Rhetorik-Analyse Trump gegen Clinton Er protzt, sie schwafelt

Trump pöbelt, Clinton pokert - so weit, so bekannt. Doch welche rhetorischen Kniffe verwenden die Konkurrenten wirklich? 93.000 Wörter haben beide in den TV-Duellen geäußert. Hier ist die Datenanalyse.
Hillary Clinton und Donald Trump

Hillary Clinton und Donald Trump

Foto: STAFF/ REUTERS

Der Vorwahlkampf in den USA war rabiat. Donald Trump beschimpfte seine Konkurrenten, ersann böse Spitznamen, machte sie lächerlich. Als Bühne für seine Ausfälle nutzte er oft und gern die Fernsehdebatten. Am Ende wurde er offizieller Kandidat der Republikaner.

Im Vergleich zu derart aggressiven Wortgefechten erschienen die Debatten der Demokraten um Hillary Clinton und Bernie Sanders schon fast kuschelig, auf jeden Fall aber fair und inhaltsorientiert. Inzwischen ist klar: Sanders kann Clinton nicht mehr schlagen, sie wird die erste weibliche Präsidentschaftsanwärterin der USA.

Was wird passieren, wenn Clinton und Trump bei Fernsehdebatten aufeinandertreffen? Wie will sich die frühere Chefdiplomatin gegen den Polarisierer Trump behaupten? Und womit haben beide bislang beim Wähler gepunktet?

Eine umfassende inhaltliche Analyse aller TV-Debatten offenbart die bisherige Diskussionsstrategie der Kandidaten - und lässt fünf Prognosen für den Wahlkampf zu.

1. Die Kandidaten hämmern den Zuhörern ihre Botschaften ein

Häufig wiederholte Botschaften bleiben hängen. Dieser Strategie folgen sowohl Clinton als auch Trump. Hillary Clinton setzt dabei auf Präsident Barack Obama. Sie nannte seinen Namen in fast allen Debatten mehr als fünfmal. Denn Obama ist bei den Wählern beliebter als sie selbst. Wer eine Fortsetzung seiner Politik will, muss für Clinton stimmen, so lautet die Botschaft. Auch der Republikaner nutzt Obama - aber als Anti-Beispiel. Wer eine "dritte Amtszeit" Obamas verhindern will, so die Botschaft, muss Trump wählen.

Donald Trump stellt sich als Politik-Außenseiter und Geschäftsmann dar, der alles anders machen will. Seine wenig konkrete, aber einprägsame Formel lautet: "Amerika wieder großartig machen". Das Wort "great" wiederholt er häufig, das kommt gut an. Auch seine Widersacherin ist auf diese Strategie eingeschwenkt, bei ihr häuften sich die "greats" in den letzten Debatten. Ähnlich sieht es bei der Erwähnung der Leute, also "people", aus. Dieses Wort fiel in den letzten Debatten deutlich öfter. Zu Trumps Lieblingsthemen gehören China und die Kritik am Freihandel - bei Clinton kommt dieser Begriff hingegen kaum vor.

In der Auswertung der Debatten fällt zudem auf, dass Hillary Clinton häufiger empathische und emotionale Verben verwendet als Trump. Während sie mehr über "unterstützen", "benötigen" und "denken" spricht, redet Trump über die "Nation", die "Größe Amerikas" und Politik als "Geschäftsdeal".

2. Clinton hat mehr zu sagen

Die Fernsehdebatten sind dazu da, die Kandidaten und ihre Positionen kennenzulernen. Das bedeutet für die Politiker: reden, reden, reden. Hillary Clinton hat in neun Debatten rund 54.000 Wörter gesprochen, etwa 15.000 mehr als Donald Trump in elf Debatten. Das liegt einerseits daran, dass Trump zu Beginn mehr Mitbewerber hatte und deswegen seltener zu Wort kam. Andererseits sind Clintons Sätze durchschnittlich fast anderthalb mal so lang wie Trumps. Auch ihr Vokabular ist deutlich umfangreicher.

Wenn Clinton einmal zu reden beginnt, ist sie schwer zu stoppen. Sie hat dann eine klare Absicht, welche Botschaft sie den Zuhörern vermitteln will und lässt sich auch kaum von Moderatoren und Mitstreitern unterbrechen. Donald Trump dagegen ist schlagfertig, bissig und weiß instinktiv, welchen Ton er treffen muss, um Schlagzeilen zu machen. Und das funktioniert besser mit Einzeilern als mit sorgfältig ausformulierten Statements.

