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12. September 2016, 06:56 Uhr

Neues Hotel in Washington, DC

Trumps Märchenschloss

Von Christian Schweppe

Mitten in Washington, wo er bald als US-Präsident regieren will, eröffnet Donald Trump am Montag sein neues Luxushotel. Es ist das teuerste Haus am Platz. Doch die Finanzierung ist undurchsichtig. Operierte der Milliardär mit geschönten Zahlen?

Die Pennsylvania Avenue in Washington, D.C. ist Amerikas Hauptstraße. Ihre monumentale Grandezza verbindet das Weiße Haus mit dem US-Kongress. Sie ist, keine Untertreibung, die Nabelschnur amerikanischer Identität. Am Montagabend zieht hier ein neuer Mieter ein - Donald Trump.

Der grelle Milliardär und mögliche 45. Präsident der Vereinigten Staaten hat eines der Wahrzeichen der Stadt zu einem Luxushotel umbauen lassen, das jetzt eröffnet: Das "Trump International Hotel", früher das Hauptpostgebäude Washingtons, 114 Jahre alt.

Eine Übernachtung für 800 Dollar - aufwärts

Vergangene Woche ließ Trump seinen Namen über den Eingang seines neuen Schmuckstücks gravieren. Es ist ein Schloss aus Gold und Marmor, mit 263 Zimmern und einem Ballsaal, und weil es Trumps Ballsaal ist, ist es natürlich der größte der Stadt. Eine Übernachtung wird mindestens 800 Dollar kosten.

Wer sich in der Wahlnacht im Townhouse einquartieren möchte, muss mehr als 33.000 Dollar für dieses Privileg hinblättern. Und wer die Amtseinführung des neuen Präsidenten aus einer Präsidentensuite verfolgen will, dürfte wohl eine halbe Million Dollar dafür zahlen müssen.

Was Trumps Hotel wirklich einzigartig macht, ist die Lage, nur ein paar Gehminuten vom Weißen Haus entfernt. Egal also, wie die Amerikaner am 8. November entscheiden: Donald Trump wird da sein, im Herzen der Hauptstadt, im Zentrum der Macht.

Doch wie so viele trumpsche Projekte hat auch dieses etwas Halbseidenes. Abgesehen von der befremdlichen Vorstellung, dass ein möglicher US-Präsident Trump künftig Pächter einer Nobelherberge in Regierungsbesitz wäre, nur einen Steinwurf von seinem Amtssitz entfernt, scheint niemand genau zu wissen, wie der millionenschwere Hotel-Deal eingefädelt und wie er genau finanziert wurde.

In Washington jedenfalls geht bereits die Angst um, die Angst vor der ganz großen Pleite.

Es gab Pläne für ein jüdisches Museum. Dann kam Trump

Zu denen, die den Deal mit Sorge beobachten, gehört Ori Soltes. Er ist Professor für Theologie und Kunstgeschichte an der Georgetown University. Ausgerechnet die Kunst hatte den Gelehrten mit Donald Trump zusammengebracht.

Jahrelang hatte das alte Postgebäude teilweise leer gestanden. In Washington tagten die zuständigen Gremien und berieten, was mit dem einstigen Prachtbau, der jährliche Verluste von offenbar bis zu 6,5 Millionen Dollar machte, geschehen solle. 2008 hatte der Kongress genug und verabschiedete ein Gesetz, das eine Pacht des Regierungsgrundstückes an Privatparteien erlauben sollt.

Interesse hatten vornehmlich Hoteliers: Hilton, Hyatt, Waldorf-Astoria. Und Professor Ori Soltes. Er hatte gemeinsam mit einer Investorengruppe einen Plan für ein jüdisches Museum eingereicht. "Wir brauchen ein Museum, das das Judentum nicht auf den Holocaust beschränkt. Ein Ort, der beschreibt: Was ist jüdische Kultur? Was ist jüdisch?", sagt er. Das Museum sollte der öffentliche Teil des neuen Postgebäudes sein, den Rest wollte Hyatt als Hotel nutzen. Soltes Geschäftspartner erzählten, wie begeistert die Jury gewesen sei.

Doch es sollte anders kommen. Im Februar 2012, nach langen Verhandlungen, hieß der Sieger des Bieterwettstreits: Donald Trump.

Woher nimmt Trump das Geld?

Wie es genau zu dieser Entscheidung kam, ist unklar, nicht zuletzt, weil das Vertragswerk unter Verschluss liegt. Veröffentlicht wird in Salamitaktik und nur, wenn es nicht mehr zu verhindern ist, etwa aufgrund von Gerichtsentscheidungen. Dann können Interessierte Papierstapel einsehen, die seitenweise geschwärzt sind. "Die mangelnde Transparenz, die dieses Geschäft umgibt, ist äußerst beunruhigend", sagt der Rechtsprofessor Steven L. Schooner aus Washington.

