermin stieß er den Ministerpräsidenten von Montenegro beiseite und gab damit zu verstehen: Ich zahl diesen Verein hier, ich stehe in der ersten Reihe. Nicht du.

Donald Trump und die Nato-Regierungschefs

Donald Trump und die Nato-Regierungschefs

Foto: Geert Vanden Wijngaert/ AP

Warum lassen sich Erwachsene das bieten? Welches Signal sendet das an all die anderen kleinen und großen Tyrannen in der Welt?

Europa, also wir, lässt Trump gewähren. Europa, also wir, macht ihm Platz, wenn er sich den Weg freirempelt, es ist ekelhaft. Das einzige Gefühl, das wir ihm entgegensetzen, ist das peinlich berührte Lachen über seine neueste Peinlichkeit.

Trump muss den Eindruck gewonnen haben, dass Bulligkeit auf diesem Kontinent belohnt wird, Aggressivität. Er durfte unverschämt sein wie zu Hause, er durfte sich herausnehmen, die sechs größten Industrienationen mit einer Entscheidung über seine Klimapolitik warten zu lassen, bis er sich herablässt, sie zu informieren. Er durfte sich auch um das Bekenntnis zu Artikel fünf des Nato-Vertrags herumdrücken, der den Bündnisfall regelt.

Ist Europa zu schwach?

Was also bleibt von dieser Reise? Ein US-Präsident, der sich unter arabischen Herrschern wohler fühlt als unter seinen europäischen Verbündeten - oder muss man schreiben: ehemaligen Verbündeten? Es bleiben außerdem ein bis zwei hilflose Versuche, Trump den Vorteil von westlichen Werten zu erklären, und es bleiben die Videoschnipsel von Staatschefs, die mit ihm durch einen traumhaften Frühsommertag auf Sizilien spazieren.

Man muss Trump, ganz unsarkastisch, Glück wünschen bei dem Versuch, Israelis und Palästinenser wieder an einen Tisch zu bringen. Wir Europäer waren und sind dazu offenbar nicht in der Lage. Aber Trump ist desinteressiert an den Details, hat ein völlig unerfahrenes Team und nicht den Funken eines Plans, wie dieser große Frieden eigentlich zustandekommen soll, den er erreichen will. Die Gefahr ist, dass er mehr zerstört, als er reparieren kann, und wenn es schiefgeht, werden die anderen schuld sein, wie immer.

Trump ist nicht unmoralisch, das würde voraussetzen, dass er einen Begriff von Moral hat. Er ist vormoralisch. Er tut alles, um zu gewinnen, er ist ein klassischer Hochstapler, ein Wichtigtuer. Er ist kein Christ, wie er gerne behauptet, kein Atheist oder Agnostiker. Seine Politik ist vorchristlich, wie Andrew Sullivan im "New York Magazine" wunderbar argumentiert .

Wäre es arrogant oder ein politisches Risiko, ihn an die grundsätzlichen Umgangsformen zu erinnern, die im Westen gelten, unter Demokraten?

Trumpismus ist keine Ideologie mit einem theoretischen Fundament, so wie es der Neokonservativismus unter George W. Bush war. Deshalb ist es so niedlich wie vergebens, diesem Mann täglich Widersprüche in seiner Argumentation vorzuhalten oder alte Aussagen auf Twitter. Trumpismus ist das Recht des Stärkeren, des Reicheren, es ist politischer Darwinismus, es ist der Triumph der Scheinheiligkeit und der Gier und der Lüge über die Demokratie.

Ist Europa zu schwach, ihm das ins Gesicht zu sagen?

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