Donald Trump und Julian Assange Eine merkwürdige Allianz

Es gab Zeiten, da nannte Donald Trump die Enthüllungen von Julian Assange eine "Schande", für die es die Todesstrafe geben müsse. Mittlerweile wird der WikiLeaks-Macher vom Trump-Lager hofiert. Was versprechen sich beide Seiten davon?
Julian Assange (Archivfoto)

Julian Assange (Archivfoto)

Foto: Kirsty Wigglesworth/ AP

Julian Assange hat sich schick gemacht. Blaue Krawatte, dunkler Anzug. Vor ihm sitzt Sean Hannity, einer der führenden Scharfmacher in den USA. Nein, nein, sagt Assange. Von wegen Russland. "Unsere Quelle ist kein staatlicher Akteur", beteuert er. Mehr könne er aber leider nicht preisgeben: "Wir stehen im Ruf, unsere Quellen zu schützen."

Assange ist gerade sehr gefragt. Lange galt der 45-Jährige in den USA als Staatsfeind und Verräter. Aber seit er über seine Enthüllungsplattform WikiLeaks Tausende E-Mails von Hillary Clintons Chefstrategen John Podesta veröffentlichte und damit den Wahlkampf der Demokratin massiv störte, wird er von der politischen Rechten wie ein Held hofiert. Hannity reiste eigens nach London, um ihn eine Stunde lang zu interviewen.

Er glaube ihm "jedes Wort", schmeichelte der "Fox"-Mann seinem Gesprächspartner vor einem Millionenpublikum.

Die konservative Schwärmerei für Assange geht weit über Hannity hinaus. Sarah Palin, die schrille Ex-Gouverneurin von Alaska, lobt ihn dafür, Amerikanern mit den Clinton-Enthüllungen "die Augen geöffnet" zu haben. Rudy Giuliani, New Yorks ehemaliger Bürgermeister, hält WikiLeaks für "erfrischend". Und selbst Donald Trump verbündete sich am Mittwoch mit Assange. "Julian Assange hat gesagt, ein 14-Jähriger hätte Podesta hacken können", twitterte der Republikaner.

Die Botschaft: Glaubt nicht den Geheimdiensten und ihrer These, der Angriff auf Clinton wurde von Cyberkriegern aus dem Kreml gesteuert. Glaubt Assange.

Trump 2010: Assanges Agieren eine "Schande"

Die Allianz, die sich im Wahlkampf bereits angedeutet hatte, ist erstaunlich. Vielen Amerikanern ist noch allzu gut in Erinnerung, wie Assange die USA 2010 international blamierte, indem er vertrauliche Botschaftsdepeschen und Militärgeheimnisse veröffentlichte und sich als Kämpfer gegen amerikanische Kriegsverbrechen inszenierte. Noch erstaunlicher ist die Allianz, wenn man sich die Meinungen in Erinnerung ruft, die Trump und Co. damals von Assange hatten. Eine "Schande" sei dessen Agieren, so Trump 2010: "Ich finde, es sollte dafür so etwas wie die Todesstrafe geben." Assange führe "Krieg" gegen die USA und gehöre ins Gefängnis, meinte Hannity. Und heute? Vergessen, vergeben. Die Wahlkampf-Enthüllungen haben Assange zu einem Freund werden lassen.

Das gilt längst nicht für alle in der Partei. Unter traditionellen Republikanern sorgt besonders die Kehrtwende Trumps für Empörung. "Ich vertraue unseren Geheimdienstbeamten wesentlich mehr als Menschen wie Julian Assange", sagt etwa Tom Cotton, Senator aus Arkansas, in Richtung des künftigen Präsidenten.

