Trump und Europa Merkels Reality-Check

Die deutsche Kritik an Trump sorgt auch in den USA für Aufsehen. Dabei sagen Merkel, Gabriel und Schulz nur, was längst nicht mehr zu leugnen war: Die Welt hat sich radikal verändert - und muss reagieren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Donald Trump
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Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Donald Trump

Von , New York


Donald Trump hat seine kleine Weltreise längst vergessen. Der US-Präsident lief wieder twitternd durchs Weiße Haus. Er legte am Soldatenfriedhof Arlington einen Kranz nieder. Er beriet mit seinen Anwälten, wie er sich am besten aus der eskalierenden Russlandaffäre ziehen kann. Alles beim Alten.

In Deutschland aber scheint auf einmal nichts mehr wie früher. Nachdem sich Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag ungewohnt kritisch von Trump abgesetzt hatte, zogen Vizekanzler Sigmar Gabriel und SPD-Kandidat Martin Schulz am Montag flott nach. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner dagegen warnte vor einer transatlantischen Entfremdung: "Es verbindet uns mit den USA mehr, als eine einzige Präsidentschaft zerstören könnte."

Das stimmt natürlich. Trotzdem hat Trump sein kurzfristiges Ziel erreicht: Er hat Unruhe gestiftet in der Nachkriegsallianz, hat mit seinen rüden Gesten und Worten eine Debatte ausgelöst, die zwar spätestens seit seinem Wahlsieg überfällig war, doch nun prompt aus dem Ruder zu laufen droht.

Denn die deutsche Trump-Diskussion ist ja nicht nur eine innere, wo es um den Wahlkampf geht, um politisches Profil und Trump als Reizthema und endlich mal ideales Feindbild des hässlichen Amerikaners. Sondern auch eine Diskussion, die wiederum nach außen schallt und bis in die USA zurück, wo sie anfing, endlos potenziert durch die Echokammern der sozialen Medien.

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Hier sorgt die deutsche Trump-Kritik für Wirbel, als sei man tatsächlich überrascht davon. Eine "potenziell seismische Verlagerung der transatlantischen Beziehungen", so dramatisch analysierte die "New York Times" Merkels Bierzeltrede: "Deutschland wird zusehends zur dominanten Macht." Der TV-Sender NBC sah "Zeichen von sich ausweitenden Rissen" in der "globalen Nachkriegsordnung". Amerikas Ex-Nato-Botschafter Ivo Daalder ging sogar noch weiter und rief bereits "das Ende einer Ära" aus. Bye-bye, Germany.

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Merkels Rede im Bierzelt: Prosit!

Dabei war Trumps Holzhammer-Tour wirklich nichts Neues. Verbeugung vor Autokraten, Abkehr von demokratischen Normen, Ignoranz der Geschichte: Die Amerikaner kennen es seit Langem, alle anderen erlebten jetzt ihren ersten, hautnahen Reality-Check mit dem Neuen im Weißen Haus.

Trump ist eben Trump: unberechenbar, rein transaktional, frei von Werten und moralischer Bürde. Kein Wunder, dass er die transatlantischen Bande nicht respektiert - stützen sie sich doch auf gemeinsame Werte und gemeinsame Verantwortung: Wer keine hat, kann keine teilen. Viele haben das schon gleich nach seiner Wahl prophezeit. Merkel, Gabriel und Schulz haben nun nur erstmals ausgesprochen, was nicht mehr zu leugnen ist: Die Welt hat sich durch Trump radikal verändert - und die Welt muss sich anpassen.

Trumps Reise sei "eine Katastrophe für das US-europäische Verhältnis" gewesen, klagte der konservative Kommentator David Frum im Magazin "Atlantic". Doch dieses Verhältnis war gerade in Deutschland auch schon vor Trump erodiert - selbst unter Barack Obama, der seinen Heiligenschein schnell verloren hatte nach der NSA-Affäre und dem Fall Edward Snowden.

"Sehr unzufriedenstellend"

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Trump dreht diese Schraube nun noch weiter, indem er den deutschen USA-Kritikern erstmals einen Ansatzpunkt gibt, auf den sich fast alle einigen können. Er hat das transatlantische Idyll, das ohnehin nur noch mühsam von der gemeinsamen Geschichte aufrechterhalten wurde, endgültig zerstört.

"Wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren"

Das lässt sich kaum kleinreden. Auch wenn Trumps Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster den Worten seines Chefs jetzt nachträglich die zersetzende Kraft zu nehmen versuchte. Und auch wenn treue Republikaner wie Bob Corker, der Vorsitzende des Außenausschusses im US-Senat, die Reise als "fast perfekt" hochjubelte: "Ich könnte nicht zufriedener sein."

Doch eine hysterische Reaktion auf Trumps Poltereien - und auf das klare, überfällige Selbstbewusstsein Merkels - wäre ebenso gefährlich. Davor jedenfalls warnt Ilya Lozovsky, Redakteur der Journalistengruppe OCCRP: "Es ist wichtig, dass wir einen kühlen Kopf bewahren. Trump blüht in einem Umfeld der Polarisation und Desinformation. Machen wir's nicht schlimmer."

Sonst könnte tatsächlich eintreffen, was Trump nach seiner Rückkehr nach Washington als Erstes twitterte: "Die Reise war ein großer Erfolg für Amerika!"

insgesamt 144 Beiträge
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rgw_ch 30.05.2017
1. Erfolg
Wenn eine Emanzipation der Europäer von den USA das einzige Ergebnis der Präsidentschaft Trumps wäre, dann müsste man diese schon als grossen Erfolg für die Welt werten.
stalkingwolf 30.05.2017
2. USA wird überbewertet
Nur weil sie auf einem Haufen Atomwaffen sitzen und überall in der Welt Polizei spielen spricht man mit diesem Land überhaupt. Generell wird die USA überbewertet. Wirklich brauchen tut die und was aus diesem Land kommt keiner.
nomadas 30.05.2017
3. Systemtheorie
Was ist denn das Gute an Herrn Trump, bitte? Nun, ganz einfach: Ändert sich eine Variable in einem System, so ändert sich automatisch das ganze System. Systemisches Gesetz! Herr Trump ist die Variable. Der Westen das System. Wie und was auch immer, Gott sei Dank kommt es endlich mal zu einer Änderung und nicht mehr das ewige Weiter so! Die Systemplayer sind verunsichert, ihr bisheriger big player spielt nicht mehr so wie bisher mit ihnen mit. rien ne va plus. faites vos jeux
BeatDaddy 30.05.2017
4. Da kann man mal sehen,
was diese Frau für eine Reaktionszeit hat...Eine Schnecke ist dagegen wie Barry Allen...
observerlbg 30.05.2017
5. Christian Lindner warnt vor Entfremdung...
So, so, hat er mal wieder keinen Durchblick. Angela Merkel sei gewarnt vor einer Schwarz/Gelben Koalition. Die FDP hat da eine Bringschuld, die die Union auf lange Zeit blockieren wird. Die SPD hingegen steht für nix mehr, mit der kann beliebig auf Donald-Trump-Ausfälle reagieren. Zumal nicht mal sicher ist, dass DT noch Präsident ist, wenn der neu gewählte Bundestag seine Arbeit aufnimmt. Allerdings um mit einem Präsidenten Pence oder Ryan klar zukommen, müsste die Union besser mit der AfD koalieren. Oder anders ausgedrückt: auch ohne DT wird's nicht wirklich besser.
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