US-Einwanderer in Los Angeles Angst vor Trumps Häschern

Razzien, Massenverhaftungen, Abschiebungen: Knallhart setzt Donald Trump seine Einwanderungspolitik durch. Viele Migranten leben in Furcht, manche tauchen unter. Szenen aus einem neuen Amerika.

Charles Reed/ ICE/ AFP

Aus Los Angeles berichten und


Der ältere Herr schluchzt, als zwei Beamte ihm Handschellen anlegen. Ein letztes Mal blickt er hilflos zurück in die Richtung der Handykamera, die alles filmt. Dann wird er in ein Zivilfahrzeug geschubst und fortgekarrt.

Seit 25 Jahren lebt der Mexikaner Romulo Avelica-Gonzalez als undokumentierter Einwanderer in Los Angeles - bisher unbehelligt. Doch als der vierfache Vater jetzt seine zwei Töchter zur Schule bringt, nehmen ihn Agenten der Grenzschutzbehörde Immigration and Customs Enforcement (ICE) fest - vor den Augen seiner Familie.

Die 13-jährige Fatima hält den Moment vom Hintersitz des Autos aus im Video fest, durch die Windschutzscheibe, an der ein Rosenkranz hängt. "Weine nicht", sagt die Mutter auf Spanisch. "Wir müssen jetzt stark sein."

Solche Vorfälle ereignen sich mittlerweile täglich in Los Angeles. Rund eine Million Migranten aus Mittel- und Südamerika leben hier ohne Papiere, mehr als in jeder anderen US-Metropole. Lange fühlten sie sich relativ sicher.

Doch jetzt hat Donald Trump der Grenzschutzbehörde per Dekret mehr Macht gegeben, will die Gesetze kompromisslos durchgesetzt sehen: Wo früher auch mal weggeschaut wurde, wird nun deportiert. Viele Latino-Familien wurden so bereits zerrissen. Zwar sollen die Maßnahmen eigentlich nur Schwerverbrecher treffen, in Wahrheit aber geraten viele andere mit ins Netz - etwa Avelica-Gonzales, der wegen eines Verkehrsdelikts vor zehn Jahren abgeschoben werden soll.

Unklar bleibt vor allem das Schicksal von fast 900.000 sogenannten Dreamers, die als Minderjährige mit ihren Eltern in die USA kamen und unter Trumps Vorgänger Barack Obama noch spezielle Schutzrechte genossen hatten.

Unter den Migranten herrscht seit Trumps Wahlsieg Angst. Viele tauchen ab, wagen sich nicht mehr auf die Straße, in den Supermarkt, zur Arbeit.

Karen Zapien
SPIEGEL ONLINE

Karen Zapien

Karen Zapien sitzt in einem Café in Huntington Park im Süden von Los Angeles. Sie hat eine Stunde lang erzählt, aber sie will noch etwas zeigen. Eine kleine Karte, die sie immer bei sich trägt. Sie ist weiß, am oberen Rand befindet sich ein roter Streifen. "Arbeitsgenehmigungskarte" steht darauf, ausgestellt von den Vereinigten Staaten von Amerika.

Zapien blickt wehmütig auf das Stück Plastik. Lange war es so etwas wie ihre Lebensversicherung in den USA.

Aber jetzt? "Wer weiß schon, was diese Karte überhaupt noch wert ist?"

Sie fragt sich das jeden Tag. Zapien ist 24 Jahre alt, ein Dreamer: Als sie ein Jahr alt war, schleusten ihre Eltern sie aus Mexiko mit Freunden in die USA.

Seitdem lebt sie in Los Angeles. Niemand in der Familie hat einen Pass, aber Zapien ist eine Amerikanerin, durch und durch. Highschool und Disneyland, Ehrenämter und Popmusik. Ihr Englisch ist akzentfrei. Seit drei Jahren studiert sie an der Universität Betriebswirtschaftslehre, eigentlich träumt sie von einer Karriere als Wirtschaftsprüferin. Aber im Moment, sagt sie, fühle sich ihr Leben eher an wie ein Albtraum. Nichts scheint mehr sicher.

"Wir haben alle Angst", sagt sie.

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US-Einwanderer: Zäune, Mauern, Razzien

Vor ein paar Tagen wurde der Onkel ihrer besten Freundin festgenommen und wartet nun auf seine Abschiebung. In der Nachbarschaft gibt es täglich Razzien. Drei von vier Einwohnern hier sind lateinamerikanische Einwanderer.

Jeder Blaulichteinsatz jagt Zapien nun Angst ein. Früher ist sie gerne in die Öffentlichkeit gegangen - auf große Demos, zu kleineren Protesten, auf Partys und Events. "Heute fürchte ich mich davor, mich zu zeigen."