Tatsächlich dürften sich beide etwas von ihrer Allianz versprechen - Trump und Assange. Der nächste Präsident steht in einem offenen Konflikt mit seinen Geheimdiensten. Deren These, die russische Regierung habe ihm zum Wahlsieg verholfen, ist für Trump unangenehm, droht sie doch einen Schatten auf seine Amtszeit zu werfen. Jeder, der dabei hilft, Zweifel an der Spur nach Moskau zu streuen und den Eindruck zu verstärken, das Hacking-Rätsel könne ohnehin nie wirklich gelöst werden, ist dem 70-Jährigen herzlich willkommen. Dass er die Dienste öffentlich demütigt, indem er Assange zu einer Autorität in der Debatte erhebt, nimmt der Milliardär dabei gerne in Kauf. Von der CIA und ihren Partnerbehörden hält Trump ohnehin nicht viel.

Was sein eigenes Image angeht, könnte Assange ebenfalls hilfreich sein. Indem Trump sich mit einem Aktivisten solidarisiert, der von vielen immer noch im linken Lager verortet wird, untermauert er seine vermeintliche Unabhängigkeit.

Für Assange ist Trump ein Schutzschild

Assange wiederum kann die neue Umarmungsstrategie aus dem Trump-Lager dringend gebrauchen - zuletzt war es immer einsamer geworden um den 45-Jährigen. Seit mehr als vier Jahren sitzt der Australier nun in einer Wohnung in London fest, die als Botschaft Ecuadors dient - zuletzt kappten ihm seine Gastgeber zwischenzeitlich gar die Internetverbindung. Und die Amtszeit seines Schutzpatrons, Ecuadors linkem Präsidenten Rafael Correa, läuft im Frühjahr aus. Was wird dann aus Assange?

Der Australier war vor einem europäischen Haftbefehl aus Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen in die Botschaft geflüchtet. Er bestreitet die Vorwürfe, befürchtet aber, dass er von der britischen Polizei verhaftet und über Schweden an die USA ausgeliefert werden könnte.

Dort wird gegen WikiLeaks seit den Veröffentlichungen zu den Kriegen in Afghanistan und Irak sowie den Depeschen ermittelt. WikiLeaks' Irak-Whistleblowerin Chelsea Manning wurde zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt, ihre Strafe sitzt sie teilweise in Einzelhaft ab. Assange müsste Ähnliches fürchten. Wenn ihn also der künftige US-Präsident adelt und ihn andere Konservative nicht länger als Verräter bezeichnen, schadet das zumindest nicht.

Die WikiLeaks-Krise

Außerdem haben die Veröffentlichungen der Demokraten-E-Mails seinem kriselnden Portal endlich wieder substanzielle Schlagzeilen verschafft. In den vergangenen Jahren hatte es heftige Kritik an der Leistung von WikiLeaks gegeben. Assange waren die Helfer ausgegangen, die mit Material umgehen können, das in anderen Sprachen als Englisch verfasst ist. Auch deshalb arbeitete WikiLeaks wiederholt unsauber - und gefährdete dabei womöglich Quellen und Unbeteiligte.

Die Publicity des Fox News-Gesprächs nutzte Assange nun auch für ein neues Manöver: Er forderte die IT-Administration der US-Regierung dazu auf, Kopien von Dateien anzufertigen, bevor diese von der ausziehenden Obama-Regierung womöglich gelöscht werden könnten. Assange erlaubt das, sich weiter als Kämpfer gegen amerikanische Geheimniskrämerei zu inszenieren. Zugleich weiß er, dass diese Forderung den künftigen Präsidenten der USA wohl kaum verärgern dürfte.

Zusammengefasst: Julian Assange sonnt sich derzeit in der Anerkennung, die er durch den designierten US-Präsidenten Donald Trump und dessen Anhänger erfährt. Beide Seite wollen den Eindruck zerstreuen, die WikiLeaks-Enthüllungen über Hillary Clintons Wahlkampf-Team seien von Russland gesteuert worden. Assange könnte zudem die Protektion Trumps nützen, da ihm noch immer eine Auslieferung an die USA droht.

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