Letztes Wahlkampf-Duell gegen Clinton Trump debattiert sich ins Abseits

Nanu? Die dritte und letzte TV-Debatte zwischen Hillary Clinton und Donald Trump verlief überraschend zivilisiert und sachlich. Aber es gab einen Moment, der lange nachhallen dürfte.

REUTERS

Aus Las Vegas berichten und


Fast eine Stunde dauert es, dann kommen sie doch noch zur Sprache, die Sex-Vorwürfe. Warum sich denn so viele Frauen Belästigungsgeschichten ausdenken sollten, fragt Moderator Chris Wallace. Woraufhin sich Donald Trump in einen Superlativ flüchtet, den man schon kennt: "Niemand respektiert Frauen mehr als ich."

Da lacht das Publikum, was sonst.

Wallace mahnt: "Ruhe bitte!" Und tatsächlich: Danach muckt keiner mehr auf.

Wallace, eine der wenigen unparteiischen Stimmen beim konservativen Kabelsender Fox News, ist der wahre Star dieser TV-Debatte, der dritten und letzten zwischen Hillary Clinton und Donald Trump. 19 Tage vor der US-Präsidentschaftswahl ist das Duell in Las Vegas die letzte Chance für beide Kandidaten, das Ruder noch mal in die eine oder andere Richtung zu drehen.

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Clinton vs. Trump: Schlagabtausch in Las Vegas

Wallace schafft, was den vorherigen Moderatoren der Duelle missglückt ist. Er hält die Diskussion in diesen chaotischen Tagen sachlich. Es geht um Abtreibung, Supreme Court, Syrien, Arbeitsmarkt, Obamacare, Steuern, Waffenkontrolle.

Trotzdem gelingt es ihm, Trump den einzigen Schocker herauszukitzeln, der von diesem Abend nachhallen wird.

Was war denn dieser Schocker?

Eigentlich hat Trump ja einen guten Auftritt. Er ist viel besser vorbereitet als sonst, bleibt verhältnismäßig ruhig, bringt die meisten seiner Lieblingsthemen unter (Einwanderung, Jobsicherheit, Clintons E-Mail-Affäre). Doch dann lässt er sich aus der Reserve locken. Seit Längerem behauptet er nämlich im Vorgriff auf eine Niederlage, dass die US-Wahlen "in großem Stil" manipuliert würden - zu seinen Ungunsten. Wallace thematisiert das nun: Dafür gebe es keine Beweise - ob Trump das Ergebnis denn anerkennen werde, egal, wie es aussehe? Trump sagt, dass er sich das vorbehalten werde. "Aber Sir", hakt Wallace entsetzt nach: Es sei "Tradition in diesem Land", dass der Verlierer dem Gewinner gratuliere. "Ich werde es Ihnen sagen, wenn es so weit ist", beharrt Trump. "Ich werde es spannend machen." Clinton wittert ihre Chance: "Das ist entsetzlich." So funktioniere Demokratie nicht. Stimmt: Als Präsidentschaftskandidat Zweifel am Wahlsystem zu streuen, ist in den USA ein historisch beispielloser Affront, der das Vertrauen in das gesamte System und dessen Stabilität erschüttern könnte. Ein Thema, das die letzten Tage dieses turbulenten Wahlkampfes beherrschen dürfte.

Clinton spielt schon mal Präsidentin

Die Ex-Außenministerin fährt eine andere Strategie als in den ersten beiden Debatten. Clinton will ganz offensichtlich kein Vorstellungsgespräch mehr führen, nicht charmieren oder die nette Kandidatin spielen. Sie probt die Rolle der Präsidentin und Oberbefehlshaberin, tritt sehr bestimmt auf, autoritär zuweilen, weist Trump immer wieder kühl zurecht. Als der seine bekannt harten Einwanderungspläne skizziert, gibt sie die Verfassungshüterin: "Diese Idee würde unsere Nation auseinanderdividieren." Als er ihr vorhält, mit ihrer Unterstützung für Freihandelsabkommen US-Arbeitsplätze gefährdet zu haben, sagt sie: "Er verdrückt große Krokodilstränen - dabei hat er selbst Jobs an chinesische Stahlarbeiter vergeben." Und als er sie für die Arbeit der Clinton-Stiftung kritisiert, erzählt sie ausführlich von deren Funktion und Rolle in der Welt. Redet ruhig, wir haben uns nichts vorzuwerfen - das ist die Botschaft. Clinton ist an diesem Abend Clinton pur: die kühle Strategin. Das ist nicht sympathisch, aber äußerst effektiv.

