Populismus der US-Republikaner Die Entgleisungen, die sie riefen

Jahrzehntelang haben US-Republikaner die Verachtung von Politik und Eliten angeheizt - inspiriert wurden sie einst von Demokraten. Doch Trump treibt den Tabubruch auf die Spitze, der Partei ist die Kontrolle entglitten.

Donald Trump mit Anhängern
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Donald Trump mit Anhängern

Ein Gastbeitrag von Torben Lütjen


Auch wenn das im Zeitalter von Donald Trump nur schwer zu glauben ist: Der Populismus war in den USA historisch zunächst eine Waffe der politischen Linken.

Populismus beschreibt eine Mentalität, die sich mit unterschiedlichen Ideologien verbinden kann, aber stets eine Gesellschaft in ein bodenständiges, ehrliches "Volk" gegen eine dekadente, abgehobene, korrupte Elite unterteilt.

Die von Farmern aus dem Mittleren Westen unterstützte "Populist Party", die vielen Historikern als Mutter aller populistischen Bewegungen gilt, vertrat in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts einen aggressiven Sozialpopulismus und agitierte vor allem gegen die Macht der Banken. In den Dreißigerjahren nickte eine große Mehrheit der Amerikaner wohlwollend, als der demokratische Präsident Franklin D. Roosevelt eine Clique von raffgierigen Plutokraten als "ökonomische Royalisten" und "Räuberbarone" beschimpfte und für die Wirtschaftskrise verantwortlich machte.

Dann aber, in den Sechzigerjahren, bemächtigten sich Amerikas Konservative des Populismus. Und es macht Sinn, zu studieren, wie ihnen das gelang und welche Kräfte sie dabei entfesselten; die Geschichte dieser Entfesselung führt nämlich direkt zur gegenwärtigen Implosion der Republikanischen Partei.

Zum Autor
  • privat
    Torben Lütjen ist Politologe und Direktor in Vertretung des Göttinger Instituts für Demokratieforschung. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Politik, Geschichte und Gesellschaft der USA, politische Ideologien sowie historische und komparative Parteienforschung. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Partei der Extreme: Die Republikaner". Ab 2017 wird er als Gastprofessor an der Vanderbilt University in Nashville/Tennessee lehren.

Die Konservativen beobachteten damals den Demokraten George Wallace genau, der von 1963 bis 1967 Gouverneur des Staates Alabama war. Ausgerechnet er schneiderte dem amerikanischen Konservativismus eine populistische Botschaft auf den Leib, mit der Republikaner in ganz neue Wählersegmente vorstoßen sollten.

Anders als heute hatten noch beide Parteien starke liberale wie konservative Flügel. Und Wallace war ein Demokrat besonderen Zuschnitts: Er war uneingeschränkter Verfechter der faktischen Rassentrennung, die im Süden der USA das Leben zwischen Schwarzen und Weißen bestimmte. Als seine eigene Partei sich in den Sechzigerjahren aufmachte, diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen, begann für ihn - wie für viele andere Demokraten aus dem Süden - der Bruch mit der eigenen Partei.

George Wallace
AP

George Wallace


Wallace agitierte gegen arrogante Bundesrichter und Washingtoner Eliten, die sich anmaßten, den Amerikanern ihre Lebensweise aufzudrücken. Wallace verteidigte den "way of Life" der Südstaaten - der natürlich eben vor allem auf der Diskriminierung einer Minderheit beruhte.

Schon am Anfang der konservativen Umcodierung des amerikanischen Populismus spielte Rassismus also eine nicht unbedeutende Rolle. Denn mit dem Verweis auf "the people" - das Volk - waren natürlich weiße Amerikaner gemeint - auch diese Verquickung hat Trump, wie so vieles andere, nicht genuin erfunden. Doch war da noch mehr als nur Rassismus.

Wallace experimentierte auch mit einem aggressiven Anti-Intellektualismus, wenn er über realitätsferne "Pseudointellektuelle" und "Theoretiker" spottete, die meinten, dass ein Plan aus ihrer Schublade überall im Land funktionieren müsste - während der "gesunde Menschenverstand" doch eigentlich den richtigen Weg weise.

