Trump-Kim-Gipfel geplatzt Seoul ist nicht sauer, Seoul ist enttäuscht

Gebannt verfolgten die Menschen in Südkorea den Trump-Kim-Gipfel - mal voller Hoffnung, mal voller Skepsis. Dann der Schock des abrupten Endes. Chronik eines außergewöhnlichen Tages.
Sicherheitspersonal in Hanoi

Sicherheitspersonal in Hanoi

Foto: NHAC NGUYEN/ AFP

"Guten Abend, liebe Nordkoreaner. Wir sind das nordkoreanische Reformradio. Lasst uns gemeinsam ein neues Land voller Hoffnung schaffen."

In der heutigen Nacht, gegen 23:30 Uhr koreanischer Zeit, werden einige Nordkoreaner an ihren Radios sitzen und die Nachrichten hören. Nicht den Staatsfunk. Sondern eine Sendung, die im Nachbarland, in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, produziert wurde. Sie wird ihnen das abrupte Ende des Gipfels zwischen ihrem Machthaber Kim Jong Un und dem US-Präsidenten Donald Trump verkünden.

Die Nordkoreaner werden viel riskieren, denn ausländischen Rundfunk zu hören ist streng verboten, und das Regime hat die Repressionen in den vergangenen Jahren verschärft. Aber dennoch lauschen geschätzt eine Million Menschen abends ab 23.30 Uhr und morgens ab 5.30 Uhr für eine Stunde der Sendung des kleinen nordkoreanischen Reformradios. Nur um diese Zeit gilt es als einigermaßen sicher. Einige basteln sich ihre Empfangsgeräte selbst.

Im Video: "Grund waren die Sanktionen"

Der Direktor der kleinen Radiostation, Kim Seung Chul, 58 Jahre alt, ist selbst aus Nordkorea geflohen und 1994 nach Seoul gekommen. Seine Angehörigen musste er zurücklassen. Kim sagt, er möchte die Menschen im Norden informieren und aufklären, damit sie den Mut haben, selbst Entscheidungen zu treffen.

Kim Seung Chul, Direktor des nordkoreanischen Reformradios

Kim Seung Chul, Direktor des nordkoreanischen Reformradios

Foto: Katharina Peters

Was ist die Bedeutung des Gipfels? Welche Motive haben Kim Jong Un und Trump? Als er sich am Vortag auf seine Sendung vorbereitet, ist Moderator Kim wenig optimistisch: "Ich habe keine großen Erwartungen. Kim Jong Un will nicht wirklich atomar abrüsten."

Aber er will seinen Hörern Antworten und Hintergründe geben zu den wichtigsten Fragen rund um den Gipfel. Für Donnerstagnachmittag hat er zwei Gäste ins Studio eingeladen. Die Sendung wird aufgezeichnet und am Abend ausgestrahlt.

Kim Seung Chul: "Wenn Kim Jong Un ohne Ergebnisse nach Hause kommt, wird er dann als Führer des Landes geschwächt sein?"

Studiogast: "Viele junge Menschen könnten die Hoffnung verlieren."

Kim Seung Chul: "Die Menschen auf den Märkten hoffen, dass die Sanktionen gelockert werden. Sie hoffen auf gute Nachrichten vom Gipfel."

In Nordkorea gibt es immer mehr Märkte, die anfangs zwar illegal waren, vom Regime inzwischen aber geduldet werden. Menschenrechtler fordern, dass den Händlern mehr Rechte eingeräumt werden. Ohnehin sei die Lage der Menschenrechte in Nordkorea "weiter extrem ernst", sagte der Uno-Sonderberichterstatter für Nordkorea, Tomás Ojea Quintana, Wochen vor dem Gipfel in Hanoi. Viel zu wenig sei in letzter Zeit darüber gesprochen worden, wie schlecht es besonders der Landbevölkerung geht.

Das findet auch Ahn Myeong Chol, 51, der 1994 durch einen Fluss schwamm, um aus Nordkorea zu fliehen. Er selbst war Wächter in einem Gefangenenlager und hat vor den Vereinten Nationen von den Grausamkeiten berichtet, die er dort erlebt hat. Ihn, wie viele andere nordkoreanische Flüchtlinge, macht es fassungslos, dass nun so wenig über die Menschenrechtsverletzungen gesprochen werde. "Ich bin sehr enttäuscht von Trump", sagte er vor dem Treffen. "Wenn man über atomare Abrüstung spricht, sollte man auch über Menschenrechte reden."

