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21. Juni 2019, 09:37 Uhr

Trumps Iran-Taktik

Alles ist denkbar, alles ist möglich

Von , Washington

Der Abschuss einer US-Drohne setzt Donald Trump unter Druck: Er genehmigte Vergeltungsschläge gegen Iran, stoppte diese dann aber wieder. Die Demokraten, aber auch wichtige Republikaner, fordern Deeskalation.

Der Präsident blickte grimmig. Eigentlich wollte Donald Trump mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau im Weißen Haus über Handelsfragen diskutieren. Doch die versammelten Reporter interessierte vor allem ein Thema: Wird Trump einen Militärschlag gegen Iran anordnen? Ja oder nein?

"Wir werden sehen, was passiert", erklärte Trump hinhaltend. "Alles wird sich regeln."

Alles wird sich regeln? Schön wär's: Der US-Präsident steht vor den schwierigsten Tagen seiner bisherigen Amtszeit. Nach dem Abschuss einer amerikanischen Aufklärungsdrohne am Golf von Oman durch die iranische Luftabwehr droht die Auseinandersetzung zwischen Teheran und Washington außer Kontrolle zu geraten.

Die Welt hält den Atem an: Am Donnerstag genehmigte Trump Vergeltungsschläge gegen Iran. Das melden inzwischen mehrere US-Medien übereinstimmend. Schiffe und Flugzeuge seien bereits in Position gewesen - dann habe er aber das Kommando zum Rückzug gegeben.

In einer Serie von Briefings hatte das US-Verteidigungsministerium zuvor Abgeordnete und Journalisten über die Details des Drohnen-Abschusses unterrichtet. Wichtige Abgeordnete von Republikanern und Demokraten wurden zu einem Treffen ins Weißen Haus gebeten. Der Inhalt: streng geheim.

Mit Trumps Hin und Her am Donnerstag wird nun mehr denn je erkennbar, dass er in einem Dilemma steckt: Einerseits hat er sich gegenüber seinen Wählern stets als Isolationist präsentiert, der am liebsten alle US-Truppen aus dem Ausland zurückholen würde. Andererseits muss er um seinen Ruf als starker Mann bangen. Auf keinen Fall will er den Eindruck entstehen lassen, dass er sich im Ringen mit Teheran von den Mullahs auf der Nase herumtanzen lässt.

So gibt er sich mal kämpferisch, dann wieder zurückhaltend. "Iran hat einen großen Fehler begangen", sagte Trump bei seinem Treffen mit Trudeau. "Unser Land wird das nicht hinnehmen, das kann ich sagen."

Video: Trump über Drohnen-Abschuss - "Ein großer Fehler"

Fast im gleichen Atemzug relativierte er allerdings seine Aussagen, ja, er versuchte sogar, den Vorfall in seiner Bedeutung herunterzuspielen.

Die Drohne sei ja - zum Glück - unbewaffnet und unbemannt gewesen, so Trump. Wenn Iran ein Fluggerät mit einem amerikanischen Piloten oder einer Pilotin an Bord abgeschossen hätte, würde dies einen "großen, großen Unterschied" machen. Außerdem sei es gut möglich, dass ein "unkontrollierter und dummer" Mensch, vielleicht ein General, in Iran den Abschuss befohlen habe, also gleichsam ohne Wissen der Führung in Teheran. Das klang so, als suche Trump nach einer Ausrede, um keinen Angriff gegen iranische Einrichtungen befehlen zu müssen.

Welche Folgen ein US-Angriff in Iran hätte

Auch Trump und seine Berater wissen: Selbst ein begrenzter US-Angriff gegen Iran könnte unkontrollierbare Folgen mit sich bringen. Die ganze Region könnte zum Kriegsgebiet werden. Iran wäre ohne Probleme in der Lage, an mehreren Stellen gleichzeitig gegen US-Einrichtungen zurückzuschlagen: Fast überall gibt es starke Milizen, die Stützpunkte der Amerikaner oder von Verbündeten angreifen könnten, im Irak ebenso wie in Syrien oder im Libanon.

Ein Luft- oder Seekrieg am Persischen Golf würde zudem automatisch den gesamten Ölhandel in der Region lahmlegen, mit unkontrollierbaren Folgen für den Ölpreis, die Weltwirtschaft und auch US-Verbraucher.

Kein Wunder, dass es deshalb auch unter US-Abgeordneten in Washington sehr unterschiedliche Ansichten darüber gibt, wie Trump reagieren sollte. Einige von Trumps Parteifreunden, allen voran der stramm konservative Senator Tom Cotton, fordern bereits seit dem Angriff auf zwei Öl-Tanker in der vergangenen Woche einen Militärschlag: "Es gibt eine Menge Ziele, die angegriffen werden könnten, um Iran von seinem böswilligen Verhalten abzubringen", so Cotton. Denkbar sei zum Beispiel die Bombardierung von Militärbasen, Waffenlagern oder Öl-Raffinerien.

Viele Demokraten - und auch etliche Republikaner - im Kongress sehen einen möglichen Militärschlag hingegen skeptisch oder lehnen ihn sogar ganz ab. Dies sei eine gefährliche Situation, die eine verantwortungsbewusste und kluge Reaktion erfordere. "Wir sollten jetzt alles tun, um zu deeskalieren", so die Anführerin der Demokraten, Nancy Pelosi.

Trumps Parteifreund, Senator Rand Paul, sagte: "Zu den Dingen, die ich an Donald Trump mag, zählt, dass er den Irakkrieg für einen Fehler hielt. Ein Krieg mit Iran wäre ein noch größerer Fehler."

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