Ketchup und gebrauchte Anzüge

Und der Mann aus Alabama lebte und atmete buchstäblich die eigene populistische Botschaft. Wie wahrscheinlich kein amerikanischer Politiker vor ihm - aber unzählige nach ihm - spielte er die Rolle des bodenständigen Amerikaners. Wallace trug aus Prinzip gebrauchte Anzüge und bekundete stolz, auf jede seiner Mahlzeiten Ketchup zu schütten - alles, um sich als authentischer Vertreter von Middle America zu inszenieren.

Wallace hatte vor allem in einem Wählersegment großen Erfolg: bei der White Working Class, der weißen Arbeiterklasse, wo ihn viele zu ihrem Helden erkoren hatten. Wirtschafts- und sozialpolitisch standen diese Wähler zum Teil den Demokraten noch immer näher. Aber zahlreiche Entwicklungen und Ereignisse in diesen Jahren des Aufruhrs hatten sie von der Partei entfremdet: der Anstieg der Kriminalitätsraten in den amerikanischen Großstädten, eine äußerst sichtbare promiskuitive Jugendkultur, amerikanische Flaggen, die bei Anti-Kriegsdemonstration auf den amerikanischen Campussen verbrannt wurden. In der Demokratischen Partei, die in diesen Jahren nach links rückte, hatte Wallace' Populismus keine Zukunft.

Der Republikaner Richard Nixon zog aus Wallace' Erfolg seine Schlüsse. Mit ihm begann die Republikanische Partei tatsächlich in Teilen des Landes zur Partei der weißen Arbeiterklasse zu werden.

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Dabei ging Nixon selbst einerseits alles ab, was Wallace auszeichnete. Nixon war kein Volkstribun, sondern ein gehemmter, verschlossener, distanzierter Mensch. Und vor allem war er wie kaum ein anderer ein Geschöpf Washingtons; bei seiner Wahl zum Präsidenten 1968 hatte er bereits seit über 20 Jahren im Politikbetrieb der Hauptstadt mitgemischt.

Wie kein Zweiter aber hatte Nixon die neuen Bruchlinien der amerikanischen Gesellschaft ertastet. Er spürte, dass die Demokratische Partei einen Tick zu inklusiv geworden war und dass viele Menschen aus der weißen Arbeiter- und Mittelklasse in Wahrheit weder für die schwarze Bürgerrechtsbewegung noch für die jungen Menschen, die gegen den Vietnamkrieg oder für neue Sexualnormen stritten, die geringsten Sympathien hatten.

Richard Nixon
AP

Richard Nixon


Also spielte Nixon diese Gruppen virtuos gegeneinander aus, und appellierte an die "vergessenen Amerikaner", die "Forgotten Americans, the non-shouters and non-demonstrators". Damit gelang ihm, was den Republikanern in der Folge noch oft gelingen sollte: die sozioökonomische Konfliktlinie des Landes durch eine kulturelle zu überschreiben.

Den Begriff, der all das auf den Punkt bringen sollte, hatte ihm 1969 sein Redenschreiber Pat Buchanan ins Manuskript geschrieben: die Silent Majority, die schweigende Mehrheit. Es war ein geradezu klassischer Topos populistischer Weltsicht: die Vorstellung einer eigentlich numerischen Mehrheit, die bisher aus undurchsichtigen Gründen von einem Kartell von Eliten von der Macht ferngehalten wurde.

Der Begriff mochte harmlos klingen, doch unterschwellig transportierte er somit bereits jenes Verschwörungsdenken, für das der amerikanische Konservativismus schon immer anfällig gewesen war - und das sich in den Obama-Jahren ins Extreme steigern sollte. Und so ist man nicht überrascht, dass Donald Trump gerade diesen Slogan für seine Kampagne 2016 schamlos recycelt hat.

Immer populistischer, immer lauter

Doch war es nicht so, dass die Wähler aus der weißen Arbeiterklasse seit Nixon fortan verlässliche republikanische Stammwähler waren. Mit den beiden eigentlichen ideologischen Strömungen der Partei - einer marktradikalen libertären Bewegung einerseits, der christlichen Rechten anderseits - hatten die meisten dieser Wähler nicht besonders viel am Hut. Der Durchschnittsamerikaner "Joe Sixpack" blieb ein unsicherer Kantonist.