Zapien ist ein Beispiel dafür, wie groß die Unsicherheit ist, noch bevor überhaupt klar ist, was der Präsident wirklich vorhat. Menschen, die noch nie etwas anderes als die USA gesehen haben, erkennen ihr Land plötzlich nicht wieder, fühlen sich beobachtet, ausgestoßen. "Es gab immer Vorurteile gegenüber Einwanderern", sagt Zapien. "Aber sie waren noch nie Teil der offiziellen Politik."

Die Eltern sind schutzlos

Naiv ist sie nicht. Sie kann verstehen, dass viele Amerikaner unzufrieden sind mit den derzeitigen Einwanderungsregeln. Auch sie hält eine Reform für nötig. "Aber ich dachte immer, dass die USA ein Land der Möglichkeiten sind. Das Gefühl habe ich nicht mehr."

Wie Zapien finden sich viele junge Einwanderer in einem Identitätskonflikt. Sie fragen sich, wohin sie gehören, haben Angst um ihre Zukunft und wissen nicht, wem sie noch vertrauen können. Manche haben Fragen an ihre Eltern. War es richtig, damals in die USA zu gehen? Was, wenn sie einfach in der alten Heimat geblieben wären?

Zapien hofft darauf, dass ihr Status als Dreamer sie auch unter Trump schützt. Der Präsident hat noch nicht entschieden, wie er mit dem Programm umgehen will. Aber ihre Eltern sind im Zweifel schutzlos. Beide arbeiten: Der Vater ist Schreiner, die Mutter verkauft Kleider. Sie sind noch nie mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Aber wenn Trumps Regierung Ernst macht, kann die Familie auseinandergerissen werden.

Es ist ihr Horrorszenario. "Was soll ich dann machen?", fragt Zapien.

Donald Trump und sein neues Anti-Einwanderungs-Dekret
AP

Donald Trump und sein neues Anti-Einwanderungs-Dekret

Seit 30 Jahren lebt Betty in Los Angeles, mit inzwischen drei Kindern. Eine Tochter ist Amerikanerin, eine weitere hat eine Greencard, doch ihr Sohn bleibt als Dreamer weiter undokumentiert wie seine Mutter.

Als Treffpunkt wählt Betty ein Open-Air-Einkaufszentrum. Ladenketten mit falschen Kleinstadtfassaden bemühen eine Disney-Idylle inmitten des Millionen-Molochs. Aus unsichtbaren Lautsprechern dudelt Louis Armstrongs "What a Wonderful World".

Betty, Mitte 40, schaut sich immer wieder über die Schultern. "Ich traue keinem mehr", sagt sie. Auch ihren Nachnamen bittet sie zu verschweigen, aus Angst.

Obwohl sie schon so lange in den USA ist, spricht Betty bis heute nur brüchiges "Spanglisch". Sie lebte in einer fast hermetisch abgeriegelten Latino-Welt, in der sie sich um korrekte Grammatik und Einwanderungsgesetze wenig kümmern musste.

Das hat sich über Nacht geändert: "Ich fühle mich auf einmal so verwundbar."

Betty kam nach Amerika, um "ein besseres Leben zu suchen" und täglicher Gewalt in ihrem Heimatland zu entfliehen. "Hier fühlte ich mich frei", sagt sie. "Und zum ersten Mal fühlte ich mich sicher."

Trump siegte - und Betty brach zusammen

An korrekte Papiere dachte sie nie: "Keiner erklärte mir, dass ich gegen Gesetze verstoße." Sie jobbte als Babysitterin, als Putzfrau, als Haushälterin. Wochentags in Los Angeles, am Wochenende in Las Vegas - vier Stunden hin, vier Stunden zurück. Ihr Einkommen versteuerte sie, ohne ihren Migrantenstatus offenlegen zu müssen.

Erst nach einer Krebsoperation wurde Betty ihre Situation richtig bewusst - und die ihrer Kinder, vor allem ihres Sohnes. Sie machte sich Vorwürfe, dass sie sich nie um den legalen Status ihrer Familie gekümmert hatte ("Das war so egoistisch") und begann, sich als Aktivistin für Dreamers und andere zu engagieren.

Der gemeinsame Kampf für Migrantenrechte holte Betty aus ihrer Isolation, gab ihr Mut und das Gefühl, "von meinen Leuten beschützt zu werden". Sie nahm an Demonstrationen und Sitzstreiks teil, einmal wurde sie sogar festgenommen. 2012 gab Obama den Dreamers Schutz vor Abschiebung.

Dann kam Trumps Wahlsieg - und alles änderte sich. Betty erinnert sich, wie sie weinend zusammenbrach: "Wer ist die meistgefährdete Person in unserem Haus? Ich!"