3. Trump scheut Inhalt

Die Analyse von häufig verwendeten Phrasen zeigt extreme Unterschiede: In den Top 10 der meistverwendeten Wortkonstruktionen finden sich bei Hillary Clinton Gesundheitsvorsorge und Krankenversicherung, Einwanderungsreform und Wall Street. Die einzige Substantivphrase in Trumps Top 10 lautet "United States". Ansonsten spricht er vorwiegend von "nicht wollen", "nicht wissen", "erledigen", "abschaffen" und "zurückkommen".

Während Clinton also tatsächlich inhaltlich argumentiert und Vorteile von sozialen Programmen betont, inszeniert sich Donald Trump als Kümmerer, der die Dinge in die Hand nimmt und dafür sorgt, dass "es" besser wird - was auch immer "es" ist. Wenn er gefragt wird, woher er das Geld für seine Pläne nehmen will, antwortet er zum Beispiel äußerst vage: "Wir werden ganz viel einsparen. Wir werden so viel einsparen, dass euch die Köpfe schwirren." 

Donald Trump, Marco Rubio

Donald Trump, Marco Rubio

Foto: JIM YOUNG/ REUTERS

4. Clinton gibt Fehler zu

Per Inhaltsanalyse lassen sich besonders positiv und negativ konnotierte Sätze herausfiltern. Durchsucht man die Debatten nach auffällig negativen Aussagen, machen sich auch hier deutliche Unterschiede zwischen den Kandidaten bemerkbar. Hillary Clinton räumt Fehler und Schwächen ein, etwa in der E-Mail-Affäre, bedauert gescheiterte Gesetzesinitiativen, kann aber auch angreifen. Donald Trump hingegen nutzt teilweise extrem negativ konnotierte Vokabeln zum Angriff, schürt Angst vor Terrorismus und zeichnet ein düsteres Bild von seinem Land.

Nachfolgend die laut Textanalyse negativsten Sätze (mit mehr als vier Wörtern):

5. Trump prahlt

Die Analyse der positiven Sätze zeigt, wie Trump die Wähler für sich gewinnen will: indem er Stärke demonstriert. Immer wieder erwähnt er die Reichtümer, über die er verfügt: viel Geld, gute Freunde, ausgezeichnete Wahlergebnisse. Der Geschäftsmann fängt seine Wähler kaum mit inhaltlichen Visionen, sondern, indem er von sich selbst schwärmt - und damit wortwörtlich vorgibt, was die Leute von ihm zu halten und weiterzutragen haben.

Die positiven Aussagen von Hillary Clinton drehen sich zumeist darum, welche Personengruppen oder Gesetze sie unterstützt. Doch sie macht sich auch über Trump und seine Idee von der "schönen hohen Mauer" an der mexikanischen Grenze lustig.

Auswertung

Hillary Clinton ist eine erfahrene Politikerin. Sie ist eloquent und hält einen penibel vorbereiteten Schlachtplan für jede Debatte bereit. Doch große Leidenschaft entfacht die Machtpolitikerin bei den Wählern damit nicht. Ungeachtet der erstaunlichen Erfolge von Donald Trump und Bernie Sanders gibt sie die Botschaft aus, dass Präsident Obama das Land auf einen guten Weg gebracht habe. Ihre Argumentation dreht sich um die Frage des Was: Was funktioniert schon, was will sie besser machen?

Ganz anders Trump: Er zeichnet Horrorvisionen einer kaputten, korrupten, schwachen Nation und bietet in einfachen Worten Lösungen für komplexe Probleme an. "Wir müssen mit dieser politischen Korrektheit aufhören", fordert er - und bricht ein Tabu nach dem anderen. Dieser Zungenschlag gefällt Millionen von Wählern. Trump fragt nach dem Wer: Wer, wenn nicht der Geschäftsmann, kann die festgefahrene Washingtoner Kaste aufbrechen? Wer darf zu seiner Nation dazugehören, dass sie "wieder großartig" wird - Immigranten und Muslime?

Am 26. September werden Hillary Clinton und Donald Trump voraussichtlich zur ersten Fernsehdebatte gegeneinander antreten. Die Präsidentschaftswahl dürfte sich auch daran entscheiden, welche Frage die Auseinandersetzungen bestimmt: Clintons Was? oder Trumps Wer?

Methodik

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