Gleichzeitig jedoch waren die Republikaner, das ist bis heute das Dilemma der Partei, immer stärker auf diese Wählergruppe angewiesen, da sie spätestens seit den Neunzigerjahren bei allen wachsenden demographischen Gruppen in der amerikanischen Gesellschaft den Anschluss verloren. Das galt natürlich für ethnische Minderheiten, vor allem für Afroamerikaner und Hispanics, aber auch für Akademiker und berufstätige Frauen.

Um das auszugleichen, versuchte man, eine immer größere Scheibe des weißen, nicht akademisch gebildeten Amerikas aus dem Elektorat herauszuschneiden. Und da dieses mit dem eigentlichen Programm der Partei eben nicht funktionierte, musste man wohl oder übel die populistische Ansprache steigern und die Dosis stetig erhöhen.

Bei Nixon, auch bei Ronald Reagan, waren es noch die sogenannten "liberalen Eliten" gewesen, auf die man das Feuer konzentriert hatte. Seit den Neunzigerjahren aber, unter der Ägide des mächtigen Sprechers des Repräsentantenhaus Newt Gingrich, verunglimpften Amerikas Republikaner alles, was einen Bezug zu Washington hatte und überhaupt in der Sphäre tatsächlicher Politik angesiedelt war. Der Kongress: ein einziger Sumpf der Korruption. Die Parteien: ein Hort egoistischer Sonderinteressen.

Newt Gingrich
REUTERS

Newt Gingrich


Daraus entstand eine gefährliche Dynamik, in deren Folge niemand mehr Teil des sogenannten "Establishments" sein wollte und sich jeder als anti-politischer Außenseiter inszenierte, der versprach, mit Washington aufzuräumen. Nur in einem solchen Klima konnten dann - verstärkt in den Obama-Jahren - Politiker in den Kongress gewählt werden, die sich ganz einer Totalblockade des politischen Systems verschrieben hatten. Es war schon damals eine ungeheure Verachtung von Politik im Spiel, eine Verhöhnung ihrer Institutionen und Spielregeln.

Und so war der Boden bereitet, als Donald Trump ab Juni 2015 einer zunächst fassungslosen, dann amüsierten, später - angesichts seines Erfolges - abermals fassungslosen Nation bewies, dass selbst die populistische Botschaft der Republikanischen Partei noch zu steigern war.

Moralisch und intellektuell verwildert

Den Republikanern war die eigene Erzählung entlaufen, und alle Versuche, sie wieder einzufangen, scheiterten. Denn niemand verkörperte in ähnlicher Weise den maximalen Kontrast zum Washingtoner Politikbetrieb mit ihren eingeübten Reflexen und Ritualen, ihrer eingeschliffenen Sprache und ihren eingegrabenen ideologischen Frontverläufen.

Und nur Trump hatte antizipiert, wie sehr ein Teil der republikanischen Parteibasis nach Jahrzehnten der populistischen Ansprache moralisch und intellektuell verwildert war. So schaffte es unter den Kandidaten der republikanischen Vorwahl niemand mehr aus dieser Riege fraglos ebenfalls geübter und kaltblütiger Regelverletzer, mit seinen immer neuen Tabubrüchen Schritt zu halten.

Und dass der größte Teil des Landes seine Entgleisungen verurteilte? Das festigte wohl nur das Band zwischen Trump und seiner Kernanhängerschaft, war es doch in ihren Augen ein Beleg dafür, dass das "Establishment" in ihm eine Bedrohung erkannte. Es war der alte Taschenspielertrick, den auch europäische Rechtspopulisten gerne benutzten, seitdem die FPÖ in den Achtzigerjahren unter das Konterfei Jörg Haiders den Satz geschrieben hatte: "Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist."

insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Atlas1 02.11.2016
1. Topoi?
Ein guter, aufschlussreicher Artikel - aber das Fremdwort Topoi ist (Pluralform) leider falsch verwendet, es muss Topos heißen. :)
mistergarak 02.11.2016
2. Witzig! Sie verwechseln Symptom und Ursache!
Die Eliten haben mit ihren Mauscheleien, Skandalen und dubiosen Geschäften und mit den damit einhergehenden sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen doch die Grundlage für die Verachtung geschaffen. Ein Bürger der einen guten Job hat, ein Haus, ein Auto, gute Straßen, Krankenhäuser und Schulen wird sich nicht über die Eliten aufregen. Sie sind ihm egal solange es ihm gut geht, Aber Überaschung: Es geht immer mehr Menschen nicht gut sie arbeiten für wenig Geld oder sind arbeitslos, ihre Häuser hat die Bank, sie fahren 20 Jahre alte Autos, ihre Kinder gehen in verfallende Schulen und krank werden dürfen sie auch nicht weil Ärzte und Medikamente zu teuer sind! Diesen Menschen ihre Wut und Enttäuschung vorzuwerfen peinlich! Hätten die Eliten ihren Job nur halbweg vernünftig gemacht hätte Trump keine Chance! Aber da sie ihren Job eben nicht gemacht haben bekommen sie jetzt die Quittung!
outsider-realist 02.11.2016
3.
Zitat von mistergarakDie Eliten haben mit ihren Mauscheleien, Skandalen und dubiosen Geschäften und mit den damit einhergehenden sozialen und gesellschaftlichen Verwerfungen doch die Grundlage für die Verachtung geschaffen. Ein Bürger der einen guten Job hat, ein Haus, ein Auto, gute Straßen, Krankenhäuser und Schulen wird sich nicht über die Eliten aufregen. Sie sind ihm egal solange es ihm gut geht, Aber Überaschung: Es geht immer mehr Menschen nicht gut sie arbeiten für wenig Geld oder sind arbeitslos, ihre Häuser hat die Bank, sie fahren 20 Jahre alte Autos, ihre Kinder gehen in verfallende Schulen und krank werden dürfen sie auch nicht weil Ärzte und Medikamente zu teuer sind! Diesen Menschen ihre Wut und Enttäuschung vorzuwerfen peinlich! Hätten die Eliten ihren Job nur halbweg vernünftig gemacht hätte Trump keine Chance! Aber da sie ihren Job eben nicht gemacht haben bekommen sie jetzt die Quittung!
Es ist mir ein Rätsel wieso ausgerechnet ein Trump der Anwalt der Armen und Vergessenen sein soll. Was hat Trump in seinem Leben je für diese Menschen getan, das sie ihm nun wie einem Messias hinterherlaufen? Was unterscheidet Trump von den "Eliten"? Trump ist nichts anderes als ein Spiegelbild dessen, was seine Wähler verachten. Wann merken die das?
teddyhh 02.11.2016
4. Bravo!!
Der Artikel legt genau so dar warum es so ist wie es ist... die Republikaner sind zu einem Haufen Blockierer verkommen, die nicht mehr wissen, wie eine Demokratie funktioniert. Ihr Verhalten ähnelt immer mehr dem eines verzogenen Kindes das sich im Supermarkt auf den Boden wirft und heult weil es nicht das bekommt was es will... Ich hoffe daran denken die Amerikaner wenn sie am Dienstag ihr Kreuz machen.
Bernd.Brincken 02.11.2016
5. Disruptive Politics
Gute Analyse mit manch interessanten Details, wie dem Zusammenhang zwischen Nixons Charakter und seiner Politik. Die Genese des Populismus aus dem Geiste der Orientierungslosigkeit wird recht deutlich. Was ich allerdings von diesem ebenso wie vielen anderen USA-Verstehern, die nun anläßlich der Trump-Kampagne mit Erklärungen brillieren, vermisse: Womit will denn nun jene 'schweigende Mehrheit' die Politik ersetzen, die viele Reps und der mögliche neue Präsident verachten? Es kann doch nicht sein, dass zig Millionen erwachsene Menschen einfach nur Spaß daran haben, etwas einzureißen. Bzw., ich lasse mich gern belehren.
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