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06. September 2019, 06:15 Uhr

Umstrittene Hurrikan-Karte

Was "Sharpie-Gate" über Donald Trump verrät

Von , Washington

Der US-Präsident sorgt mit einer Karte zum Hurrikan "Dorian" für Verwirrung - und aus einer Petitesse wird eine große Sache. Wie konnte das passieren?

Erst traf es die Bahamas, jetzt wütet Hurrikan "Dorian" an der US-Ostküste. Für jeden US-Präsidenten ist die Hurrikan-Saison traditionell eine Bewährungsprobe.

Und Donald Trump? Eigentlich machte der Präsident seine Sache bislang einigermaßen ordentlich. Trump nutzte seinen Twitter-Account, um Hinweise der Katastrophenschutzbehörden zu verbreiten, er sprach den Opfern auf den Bahamas Mut zu, er traf sich zu Krisensitzungen mit seinen Experten von der zuständigen Behörde Fema.

Nun aber droht dem Präsidenten der Wirbel um eine schwarze Filzstift-Markierung die ganze Sache zu verhageln. Seit Tagen liefert sich Trump einen bizarren Kampf mit mehreren US-Medien um die Frage, ob er falsche Informationen über den Sturm verbreitet hat. Und ähnlich wie der Hurrikan selbst, will auch diese Angelegenheit irgendwie kein Ende nehmen. US-Late-Night-Talker witzeln über "Sharpie-Gate", bei Twitter geht der Hashtag #SharpiePresident um.

Wer änderte die Karte?

Die Episode erscheint mickrig, sie wäre eigentlich kaum der Rede wert. Doch sie lohnt einen näheren Blick, denn sie ist bezeichnend für Trump. Einmal mehr zeigt sich, dass er völlig unfähig ist, mit Kritik umzugehen.

Alles begann am Sonntag: Da twitterte Trump, mehrere US-Staaten an der Ostküste und auch der Bundesstaat Alabama am Golf von Mexiko könnten vom Hurrikan "(viel) stärker als zunächst angenommen" betroffen sein.

Seine Aussagen sorgten für Konfusion, da Experten und Rechenmodelle da eigentlich nicht mehr davon ausgingen, dass Alabama stark bedroht sein könnte. Der Nationale Wetterdienst in Alabama widersprach wenige Minuten später sogar ausdrücklich. Die Behörde stellte klar, dass der Hurrikan Alabama in keiner Weise treffen werde, sondern einen Weg entlang der US-Ostküste einschlagen werde.

War Trump also falsch informiert worden? Oder hat er sich schlicht vertan, weil er nicht auf dem neuesten Stand war?

Wie auch immer: Der Hurrikan schlug tatsächlich einen anderen Pfad ein. Üblicherweise wäre die Sache damit kaum eine weitere Erwähnung wert gewesen. Dass auch ein Präsident etwas widersprüchliche Aussagen erhält oder auch selbst tätigt, kann schließlich passieren, bei dieser Flut von Informationen in einem Hurrikan. "No big deal", würden die meisten Amerikaner dazu wohl sagen.

Nicht aber Trump.

Der Präsident will in der Sache partout keinen Fehler erkennen. Schon gar nicht bei sich selbst. Kritische Berichte und Nachfragen dazu nennt er wütend "Fake News". Auf keinen Fall will er schwach erscheinen. Typisch Trump. Es ist sein übliches Verhaltensmuster, wenn er kritisiert wird. Erstaunlich ist dabei diesmal aber die Besessenheit, mit der er das Thema verfolgt.

Kaum stellten Reporter Trumps Aussagen vom Sonntag infrage, ging er zum Gegenangriff über. Den Korrespondenten von ABC warf er vor, selbst keine Ahnung zu haben und "Leichtgewichte" zu sein.

Dann kam es zu der bizarren "Sharpie"-Szene: Als Trump am Mittwoch im Weißen Haus vor Reportern eine Karte mit dem prognostizierten Verlauf des Hurrikans vorstellte, sah es so aus, als hätte jemand da Alabama noch mit einem Filzstift ("Sharpie") nachträglich zu den Gebieten hinzugefügt, die von dem Sturm betroffen sein könnten.

Als Trump von Reportern gefragt wurde, wer die Erweiterung per Hand angefügt habe, sagte er nur: "Ich weiß es nicht." Auch Mitarbeiter im Weißen Haus konnten das Rätsel bislang nicht aufklären. Trumps Lieblingsfeindsender CNN berichtet, die Änderung sei erst kurz vor dem Pressetermin eingefügt worden. Hat Trump also womöglich auf dem Papier herumgemalt oder herummalen lassen, um seine Aussagen vom Sonntag nachträglich zu rechtfertigen?

"Abnormale Gedankenwelt"

Fest steht: Bis zum "Sharpie"-Zwischenfall interessierte sich in den USA kaum jemand für das Thema. Wer immer die Karte per Hand geändert hat, machte den mutmaßlichen Fauxpas des Präsidenten vom Sonntag damit erst richtig groß.

Trumps Kritiker schlugen sofort frohlockend zu. Der Vorgang belege eindrücklich die schweren Störungen in Trumps "abnormaler Gedankenwelt", urteilte der (republikanische) Trump-Gegner George Conway. Und der frühere Trump-Ghostwriter Tony Schwartz ("The Art of the Deal") stellte fest, dass so deutlich werde, wie schnell sich Trump gedemütigt fühle. Er sei ein zutiefst unsicherer Mensch. "Diese Unsicherheit dominiert praktisch jede Minute seines Lebens."

Spätestens nach der Episode vom Mittwoch wäre es also unter normalen Umständen deshalb an der Zeit gewesen, dass sich ein Präsident wieder wichtigeren Aufgaben zuwendet. Zum Beispiel der Koordination der Hilfen für die Hurrikan-Opfer.

Nicht aber Trump.

Statt die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen, will Trump der ganzen Welt weiterhin beweisen, dass er auf jeden Fall recht hat.

Er lässt einfach nicht locker. Am Donnerstag veröffentlichte der Präsident via Twitter erneut mehrere ältere, offizielle Karten des Wetterdienstes, in denen Alabama in den Pfad des Sturms noch mit einbezogen ist. Dazu twitterte er triumphierend: "Genau wie ich gesagt habe, Alabama sollte nach ursprünglichen Berechnungen auch betroffen sein."

Was er nicht sagte: Die Karten sind als Beleg ungeeignet, da sie nicht vom Tag seiner Aussagen zu Alabama stammen, sondern vom Donnerstag und Freitag davor. Wenn überhaupt, sind die Karten wohl eher ein Indiz dafür, dass sich Trump am Sonntag mit seiner Sturmwarnung tatsächlich auf veraltete Informationen berufen haben könnte, also falsch lag.

Die Natur lässt sich von der Wut des Präsidenten ohnehin nicht beeindrucken: Hurrikan "Dorian" zieht weiterhin an der US-Ostküste entlang - und nicht durch Alabama.

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