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31. Januar 2019, 21:22 Uhr

Unterwegs an der US-Grenze

Gute Mauer, böse Mauer

Aus San Diego berichtet

An der US-Grenze zu Mexiko ist der Konflikt um Trumps Mauer sehr real: Grenzschützer wie Joshua Wilson erproben hier neue Barrieren. Enrique Morones dagegen hilft Flüchtlingen in der Wüste. Beide fühlen sich im Recht.

Der amerikanische Grenzschutzbeamte Joshua Wilson klopft zufrieden an den nagelneuen Zaun. "Alles sehr solide. Und hoch", sagt er.

Der rotbraune Stahlkoloss ragt fast fünf Meter in den Himmel von San Diego an der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Es ist kein normaler Zaun, sondern eine regelrechte Barriere. Die Stelen sind massiv, an der Spitze ist eine glatte Platte befestigt, das soll das Klettern erschweren. Am Boden steckt der Zaun mehrere Meter tief in der Erde, so kann niemand einfach darunter durchkriechen.

Wilson steht im Niemandsland und blickt hinüber auf die andere Seite. Wenige Hundert Meter entfernt, hinter einem weiteren Gitter, ist schon Tijuana, die mexikanische Großstadt, die direkt an den Vorort von San Diego, San Ysidro, angrenzt. Die ganze Anlage sieht aus wie eine moderne Version der alten Grenze zwischen Ost- und West-Berlin.

In Tijuana sammeln sich Menschen aus Zentralamerika, die vor dem Elend in ihrer Heimat flüchten. Sie kommen aus Staaten wie El Salvador oder Honduras. Zuletzt strandeten dort Tausende Menschen der sogenannten Karawane.

Alle suchen ihr Heil in den USA. Sie wollen irgendwie über die Grenze kommen. Doch diesen neuen Zaun kann niemand einfach so überwinden. "Selbst mit einer Leiter dauert das", sagt Wilson. "Das gibt uns Zeit: Bis die Leute oben sind, sind wir schon zur Stelle und können sie festnehmen." Nach einem kurzen Verfahren würden viele dann in ihre Heimatländer zurückgeschickt.

Noch effizienter seien Zäune, die zwischen sieben und neun Metern hoch sind. "Da gibt es eine psychologische Grenze, bei der Menschen sich nicht mehr trauen zu klettern", sagt der Grenzschützer. "Das haben wir getestet."

Die Barriere in San Diego ist Teil eines Projekts, das der US-Kongress in Washington im vergangenen Jahr in einem seltenen Kompromiss beschlossen hat. Der neue Zaun ersetzt auf wenigen Kilometern kleinere Zäune, die schon vor Jahrzehnten hier errichtet wurden.

Jetzt ist diese neue Stahlbarriere der ganze Stolz von Grenzschützer Wilson - und von seinem obersten Boss, US-Präsident Donald Trump. Wenn Trump vor Anhängern damit prahlt, dass der Bau seiner Mauer schon begonnen habe, verweist er unter anderem auf das Projekt in San Diego.

In etwa so, nur höher, könnte sie später tatsächlich einmal aussehen, Trumps große Mauer entlang der rund 3000 Kilometer langen Südgrenze der USA. Dafür hat der amerikanische Präsident in Washington einen bislang beispiellosen Kampf mit dem Kongress und den oppositionellen Demokraten angezettelt.

Video: "Die Grenzschützer sind auf Trumps Seite"

Er verlangt für den nächsten Haushalt 5,7 Milliarden Dollar, um mit den Bauarbeiten zu beginnen. Bis zum 15. Februar soll eine Arbeitsgruppe aus Demokraten und Republikanern eine Lösung in dem Streit finden. Aber die Demokraten um Nancy Pelosi wollen Trump partout kein Geld geben.