Der Putin-Angriff

Clinton beherrscht alle Tricks - besonders einen: Sie kann wie kaum sonst jemand von sensiblen Fragen ablenken und den Fokus auf den Rivalen richten. Auf gut Deutsch: Sie macht sich einen schlanken Fuß. Als Wallace sie mit den von WikiLeaks enthüllten Manuskripten ihrer Reden vor der Wall Street konfrontiert, inszeniert sie sich geschickt als Opfer einer von Trump und Wladimir Putin gesteuerten Hackerverschwörung.

Minutenlang geht es plötzlich um das Verhältnis des Milliardärs zum russischen Präsidenten, und Trump schafft es nicht, sich vom Mann in Moskau zu distanzieren. Stattdessen behauptet er, Putin habe angesichts der Schwäche der US-Regierung leichtes Spiel. "Er hat keinen Respekt vor Hillary, er hat keinen Respekt vor Obama", ruft Trump. "Ja, er hätte lieber eine Marionette im Weißen Haus", kontert Clinton - gemeint ist Trump. Der malmt mit dem Kiefer. Das ist offensichtlich ein einstudierter Angriff. Kurz nach ihrem Satz treiben Clintons Leute das Thema schon in den sozialen Netzwerken voran, es kursieren Collagen einer Putin-Marionette und der neue Hashtag #PutinsPuppet.

Und jetzt?

Wahrscheinlich passiert wenig - was für Clinton eine überaus gute Nachricht ist. Trump sorgt mit seinen Thesen zur Wahlfälschung wieder einmal dafür, dass die kommenden Tage über ihn und nicht über seine Gegnerin gesprochen werden dürfte. Clinton ist in Las Vegas an vielen Stellen in der Defensive - bei ihren Entscheidungen als Außenministerin, bei ihren E-Mails und hochbezahlten Wall-Street-Reden. Aber im Duell gibt es keinen Moment, der das Potenzial hat, die Dynamik klar in Richtung Trump zu verschieben. Das Unentschieden ist für die Demokratin ein Sieg. Sie geht als klare Favoritin in die letzten knapp drei Wochen Wahlkampf. Trump dagegen scheint schlicht die Zeit davonzurennen.

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insgesamt 234 Beiträge
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brotherandrew 20.10.2016
1. Hillary ...
... Rodham Clinton wäre zu schlagen gewesen - aber nicht von Donald Trump. Aber die Trump-Unterstützer in den Vorwahlen wollten es ja nicht anders. Na ja, vielleicht erleidet Clinton nochmal publikumswirksam einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Das ist - so makaber es wäre - die einzige Chance, die Trump jetzt noch hat.
rieberger 20.10.2016
2. Trash
Schaut sich diesen Trash tatsächlich jemand an, der nicht beruflich mit Information zu tun hat? Für mich schwer nachvollziehbar!
PeterPaulPius 20.10.2016
3. Denkfehler
Ich glaube die Medien unterliegen einem Denkfehler. Das Poblem ist doch, dass Meinungen nur durch Menschen vebreitet werden, die selbst zum Establishment gehören. Aber das sind ja nicht jene Menschen, die Trump in erster Linie erreichen will. Und für ihn wird es darauf ankommen, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung vom Politbetrieb enttäuschter Bürger zu erreichen. Wenn er die mobilisieren kann, dann kann ihm dennoch gelingen, ins Weiße Haus einzuziehen. Und das können die Umfragen schlecht widerspiegeln.
paulpuma 20.10.2016
4.
Monatelanges mediales Trommelfeuer für Clinton. Ihr Sieg wird Amerika weiter spalten. Trump hätte versöhnen können. Immerhin hat er mit einer einzigen Rede die Republikaner auf seine liberale Linie gebracht.
Charles Neuer 20.10.2016
5. Und damals Al Gore?
Damals, als Al Gore unterlag, waren es ja die Demokraten (und die mit ihnen verbundenen Medien) welche wochenlang von Wahlbetrug redeten...
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