US-Verschwörungstheoretiker Trumps Trolle zeigen sich

Unter dem Schlagwort QAnon kursieren im Internet wilde Verschwörungstheorien. Jetzt zeigen sich ihre Anhänger erstmals offen vor TV-Kameras - als Fans bei Auftritten von US-Präsident Donald Trump.
QAnon-Anhänger

QAnon-Anhänger

Foto: LEAH MILLIS/ REUTERS

Für Donald Trump ist immer Wahlkampf. Fast täglich fliegt der US-Präsident durchs Land, um seine Basis aufzupeitschen. Und dazu sind ihm alle Mittel recht.

Diese Woche war Trump in Florida (Dienstag) und in Pennsylvania (Donnerstag), wo er Tausende Anhänger mit seiner bekannten Mixtur aus Selbstlob, Hetze und Medienschelte anfeuerte.

Vieles davon war, wie immer, frei erfunden. Der Mauerbau an der US-Südgrenze gehe voran. "Fröhliche Weihnachten" sei vor seiner Amtszeit ein Tabubegriff gewesen. Die Demokraten liebten Drogendealer. Journalisten seien "fake" - falsch. In Tampa pöbelte die Menge einen CNN-Reporter sogar direkt an: "CNN ist beschissen!"

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Doch etwas war bei den jüngsten Auftritten neu: Auf einmal ragten in den Hallen selbstgemalte Plakate empor, wie man sie bei Trump so noch nie gesehen hatte. "Wir sind Q", war darauf zu lesen, und der mysteriöse Spruch: "Wohin einer geht, werden wir alle gehen." Viele trugen den Buchstaben Q aus Pappe und dazu passende T-Shirts.

Wer oder was ist Q? Und wohin wollen sie alle gehen? Die meisten TV-Zuschauer, die diese Szene live verfolgten, haben sich darüber wahrscheinlich kurz gewundert und es dann auch schon wieder vergessen. Andere hingegen schauderten - zu Recht.

Denn Q ist ein Deckname, unter dem in Onlineforen fiebrige Verschwörungstheorien kursieren. Dieses "schwarze Loch" ("Washington Post") aus Hirngespinsten, Rassismus, Antisemitismus, Gewaltfantasien und Obszönitäten (Sammelbegriff: QAnon) wucherte lange nur auf Plattformen wie 4chan, 8chan oder Reddit - doch vereint sich nun mit Trump, selbst ja ein fleißiger Propagandist von Verschwörungstheorien.

"Wir alle wandern jetzt gemeinsam als Amerikaner", sagte eine Frau beim Trump-Auftritt am Donnerstag zu CNN. Auch sie trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Q".

Die Online-Gemeinde ist ganz aufgeregt. "Tampa-Rede, live", schrieb einer während Trumps Rede in Florida. "Q im Rampenlicht", und: "Hoffentlich erwähnt Trump Q!"

Schließlich schaltete sich Q selbst ein - oder jemand, der sich als ein Nutzer namens Q ausgab: "Ihr seid jetzt Mainstream", wandte sich dieser auf der QAnon-Plattform qanonposts.com am Dienstag an die Anhänger. "Genießt die Show."

Trump mit Militärs im Oktober 2017

Trump mit Militärs im Oktober 2017

Foto: YURI GRIPAS/ REUTERS

Q postete erstmals im Oktober, kurz nachdem Trump bei einem Treffen mit Militärs kryptisch gesagt hatte: "Vielleicht ist es die Ruhe vor dem Sturm." Q - der sich auch "der Sturm" nennt - bezeichnet sich als Trump-Insider mit Zugang zu den geheimsten Informationen. Schlachtruf: "Wohin einer geht, werden wir alle gehen." Die ersten Einträge meldeten Hillary Clintons "Festnahme" und prophezeiten "massive Aufstände".

Die gab es natürlich nie. Doch je absurder die Theorien, desto populärer sind sie bei den QAnon-Anhängern - von denen manche vermuten, Q sei Trump selbst. Schließlich wirkt all das wie ein Kondensat der schrillsten Trump-Hits.

SPIEGEL ONLINE

Verbreitet werden etwa folgende krude Behauptungen:

  • Trump sei vom Militär installiert worden, um das kriminelle Establishment, den "Deep State" (den korrupten "Staat im Staate") und die globale Bankenelite (ein Codewort für Juden) zu besiegen und die USA zum "großen Erwachen" zu führen.
  • Barack Obama, Hillary Clinton und der linke Finanzier George Soros planten einen Umsturz und betrieben in ihrer Freizeit Kinderhandel.
  • Russland-Sonderermittler Robert Mueller sei ein heimlicher Agent Trumps mit dem Auftrag, Clinton und Obama hinter Gitter zu bringen, am besten nach Guantanamo Bay.
  • •Das Schulmassaker von Parkland in Florida sei von Obama und Clinton inszeniert worden, um den Amerikanern die Waffen abzunehmen.
  • Der legendäre Banker J.P Morgan habe den Untergang der "Titanic" herbeigeführt, um seine Rivalen umzubringen und die US-Zentralbank gründen zu können.
Verschwörungstheoretiker Alex Jones

Verschwörungstheoretiker Alex Jones

Foto: Lucas Jackson/ REUTERS

Selbst Prominente propagieren QAnon inzwischen - allen voran Komödiantin Roseanne Barr, die wegen ihrer rassistischen Tweets aus ihrer eigenen Sitcom geworfen wurde.

Ungefährlich sind die Theorien nicht. Im Dezember 2016 kreuzte ein Mann mit einem halbautomatischen Gewehr in einer Pizzeria in Washington auf, um, wie er angab, einen dort von den Demokraten geführten Pädophilenring auszuheben. Er gab drei Schüsse ab, traf aber niemanden.

Die als "Pizzagate" bekannte Theorie hatte in den gleichen Foren begonnen, in denen später auch QAnon entstand. Ein weiterer Verfechter: der Radiomoderator und Trump-Vertraute Alex Jones, der in seiner Verschwörungsshow "Infowars" QAnon-Irrsinn mit Trumps rassistischen Parolen vermengt - zum Beispiel, dass Obama in Kenia geboren wurde.

Noch ist nicht absehbar, wie viele Menschen wirklich an die QAnon-Theorien glauben, vermutlich ist die Gruppe kleiner als sie sich mit ihrer medienwirksamen Inszenierung macht. Die aber beherrschen die Akteure sehr gut. Als CNN am Donnerstag die Trump-Anhängerin im "Q"-T-Shirt befragte, verkündete sie strahlend: "Der Sturm ist hier."

Im Video: Die 15 schönsten Verschwörungstheorien

dbate