Der Kampf um die Mauer ist in den USA nicht nur eine Macht-, sondern auch eine Glaubensfrage. Amerika streitet: Über die Einwanderung, über das Asylrecht und über die Frage, was eine Mauer oder ein Zaun wie der in San Diego eigentlich bringen sollen. Halten sie Menschen wirklich davon ab, ihr Glück in den USA zu suchen? Ist eine Mauer Geldverschwendung und unmoralisch, wie die Demokraten sagen. Oder unerlässlich für die Sicherheit der USA, wie Trump es stets behauptet?

Nirgendwo sonst lässt sich dieser Konflikt so gut studieren, wie an der Grenze zwischen San Diego und Tijuana. Auch hier ringen sie miteinander um die richtigen Antworten. Und es wird deutlich, wie unversöhnlich die Positionen sind.

"Ein Land, das keine sichere Grenze hat, gibt seine Souveränität auf"

Grenzschützer Wilson ist ganz klar für die Mauer: "Trump hat recht." Er glaubt an sichere Grenzen. Für ihn ist klar: "Ein Land, das keine sichere Grenze hat, gibt seine Souveränität auf."

Wilson ist seit 13 Jahren bei der Grenztruppe "Border Patrol". Er trägt die grün-beige Uniform der Grenzschützer, am Gürtel eine Pistole, zur Selbstverteidigung. Früher war er bei der Armee. In seiner Zeit bei der Grenzpolizei habe er selbst schon etwa tausend Menschen beim illegalen Grenzübertritt gefasst, sagt Wilson. Jetzt arbeitet er als Ausbilder und vertritt in der Gewerkschaft der Grenzbeamten von San Diego die Interessen von etwa 1800 Kollegen.

Die Vorteile der Barriere liegen für ihn auf der Hand: Sie löse zwar nicht alle Probleme, aber sie schrecke die Illegalen ab. "Wir müssen nicht überall Zäune errichten", sagt Wilson. Manchmal sei das sehr aufwendig und teuer, etwa im Gebirge. Aber dennoch: "Da wo die hohen Zäune stehen, geht die Zahl der illegalen Grenzübertritte eindeutig zurück."

Auch die Kriminalitätsrate sinke sofort. Tijuana sei eine gefährliche Stadt, sagt Wilson. Der Zaun halte Verbrecher davon ab, nach San Diego zu kommen. Er zeigt auf ein Shopping-Center und auf schöne Einfamilienhäuser auf der US-Seite. Sie stehen direkt am Grenzstreifen. "Wer würde denn hier wohnen oder einkaufen ohne den Zaun?", fragt er.

Eine Barriere erleichtere auch die Arbeit der Grenzschützer, sagt Wilson. "Wir können unsere Ressourcen, unsere Autos, Hubschrauber und Beamten, auf andere Dinge konzentrieren, zum Beispiel auf die Jagd nach Drogenhändlern", sagt Wilson. "Oder wir können mehr Leute in Gegenden einsetzen, wo es keine Zäune gibt. In der Wüste zum Beispiel." Der Strom der Illegalen werde in diese Bereiche umgeleitet. "Wie in einen Trichter. Da können wir sie dann leichter fassen."

Wilson und seine Kollegen sind Donald Trumps wichtigste Verbündete im Kampf um die Mauer. Immer wieder zitiert der Präsident die Grenzbeamten oder lässt Gewerkschaftsvertreter vor Reportern im Weißen Haus auftreten, um seine Mauerpläne zu verteidigen.

Trump hört auf die Grenzschützer. Sie haben ihm gesagt, dass sie für seine Pläne sind, aber nicht überall zwingend eine Barriere brauchen. Diese Position hat Trump inzwischen übernommen. Jetzt spricht er davon, dass man bestimmte Bereich der Grenze auch mit Drohnen oder Sensoren überwachen könne. Das ist sein Kompromissangebot an die Demokraten bei den aktuellen Verhandlungen im Kongress, eine "Smart Wall", eine Mischung aus Barrieren und Sensoren.

