Marc Pitzke

100 Tage Trump Die Absurdität als Alltag

Donald Trumps erste drei Amtsmonate waren chaotisch und konfus. Eines ist klar geworden: Er ist ein demokratiefeindlicher Plutokrat - und lernt jetzt langsam, seine Macht anzuwenden.
US-Präsident Donald Trump im Oval Office des Weißen Hauses

US-Präsident Donald Trump im Oval Office des Weißen Hauses

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Seinen 100. Tag als Präsident wird Donald Trump dort feiern, wo er sich am wohlsten fühlt - im Kreise ekstatischer Anhänger. Und zwar in Harrisburg, der Hauptstadt Pennsylvanias, das er im November knapp gewann: Auf einer Großkundgebung will er sich feiern lassen. Sein Wahlkampf geht nie zu Ende.

Wie dieser Wahlkampf waren auch seine ersten drei Monate: chaotisch, konfus, betäubend - ein tägliches Schleudertrauma zwischen "Im Ernst?" und "Wird schon". Eine Bilanz fällt schwer. Was zählt, was nicht, was bleibt?

Man behilft sich mit Strichlisten, als lasse sich der Dauerschock arithmetisch dämpfen. Was hat er erreicht, welche Versprechen hat er gehalten, wo eine Kehrtwende hingelegt? Einreisestopp, Gesundheits- und Steuerreform, Supreme Court, Mexiko-Mauer, Russland-Affäre, Syrienkrieg, Nordkorea. "Der schlechteste Präsident", schreiben die einen. "Hätte schlimmer kommen können", schreiben die anderen. Jeder hat recht, und das ist das Problem.

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Donald Trump: 100 Tage Fehlstart

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"Ich allein kann's richten", tönte Trump bei seiner Vereidigung. 100 Tage später ist nichts gerichtet, doch er ist überall. Wie eine groteske Dokusoap beherrscht er Amerikas Kabelnews, soziale Medien, Small Talk. Kein Tag ohne Trump: Sein Wortsalat, serviert in Twitter-Tiraden, widersinnigen Dekreten und kuriosen PR-Auftritten, regt keinen mehr auf. Als Realitystar hat er die Grenzen des Erträglichen verschoben, als Präsident neu definiert. Die Absurdität ist Alltag geworden.

Doch hinter der Maske des Quoten-Clowns steckt bis heute ein demokratiefeindlicher Plutokrat, der ins mächtigste Amt der Welt hineingestolpert ist - und nun langsam lernt, wie er diese Macht nutzt.

"Wer hätte gedacht, dass das Gesundheitswesen so kompliziert ist?", wunderte sich Trump - als Einziger wohl -, weil sein erster Versuch, Millionen Kranken die Versicherung zu nehmen, im Kongress scheiterte. Sein zweiter Anlauf, zurzeit in Arbeit, dürfte erfolgreicher werden - und brutaler.

Der rechtsradikale Rand drängt in den Mainstream

Autokratische Kälte, als Populismus getarnt: Trumps Stammwähler werden das leider erst viel zu spät spüren. Noch halten sie, in stoischer Ignoranz, fest zu ihm, betört von seinen militärischen Muskelspielen und der Hoffnung auf ein Amerika, das so "great" - und monochrom - ist, wie es nie war.

Andere spüren es jetzt schon. Einwanderer, Schwarze, Muslime, Schwule: Flankiert vom Südstaaten-Justizminister Jeff Sessions, nimmt Trump ihnen Rechte, die sie sich über Generationen erkämpft hatten. Familien werden auseinandergerissen, Minderheiten misshandelt, Unschuldige eingesperrt.

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Derweil explodierte die Zahl der antisemitischen Übergriffe um 83 Prozent. Der rechtsradikale Rand drängt in den Mainstream - und sogar ins Weiße Haus, wo er inzwischen zwar brav schweigt, doch wer weiß, wie lange.

Die Angst vor dem anderen, die alle Extremisten befeuert und der Pulsschlag des US-Wahlkampfs war, zieht sich auch durch Trumps Regierungsgeschäfte. Immer wieder beschwört er eine Nation im ewigen Belagerungszustand, bedroht von Ausländern, Kriminellen, Dunkelhäutigen, um drakonische Gesetze zu forcieren, die bisher zwar klemmen, doch wer weiß, wie lange.

Seine Machoallüren offenbaren, was der Historiker Christopher Clark als "Krise der Männlichkeit" beschrieb, die Europa mit in den Ersten Weltkrieg trieb. So erklärt sich auch das reißfeste Band zwischen dem Milliardär aus dem goldenen Tower und den Millionen Arbeitslosen in der Provinz, die über die Jahre nicht nur ihre Jobs verloren haben, sondern ihre Würde.

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Deshalb sehen sie ihm seine Schattenseiten bisher nach. Das intellektuelle Desinteresse, die Ungebildetheit, den Narzissmus, die Lügen, die adoleszenten Ausbrüche, den fehlenden Anstand. Wer sonst spricht in einem Atemzug von einem Luftwaffenangriff und dem "schönsten Stück Schokoladentorte, das Sie je gesehen haben"? Wer sonst zetert über seinen golfenden Vorgänger und verbringt dann selbst mehr Zeit auf dem Golfplatz als je ein Präsident?

Frontalangriff gegen die demokratischen Institutionen

Wer sonst erklärt die Nato für obsolet, dann für "nicht länger obsolet"? Wer sonst sagt, er habe eine "Armada" gen Nordkorea geschickt, lässt das dann dementieren, nur um der Atommacht Pjöngjang jetzt mit einem "großen, großen Konflikt" zu drohen? Achtlose Querschüsse, die die Welt erschüttern.

Sie sehen es ihm ebenso nach wie sein Weltbild, verankert in seinem ersten Staatsetat: Geld für Panzer, kein Geld für Arme. Naturdenkmäler werden für den Bergbau freigegeben, Küsten für Ölbohrungen und Flüsse für industrielle Ausbeutung - im Dienste einer überkommenen Drill-baby-drill-Ideologie.

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100 Tage Trump-Wirtschaft: Die Verlierer

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Dabei ist das nicht mal seine Ideologie, er hat ja gar keine, wie seine ständigen Flipflops beweisen. Sein einziger Antrieb ist das Ego, alles Weitere lässt er sich einflüstern von den Milliardären, den Lobbyisten und der Familie, die mit in den West Wing gezogen sind, um sich zu bereichern, bevor es zu spät ist, und ihn dazu als "stumpfes Instrument" nutzen, wie es sein Berater Steve Bannon formulierte.

Bewusst oder unbewusst, Trumps Worte und Taten sind ein Frontalangriff gegen die demokratischen Institutionen. Die Beamtenschaft hat er fast aufgelöst, das Wahlverfahren diskreditiert, den Kongress würde er am liebsten umgehen und die missliebigen Gerichte "auflösen", weil sie ihm als letzte Schutzinstanz der Verfassung die Stirn zu bieten wagen. Die Medien hasst er auch, braucht sie aber, um seine Sucht nach Selbstdarstellung zu stillen. Noch hält das System.

100 Tage Trump: Ja, es hätte schlimmer kommen können. Aber es bleiben ja noch 1360 Tage bis zur nächsten US-Präsidentschaftswahl.

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