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09. Juni 2018, 22:26 Uhr

Trump und Kim in Singapur

Die Vertrauensfrage

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Damit sich US-Präsident Trump und Koreas Staatschef Kim in Singapur auf einen Deal zur Denuklearisierung einigen können, sind sie auf gegenseitiges Vertrauen angewiesen. Beide aber haben zuletzt Vereinbarungen gebrochen.

Innerhalb eines halben Jahres hat der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un einen Imagewechsel vollzogen, der ziemlich einmalig sein dürfte. Vom "Irren mit der Bombe", einer Witzfigur mit nuklearem Drohpotenzial, wurde er zum ernstzunehmenden Politiker, der sich plötzlich weniger um seinen eigenen Machterhalt als um die wirtschaftliche Prosperität seines Landes zu scheren scheint. Der isolierte Diktator einer Regionalmacht gilt heute als Machthaber, der geschickt zwischen den Großmächten China und USA taktiert.

US-Präsident Donald Trump wird für ein Treffen mit ihm in den südostasiatischen Stadtstaat Singapur reisen. Aber kann und sollte man Kim das neue Image abnehmen? Ist aus dem undurchsichtigen Diktator ein berechenbarerer Verhandlungspartner geworden? Haben ihn früher die Beobachter im Westen unterschätzt - oder wird er nun überschätzt?

Die Antwort könnte einfach sein: "Die ganze Welt wird von Kim zum Narren gehalten", sagt ein ehemaliger Nordkorea-Experte des südkoreanischen Militärs, Shim Jin Sup, der "New York Times". Skepsis sei angebracht, sagt auch Ra Jong Yil, Ex-Geheimdienstmitarbeiter aus Südkorea. "Wir tendieren dazu, in Nordkorea zu sehen, was wir sehen wollen."

Es ist nicht das erste Mal, dass die Weltgemeinschaft versucht, die Kim-Diktatur von ihrem Atommachtstreben abzubringen - und es wäre auch nicht das erste Mal, dass das Regime Zugeständnisse machte, die es dann wenig später ignoriert. Die internationalen Bemühungen, Nordkorea von seinen nuklearen Ambitionen abzubringen, reichen mehr als zwei Jahrzehnte zurück.

Zwischenzeitliche Entspannung brachte unter anderem das Genfer Rahmenabkommen von 1994. Darin erklärte sich Pjöngjang bereit, sein Atomprogramm einzufrieren und die Internationale Atomenergie-Organisation wieder ins Land zu lassen. Im Gegenzug wurden Öllieferungen und der Bau zweier Leichtwasserreaktoren für die Stromproduktion bis 2010 zugesagt.

Die Vereinbarung scheiterte nach der Jahrtausendwende, als klar wurde, dass Nordkorea ein geheimes Programm zur Urananreicherung betrieb. Die Energiehilfen und der Bau der Leichtwasserreaktoren wurden 2002 eingestellt. Nordkorea trat kurz darauf aus dem Atomwaffensperrvertrag aus.

Im August 2003 folgte ein neuer Versuch: In Peking begannen die sogenannten Sechs-Parteien-Gespräche, an denen neben Nord- und Südkorea auch China, Japan, Russland und die USA teilnahmen. In der fünften von insgesamt sechs Verhandlungsrunden einigte man sich 2007 auf diese Grundidee: ein Stopp des Nuklearprogramms im Tausch gegen humanitäre Hilfe und Treibstofflieferungen sowie eine Normalisierung der Beziehungen Nordkoreas zu Japan und den USA. Zwei Jahre später ließ Pjöngjang auch diesen Deal platzen.

Zuletzt sagte die Kim-Regierung im Februar 2012 zu, die Nuklear- und Raketentests sowie die Uran-Anreicherung im Tausch für humanitäre Hilfen auszusetzen. Doch auch diese Vereinbarung verletzte das Regime nur kurze Zeit später.

US-Regierung ist sich der Unberechenbarkeit bewusst

Kim Jong Un war damals noch nicht an der Macht. Er demonstrierte aber erst vor wenigen Wochen, wie schnell er Zugeständnisse zu übergehen bereit ist: Beim ersten Treffen zwischen dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In und Kim im April sagte der Nordkoreaner zu, die anstehenden Militärmanöver zwischen den USA und Südkorea tolerieren zu wollen - in der Vergangenheit waren diese vom Regime als Provokation aufgefasst worden und hatten nicht selten zu Gegenreaktionen geführt.

Doch genau diese Manöver wertete die nordkoreanische Führung dann doch wieder als feindlichen Akt und sagte kurzfristig ein mit südkoreanischen Politikern angesetztes Treffen ab. Es folgten zudem verbale Angriffe in Richtung USA, die wiederum Trump veranlassten, den gemeinsamen Gipfel mit Kim zwischenzeitlich abzusagen. Moon musste vermitteln, um die beiden doch noch an einen Tisch zu bekommen.

Natürlich ist sich die US-Regierung der Unberechenbarkeit des Diktators bewusst - deshalb besteht sie auf eine komplette und nachvollziehbare nukleare Abrüstung. Darauf wird sich Kim aber nur schwer ohne Bedingungen einlassen. Er fordert im Gegenzug den Rückzug der US-Truppen in Südkorea und eine Sicherheitsgarantie. Es müssten also Kompromisse geschlossen werden.

Aber warum sollte Kim dabei dem US-Präsidenten trauen?

Trump hat in seiner erst anderthalbjährigen Amtszeit schon mehrere internationale Vereinbarungen zunichtegemacht, den Pariser Klimavertrag etwa. Zuletzt stieg er aus dem Atomabkommen mit Iran aus. Ein verheerendes Zeichen an Nordkorea, warnten Kritiker. Schließlich war die Abmachung als Blaupause für ein Abkommen mit Kim angesehen worden: Denuklearisierung gegen Lockerung der Wirtschaftssanktionen.

Noch dazu wird Trump wohl seinen umstrittenen Sicherheitsberater John Bolton mit nach Singapur bringen, der vor seiner Amtsübernahme immer wieder öffentlich für einen Erstschlag der USA gegen Nordkorea geworben hatte. Als Trumps Berater provozierte er die nordkoreanische Führung zuletzt mit der Ankündigung, die Angelegenheit Nordkorea nach dem "Libyen-Modell" abwickeln zu wollen. Er verwies auf die Verhandlungen der internationalen Staatengemeinschaft, die 2003 dazu führten, dass Diktator Muammar al-Gaddafi sein Atomprogramm aufgab.

Trump drohte Kim erst vor wenigen Wochen ebenfalls mit dem "Libyen-Modell" - allerdings bezog er sich auf den Kampfeinsatz der Anti-Gaddafi-Allianz von 2011, der den Sturz des libyschen Machthabers beschleunigte und zu dessen Ermordung führte.

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