Neulich schnappten die Grenzschutz-Agenten bei einer Großrazzia in Los Angeles 161 undokumentierte Einwanderer. Überwiegend verurteilte Kriminelle, behaupteten die Behörden und fügten gleich eine Liste der Delikte hinzu, von "Grausamkeit gegen Kinder" über Drogen bis hin zu Trunkenheit am Steuer und Sachbeschädigung.

"Das meiste sind Bagatellen", widerspricht Betty, die einige Betroffene kennt.

Sie selbst lebt seither in einer Zwischenwelt, schwankt zwischen Trotz, Angst und Ungewissheit. Mit dem Auto fährt sie extra vorsichtig, meidet jede Aufmerksamkeit und erst recht die Freeways, die nun oft zu Kontrollen abgesperrt werden. Sie will sich nicht verkriechen, aber sie will auch nie wieder zurück in ihr Geburtsland: "Amerika ist meine Heimat."



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Seite 1
kuschl 14.03.2017
1. Rechtssaat?
Abgeschoben werden Illegale, wo ist da das Problem. Der Rechtsstaat hat sich an die Regeln zu halten. Nur weil über Jahre dieses Recht nicht durchgesetzt wurde, überrascht jetzt dessen Durchsetzung? Ein merkwürdiges Rechtsverständnis.
ricson 14.03.2017
2.
Die krux an solchen populistischen Gesetzen ist, das es eher die unschuldigen trifft. Die Verbrecher die man damit treffen will haben meist gute Möglichkeiten sich dem Zugriff zu entziehen. Das ist ähnlich mit strengeren einwanderungsregeln. Das trifft eher die, die legal einreisen, z. B. Für einen urlaub oder eine geschäftsreise, wollen. Die müssen dann höhere bürokratische Hürden überwinden. Die illegalen die bisher durch Tunnel, übers Meer oder per Kleinflugzeug eingereist, sind werden das auch weiterhin so tun.
bronck 14.03.2017
3. Schuld ist nicht Trump alleine
Also da gibt es Menschen die jahrzehntelang illegal in den USA leben und somit jahrzehntelang das Gesetz brechen. Und sie kommen erst jetzt auf die Idee sich um einen legalen Aufenthaltsstatus zu bemühen?!? Also so ganz kann ich das nicht nachvollziehen. Klar kann man auf Trump schimpfen, weil er plötzlich geltendes Recht ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen will, aber man muss die Migranten die sich jahrzehntelang nicht um eine Legalisierung ihres Status gekümmert haben auch mal Fragen ob sie noch alle Schwellen am Gleis haben zu glauben das ginge ewig so halbseiden weiter. Das Beste wäre wohl eine Art Kampagne die integrierten gesetzestreuen Migranten schnell zu Amerikanern zu machen und die wirklich kriminellen auszuweisen. Aber nicht irgendwelche Falschparker.
ingofischer 14.03.2017
4. Weniger persönliche Schicksale beleuchten und dafür mehr Fakten und Hintergrundwissen vermitteln
Das ist für die "undokumentierte Migranten" wirklich ein harter Schicksalsschlag und der Artikel ist so geschrieben, dass man gut mit den Betroffenen mitfühlen kann. Nur sollte m.E. ein Nachrichtenmagazin zur Erläuterung von politischen Entscheidungen nicht nur persönliche Schicksaale beleuchten, sondern zumindest ergänzend erläutern, wie die gesetzlichen Regelungen denn nun formuliert sind, wen sie eigentlich betreffen und welchen Hintergrund diese Gesetzesverschärfungen haben. Indem man ausschließlich die (subjektive) Sicht der Betroffenen wiedergibt vermittelt man dem Leser ein verzerrtes Bild mit einer gewünschten Tendenz. Genausogut könnte man das Schicksal eines verzweifelten afrikanischen Flüchtlings in Deutschland beleuchten, der nachdem er den Horrortripp über das Mittelmehr geschafft hat, nun wieder abgeschoben wird, da er aus einem "sicheren Herkunftsland" kam. Möglichst objektive, sachliche Berichterstattung sieht einfach anders aus.
tulius-rex 14.03.2017
5. Arbeitsplätze schaffen
So kann man natürlich auch Arbeitsplätze schaffen: die vielen mexikanischen Schwarzarbeiter, die wohlgemerkt alle jahrzehntelang bei amerikanischen "Patrioten" steuersparend gearbeitet haben, über die Grenze zurück verfrachten und diese durch arbeitslose Autoworker aus Chikago (4.000 km entfernt) zu ersetzen. Intelligente Lösung. Trump-like.
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