Die Beamten waren es auch, die Trump davon abbrachten, nur von einer Mauer zu sprechen. Jetzt sagt er das zwar immer noch gern, aber oft streut er auch die Wörter "Barriere" oder "Zaun" ein. "Ein massiver Zaun ist viel sinnvoller als eine Mauer aus Beton", erklärt Wilson. "Ein Zaun lässt sich viel leichter reparieren." Außerdem könnten die Grenzschützer sehen, was auf der anderen Seite passiere, wer sich dort bewege. "Ein feste Mauer erschwert unsere Arbeit nur."

Wilson fährt mit seinem Geländewagen an der Grenzanlage vorbei. Er grüßt zwei Kollegen, die auf Pferden an der Grenze patrouillieren. Der Grenzbeamte ärgert sich, wenn er im Fernsehen Politiker oder Journalisten sieht, die behaupten, eine Barriere werde Einwanderung nicht stoppen. "Das stimmt einfach nicht. Fragt doch mal uns, die Experten."

Einige Kilometer von der Grenze entfernt, in der Innenstadt von San Diego, sitzt Enrique Morones in einem Büro in einem Stadtteilzentrum. "Mauern sind nicht die Lösung", sagt er.

Morones ist der Widerpart zu Wilson. Seit mehr als 25 Jahren engagiert sich der frühere Baseball-Manager für Einwanderer, die über die Grenze kommen.

Es ging damit los, dass Morones und ein paar Freunde in die Wüste fuhren und dort Menschen halfen, die auf diesem Weg versuchten, in die USA zu kommen. Um diese Flüchtlinge vor dem Verdursten zu schützen, deponierten Morones und seine Freunde Wasserflaschen in der Wildnis. So kamen er und seine Organisation bald zu ihrem Namen: "Border Angels" - Engel der Grenze.

Morones hat die Verzweiflung in den Gesichtern vieler Einwanderer gesehen. An der Wand seines kleinen, bescheidenen Büros in San Diego lehnt ein Holzkreuz. "No border wall", steht darauf.

"Operation Gatekeeper"

In den Neunzigerjahren begann die Regierung während der Amtszeit des demokratischen Präsidenten Bill Clinton damit, in der Gegend um San Diego die ersten größeren Zäune zu errichten. Die Zahl der Grenzübertritte hatte enorm zugenommen, die Menschen kamen zu Tausenden über die grüne Grenze. Zugleich nutzen die Kartelle diesen Weg, um tonnenweise Drogen ins Land zu schmuggeln. Die Politik in Washington sah sich zum Handeln gezwungen. Die "Operation Gatekeeper" wurde gestartet, seitdem wurden Stück für Stück gut tausend Kilometer der dreitausend Kilometer langen Grenze mit Zäunen befestigt.

Mit der "Operation Gatekeeper" ging es los, erzählt Morones. Die Menschen seien mit selbst gebastelten Leitern über die Barrieren geklettert. Oder sie wichen in der Gegend um San Diego in die Wüste aus. Viele seien unter den rauen Bedingungen ums Leben gekommen. Oder sie verletzten sich an den Grenzanlagen. 11.000 Flüchtlingen seien in den vergangenen 25 Jahren an der Grenze gestorben, schätzt er.

"Karawanen, Flucht, das alles hat es doch immer gegeben in der Geschichte der Menschheit", sagt Morones. Niemand werde sich von einer Mauer aufhalten lassen.

Derzeit hilft Morones mit seiner kleinen Organisation Einwanderern, die in Tijuana festsitzen. Er und seine Leute versorgen sie mit Lebensmitteln. Windeln für die Kinder, Spielzeug. Sie nennen ihre Aktion "Karawane der Liebe". Er legt auch immer noch Wasser in der Wüste aus. Über ausreichend Unterstützung kann er sich dabei nicht beklagen: Die Zahl der Menschen, die bei den "Border Angels" mithelfen wollten, sei nach der Wahl von Trump regelrecht "explodiert", sagt er. Erst waren sie ein paar Dutzend Leute, heute sind es 500.