Donald Trump sagt: Wir waren die Besten, wir haben gewonnen. Ori Soltes sagt: "Plötzlich kam Trump und hatte einen Scheck von 200 Millionen dabei."

Doch war Trump wirklich die beste Wahl?

Papiere, die unter dem Freedom of Information Act veröffentlicht wurden, werfen die Frage auf: Hat Trump mit geschönten Zahlen und falschen Versprechen gearbeitet?

Das Investitionsvolumen ist jedenfalls stattlich: 200 Millionen Dollar wollte Trump in die Restauration stecken, der Vertrag sieht eine Pacht von 60 Jahren vor. Woher nimmt er das Geld?

Hilfe von der Deutschen Bank

Ausgerechnet die Deutsche Bank sagte Donald Trump einen Kredit von 170 Millionen Dollar zu. So geht es aus der schriftlichen Vereinbarung hervor. Das Geldinstitut hat sich einen Ruf als Trumps Hausbank erworben, dabei hatten sich beide schon einmal vor Gericht bekämpft. Kommentieren will die Deutsche Bank die Beziehung nicht.

42 Millionen Dollar, so offizielle Ankündigungen der Projekt-Initiatoren, sollten zusätzlich zu dem Kredit aus Trumps eigenen Mitteln fließen. Einen Beleg, dass die Summe tatsächlich kam, gibt es seither nicht. Auch bleibt unklar, welches Risiko Trump persönlich trägt.

Papiere aus frühen Verhandlungstagen werfen weitere Fragen auf: Demnach scheint Donald Trump anfangs, 2013, mit nur 2,4 Millionen Dollar selbst an dem Projekt beteiligt sein. Zwei Millionen, bei einem Zweihundert-Millionen-Dollar-Projekt? Möglich ist, dass Trump eigene Mittel investierte, nachdem die ersten Dokumente aufgesetzt worden waren.

Auch Trumps Kinder sind laut einer internen Aufstellung, die zuerst im Magazin buzzfeed veröffentlicht wurde, offenbar über ein komplexes Geflecht aus Firmengründungen an dem Geschäft ihres Vaters beteiligt: Da gibt es die Ivanka OPO LLC, die Don OPO LLC und die Eric OPO LCC, benannt nach Trumps drei ältesten Kindern. Donald J. Trump selbst ist Namensgeber der DJT Holdings LLC. Sie trägt relativ gesehen den größten Anteil an dem Hotelprojekt, knapp 77 Prozent. Laut dem Dokument halten Trumps Kinder zusammen mehr als 22 Prozent - investierten selbst allerdings nichts. Ob sie es mittlerweile getan haben, lässt die Trump-Organisation unbeantwortet. Auch zu den anderen offenen Fragen der Finanzierung des Hotels schweigt sie.

Das alles ist merkwürdig, vielleicht anrüchig, aber nicht verboten. Brisant allemal, schließlich geht es um ein Pachtgeschäft, das die US-Regierung für länger als ein halbes Jahrhundert unterzeichnet hat. Ein Geschäft mit einem Mann, der eine bewegte Vergangenheit hat - und seinem Geschäftspartner bald als Präsident vorstehen könnte. Jeder Winkel, jede Zahl dieses Projektes ist politisch.

Und es ist längst Thema im Wahlkampf. Trumps Gegner betonen immer wieder: Firmen des Trump-Imperiums haben rund 315 Millionen Dollar Schulden, meist bei Banken. So geht es auch aus den wenigen Finanzunterlagen hervor, die Trump bis Mitte des Jahres veröffentlicht hat.

Trumps Kasino "Taj Mahal" - nach einem Jahr war Schluss

Schon einmal implodierte dieses Imperium aus geliehenem Geld, in Atlantic City: In den Neunzigern zauberte sich der Unternehmer Trump dort den Ruf eines brillanten Kasino-Impresarios herbei, sein "Taj Mahal" getaufter Zockertempel war der damals größte seiner Art, oder, wie Trump es nannte: das achte Weltwunder. Es musste nach nur einem Jahr wieder schließen.

Auf diesem schmalen Grat zwischen Glamour und Gau operiert der Geschäftsmann Donald Trump seither. Viermal schon stand er offiziell vor dem Insolvenzgericht. Es gab Tage, da hätte das Taj eine Million Dollar einnehmen müssen, um die laufenden Schulden zu tilgen. Trump hatte damals von Junkbonds profitiert, Ramsch-Anleihen.

