Nordkoreas 6000-Kilometer-Rakete Trump gehen die Optionen aus

Nordkorea steht offenbar kurz davor, mit Atomwaffen die USA angreifen zu können. US-Präsident Trumps Drohungen haben nichts bewirkt. Allein werden die Amerikaner das Problem nicht lösen können.
Von Nordkorea veröffentlichtes Bild, das den Raketenstart am 4. Juli 2017 zeigen soll

Von Nordkorea veröffentlichtes Bild, das den Raketenstart am 4. Juli 2017 zeigen soll

Foto: REUTERS/ KCNA

"Das wird nicht passieren!", twitterte Donald Trump Anfang Januar. Jetzt aber ist es womöglich passiert: Ausgerechnet am Unabhängigkeitstag der USA hat Nordkorea eine Rakete getestet, die das nordamerikanische Festland erreichen könnte. Und bald dürfte das Regime in Pjöngjang auch über Atomsprengköpfe verfügen, die klein und leicht genug sind, um mit einer Rakete die US-Westküste angreifen zu können.

Bei dem Test kam nach bisherigen Erkenntnissen eine Rakete des Typs Hwasong-14, die auch als KN-14 bekannt ist, zum Einsatz. Nach übereinstimmenden Angaben aus den USA, Nord- und Südkorea war die Rakete 37 Minuten unterwegs, flog 2800 Kilometer hoch und 950 Kilometer weit. Umgerechnet auf eine normale, deutlich flachere Flugbahn, ergibt sich nach Berechnungen von Experten wie dem US-Physiker David Wright  eine Reichweite von rund 6700 Kilometern.

Ein möglicher Grund für die extrem steile Flugbahn: Nordkorea wollte verhindern, dass die Rakete Japan überquert. Das Regime selbst hatte in der Vergangenheit auch behauptet, mit dieser Methode den Wiedereintrittskörper testen zu wollen, indem man ihn mit einer möglichst großen Geschwindigkeit in die Erdatmosphäre eintreten lasse. Der Wiedereintrittskörper schützt den Sprengkopf vor den enormen Kräften und der Hitze, die dabei auftreten.

Dramatische Beschleunigung des Testprogramms

Zwar ist die genaue Leistungsfähigkeit der Rakete noch unbekannt. Doch allein dank der Reichweite des Geschosses, die deutlich über der 5500-Kilometer-Marke liegt, "sind die Nordkoreaner jetzt Mitglied im Klub der Staaten mit Interkontinentalraketen", sagt der Münchner Raketenfachmann Markus Schiller. Er und andere Experten  hatten damit bisher erst im Jahr 2020 gerechnet. "Entweder die Nordkoreaner können zaubern", so Schiller, "oder sie hatten Hilfe." Woher sie gekommen sein könnte, sei unklar. Allerdings spekulieren Fachleute schon seit Langem über Unterstützung aus Russland oder China.

Selbst wenn die nun getestete Rakete weniger leistungsfähig ist, als es den Anschein hat: Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis Nordkorea eine Interkontinentalrakete und einen Nuklearsprengkopf besitzt, der ausreichend klein und leicht ist, um mit ihr transportiert werden zu können. Dafür spricht allein die Tatsache, dass Kim Jong Un die Entwicklung dramatisch beschleunigt hat. In seinen bisher sechs Regierungsjahren hat er mehr Raketen testen lassen als sein Vater und Großvater zusammen, die in den 27 Jahren vor ihm geherrscht haben.

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Trumps Problem: Er hat sich gegenüber Nordkorea in eine Position geredet und getwittert, aus der er ohne Gesichtsverlust nur noch schwierig herauskommt - denn er hat keine angenehmen Optionen mehr:

  • Verhandlungen mit Pjöngjang: Eine diplomatische Offensive Washingtons erscheint derzeit schwierig. Zuletzt hat der Tod des in Nordkorea inhaftierten US-Studenten Otto Warmbier das Verhältnis zu den USA schwer belastet.
  • Wirtschaftssanktionen: Beobachter sind davon überzeugt, dass das nordkoreanische Regime sein Atomwaffenprogramm als eine Art Lebensversicherung gegen einen Angriff der USA ansieht. Dass Diktator Kim Jong Un sie wegen Wirtschaftssanktionen aufgeben wird, erscheint fraglich - zumal er sogar Hungersnöte in Kauf nimmt, um die Waffenentwicklung zu finanzieren. Zudem müssten bei Wirtschaftssanktionen auch andere mitspielen, insbesondere Nordkoreas Nachbarländer Russland und China. Doch diese zeigen bisher wenig Tendenzen in eine solche Richtung.
  • Andere übernehmen: Trumps Tweets nach dem Raketentest zeigen seine ganze Hilflosigkeit. Erst schrieb er, dass Südkorea und Japan sich das Treiben Pjöngjangs sicher nicht länger bieten ließen, dann forderte er eine harte Antwort Chinas. Die aber blieb aus - möglicherweise auch, weil jüngst der Streit zwischen den USA und China um künstliche Inseln im Südchinesischen Meer eskaliert ist. Zwar haben Russland und China am Dienstag gemeinsam ein Aussetzen von Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm gefordert - allerdings nicht ohne zugleich auch einen Verzicht der USA und Südkoreas auf gemeinsame Militärmanöver zu verlangen.
  • Nordkorea entwaffnen: Sollte China das Nordkorea-Problem nicht lösen, "werden wir es tun", tönte Trump im April. Doch eine militärische Intervention der USA wäre der gefährlichste Weg. Zum einen wäre keinesfalls garantiert, dass Nordkoreas Atomprogramm mit einer begrenzten Aktion komplett ausgeschaltet werden kann. Zudem könnte Pjöngjang dies als Auftakt einer Invasion interpretieren und mit allem zurückschlagen, was es hat - und dazu zählen inzwischen auch Atomwaffen. Die Folge könnte ein Krieg mit Millionen Toten allein auf der koreanischen Halbinsel sein - auf der übrigens auch rund 150.000 US-Bürger leben.

Immerhin: Sollte sich bestätigen, dass Nordkorea mit dem jüngsten Test die Schwelle zur Interkontinentalrakete überschritten hat, könnten die Staats- und Regierungschefs schon auf dem G20-Gipfel in Hamburg "gezwungen sein, eine gemeinsame Linie zu finden", sagte Cheng Xiaohe von der Renmin University in Peking der "New York Times". "Der Test wird alles verändern", so Cheng. "Die Business-as-usual-Situation ist vorbei."

Im Video: Nordkoreas jüngster Raketentest


Zusammengefasst: Mit dem jüngsten Test scheint Nordkorea die Schwelle zur Interkontinentalrakete überschritten zu haben - viel schneller, als westliche Experten es erwartet hatten. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis das Regime in Pjöngjang das Festland der USA mit Atomwaffen bedrohen kann. Die Frage ist, wie US-Präsident Trump nun reagiert. Keine seiner Optionen ist angenehm.

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