Morones wurde in San Diego geboren, ist aber mexikanischer Abstammung. Deshalb hat er zwei Pässe und ist stolz auf seine mexikanischen Wurzeln. Über San Diego hinaus bekannt ist Morones vor allem, weil er immer wieder im Fernsehen wortgewaltig gegen Trumps Mauer wettert. Im Lieblingssender des Präsidenten, Fox News, geriet er mit dem strammrechten Moderator Tucker Carlson in einen heftigen Streit über Einwanderung. "Amerika sollte diesen Menschen gegenüber offener sein, sie willkommen heißen", sagte Morones. "Sie sind verzweifelt." Carlson brach das Interview danach einfach ab.

Morones ist mit viel Herz bei der Sache. Nach jedem Auftritt bei Fox News bekommt er Drohanrufe. Er wirft Trump und den Mauer-Befürwortern vor, die Gründe für die Flucht zu ignorieren. Die USA seien durch ihre jahrzehntelange Politik der wirtschaftlichen Ausbeutung und Einmischung mitschuldig an der Lage in den Ländern Mittelamerikas, in El Salvador, Honduras, Nicaragua, findet er. Deshalb gibt es seiner Ansicht nach eine Pflicht, den Menschen, die vor Armut und Kriminalität flüchten, zu helfen. Sie sollten Möglichkeiten erhalten, legal in die USA zu kommen, zum Beispiel, um hier zu arbeiten, ein wenig Wohlstand aufzubauen. "Es müsste vielmehr so sein wie in der Europäischen Union: mit offenen Grenzen."

Der Beamte Wilson sieht Organisationen wie die von Morones kritisch. Sie unterstützten illegale Einwanderung, sagt er. Sie ermuntern Menschen quasi, den gefährlichen Weg durch die Wüste oder durch das Gebirge zu nehmen.

Er findet, es wäre besser, die Flüchtlinge aus El Salvador oder Honduras würden in ihrer Heimat bleiben und dort daran mitarbeiten, dass sich die politische und wirtschaftliche Situation verbessere. "Wenn alle weglaufen, ändert sich dort nie etwas."

Wilson ist jetzt am Ende seiner heutigen Tour angekommen. Er steht am Pazifikstrand, am äußersten Ende der USA, schwarzer Sand, blauer Himmel, hier ragt der Grenzzaun noch etwa 100 Meter weit ins Meer hinaus. Es ist eine surreale Kulisse, fast wie in einem Science-Fiction-Film.

Video-Reportage aus San Diego: "Grenzschützer sind auf Trumps Seite"

Der Zaun mache die Arbeit seiner Leute weniger gefährlich, sagt Wilson. Es komme immer wieder vor, dass Beamte aus Migrantengruppen heraus angegriffen würden, mit Steinen oder Flaschen. Das sei bei den hohen Zäunen weitaus schwieriger. Erst neulich sei einem Kollegen wieder ein Stein ins Gesicht geworfen worden. Zum Glück habe er einen Helm mit Gitter getragen.

Am Neujahrstag versuchten einige Migranten über den Zaun am Meer zu klettern, es ist noch ein alter Zaun, nicht einer von den neuen, ganz hohen. Steine und Flaschen flogen. Die Situation geriet außer Kontrolle die US-Grenzschützer schossen Tränengas in die Menge. Umstritten ist, was zuerst kam: Steine oder Gas. Wie so oft wirft jede Seite der anderen vor, den Konflikt angeheizt zu haben.

Jedenfalls haben die Grenzschützer danach tonnenweise zusätzlichen Stacheldraht angebracht. "Jetzt herrscht hier wieder Ruhe", sagt Wilson.

Auf der anderen Seite, in Mexiko, sieht man durch die Gitterstäbe Kinder im Sand spielen. Sie sind ganz nah, aber doch unendlich weit weg.

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