Persönlich in die Pleite ging Trump nie, dafür kennt er die Feinheiten und Eigenarten des US-Finanzsystems zu gut. Er musste Kasinoanteile verkaufen, seine Jacht und eine ganze Fluglinie. Aber niemals kam es zum privaten Bankrott des Donald Trump. Es ist - so bitter das klingen mag - vielleicht sein größter Erfolg.

Die "andere" Gewinnprognose - die "realistische"

Das Hotelprojekt in Washington wird längst von juristischen Querelen begleitet: Zwei Starköche waren ausgestiegen, als Trump im Wahlkampf Mexikaner als "Vergewaltiger" bezeichnet hatte. Nicht nur für die südamerikanischen Arbeiter auf Trumps Baustelle eine Beleidigung, auch für die Köche, die spanische Wurzeln haben. Nach ihrem Abgang verklagte Trump sie wegen Vertragsbruch, Gegenklagen und Vorladungen vor Gericht folgten, zahllose Anwälte sind nun gut beschäftigt. Die Protokolle der Zeugenaussagen sind geheim, auch die von Trump selbst. Einige Papiere sind nun allerdings aufgetaucht, die SPIEGEL ONLINE einsehen konnte.

Während der Befragung von Trumps Finanzberater Raymond Flores kam die Sprache auf Gewinnprognosen und erwartete Geschäftsverläufe. Das Gericht fragte: "Und dann haben Sie noch eine andere Aufstellung Ihrer Erwartungen für den internen Gebrauch. Ist das richtig?". Und Trumps Analyst antwortete: "Das ist korrekt." Es handle sich bei dieser anderen Aufstellung um "eine realistische Erwartung" eines Projektes, unter Einbezug möglicher Risiken.

Trumps Organisation wollte die Aktenstelle auf Anfrage nicht kommentieren. Die Anwälte der ehemaligen Köche sind der Auffassung, dass Trump offenkundig "üblicherweise zwei Versionen der erwarteten Gewinne vorbereite, eine für den internen Gebrauch und eine rosigere Aufstellung für andere Zwecke". Sollte Trump mit solchen Praktiken Hilton, Hyatt und alle anderen Interessenten der öffentlichen Ausschreibung ausgestochen haben, wäre das Zustandekommen des Deals nicht mehr nur eine Frage der Moral.

Warum stieg Geldgeber Tom Barrack wieder aus?

Richter Brian Holeman kündigte bereits an, dass weitere Dokumente des Deals nicht länger unter Verschluss gehalten werden dürften. Zu groß sei der Informationsanspruch der Öffentlichkeit.

Wohl wahr: Warum stieg beispielsweise ein enger Freund Trumps aus dem Hotelprojekt aus? Dieser Tom Barrack und seine Firma Colony Capital machen seit Jahren mit Trump Geschäfte, Barrack betreibt sogar einen Super PAC für Trump - damit kann er nahezu unbegrenzt und unkontrolliert Wahlkampfspenden sammeln.

Für den Zuschlag des Hoteldeals an Trump war mitentscheidend, dass ein so finanzstarker Partner dabei war. Nach Unterzeichnung des Vertrages allerdings war Colony Capital plötzlich raus aus dem Geschäft, die Laufzeit sei zu lang, hieß es.

Finanz- und Rechtsexperten meinen, das Projekt entferne sich immer weiter von dem ursprünglich ausgehandelten Vertrag. Trump, so ihre Warnung, sei berüchtigt dafür, seine Projekte im Nachhinein eigenmächtig umzugestalten, die Regierung habe zudem zu hohe Ertragserwartungen. Sie rechnen vor, dass es im Umkreis der neuen Trump-Herberge bereits mehrere andere Luxushotels gibt. Zudem treiben Trumps finanzielle Verpflichtungen die Preise hoch, das Land als Eigentümer des Gebäudes erhält zum Beispiel eine Jahresmiete von rund drei Millionen Dollar und obendrein eine Gewinnbeteiligung.

Und so werden für eine Übernachtung im Standardzimmer 795 Dollar aufgerufen, fast 200 Dollar mehr als im bisher teuersten Hotel der Stadt.

Der Finanzexperte Daniel Alpert von Westwood Capital kennt einige der Vertragsabsprachen. Er sagt: "Wenn das Hotel nicht läuft, kriegt Trump schnell ein Problem."

Alle Bedenken, Sorgen und Spekulationen um das neue Schloss an Amerikas Prachtstraße soll die Eröffnung am Montag vergessen machen. Es soll die ganz große Show werden, die Rückkehr des Glamour, wie damals in Atlantic City.

Und egal, wie die Wahl ausgeht - dem nächsten US-Präsidenten wird man von Trumps Hotel aus in den Garten gucken können.

Der Autor bei Twitter: @ChSchweppe

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