Ahn Myeong Chol, Menschenrechtler

Ahn Myeong Chol, Menschenrechtler

Foto: SPIEGEL ONLINE

Nicht um Menschenrechte, aber offenbar über die von Nordkorea geforderte Lockerung der Sanktionen wird am Donnerstag in Hanoi gestritten. Noch während Radiomoderator Kim am Nachmittag mit seinen Gästen spricht, kommen die ersten Meldungen, dass das Gipfeltreffen verkürzt wird. Über einen Monitor flimmern derweil noch Bilder von leeren Straßen und vietnamesischen Sicherheitskräften.

Ein Studiogast sagt: "Kim Jong Uns Problem ist, dass er ohne genaue Vorstellung von Denuklearisierung zum Gipfel gereist ist."

Der Bildschirm zeigt jetzt eine Kolonne schwarzer Autos mit Blaulicht.

Der andere Studiogast sagt: "Kennen Sie den Präsidenten von Tansania? Nein? Keiner kennt ihn. Aber jeder kennt Kim Jong Un wegen seiner Nuklearwaffen."

Wie gefährlich das Kim-Regime sein kann, wissen die Menschen in Seoul. Schließlich leben sie ständig in latenter Bedrohung durch den Norden. Dennoch machte eine Umfrage des Instituts Realmeter Mitte Februar eine optimistische Stimmung in Südkorea aus: Fast zwei Drittel der Befragten erwarteten wichtige Ergebnisse von dem Treffen in Hanoi. Rund 63 Prozent glaubten, es könne Fortschritte bewirken.  Ohne die Unterstützung der USA kann der Friedensprozess nicht vorankommen.

Wer vor dem Showdown von Hanoi mit den Menschen auf den Straßen von Seoul sprach, spürte besonders unter älteren Menschen, wie stark sie die momentane Annäherung der beiden Koreas berührte. "Ich möchte, dass dieser Konflikt endlich ein Ende hat", sagte die 56-jährige Hausfrau Choi Un Jeong. "Wir sollten als Menschen eines Volkes endlich wieder miteinander sprechen, sollten uns besuchen können."

Jüngere Menschen waren oft weniger positiv gestimmt. Für viele von ihnen ist die Wirtschaft das wichtigste Thema, sie sorgen sich um ihre Zukunft, seit die Arbeitslosenrate steigt. In der Zusammenarbeit mit Nordkorea sehen sie wenig Vorteile, selbst wenn der südkoreanische Präsident Moon Jae In betont, Frieden könne das wirtschaftliche Wachstum begünstigen. Für Freitag hatte Moon eine große Rede angekündigt, wie er den Friedensprozess weiter gestalten will.

Doch gerade junge Männer, die ihren fast zweijährigen Militärdienst oft an der stark gesicherten Grenze zu Nordkorea absolvieren, sind skeptisch gegenüber einer Öffnung. "Ich war beim Militär", sagte Son Jean Ho, 25 Jahre alt. "Ich kann nicht glauben, dass Kim Jong Un es ernst meint."

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Trump trifft Kim: Das Gipfel-Fiasko

Foto: SAUL LOEB/ AFP

Auch die 19-jährige Studentin Ko Myung Jee vertraute nicht auf die ehrlichen Absichten beider Gipfelteilnehmer: "Kim Jong Un wird seine Atomwaffen nicht aufgeben. Trump weiß das, trifft sich aber trotzdem mit ihm, damit seine Umfragewerte besser werden. Dieser Gipfel ist bedeutungslos."

Wie recht sie haben würde, zeigt sich kurz nachdem Radiomoderator Kim am Donnerstag seine Sendung beendet hat. Agenturen melden, dass das Spitzentreffen in Hanoi ohne Ergebnis endet. Die Kolonne schwarzer Autos bringt Trump zu der Pressekonferenz, auf der er das Scheitern des Gipfels erklärt.

Als er davon hört, lacht Journalist Kim kurz auf. "Kim Jong Un wird es jetzt schwer haben. Seine Führung könnte geschwächt werden."

Die staatlichen Medien Nordkoreas werden das wohl anders darstellen.

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