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Trump vor den Midterm-Wahlen Die Kampfmaschine

Donald Trump will es allen zeigen: Mit einer Serie von Blitz-Kundgebungen peitscht er kurz vor den Kongresswahlen seine Basis auf. Doch er bereitet sich auch auf eine mögliche Niederlage vor.

Da schwebt er ein, in der Air Force One. Das Flugzeug des Präsidenten landet in Pensacola an Floridas Golfküste. In einem Hangar wartet schon die Menge. Aus den Lautsprechern dröhnt Tina Turner: "Simply the best." Die Amerika-Fahne weht im Wind.

Donald Trump im Wahlkampf, das ist die perfekte Show und viel Präsidenten-Kitsch. Das Flugzeug stoppt vor dem Hangar, Trump steigt die Gangway hinab, winkt. Seine Fans rufen "USA, USA." Vorne wird eine Frau ohnmächtig. Eltern halten ihre Kinder in die Höhe, so als erwarteten sie den Segen des Herrn. Ein Alter winkt mit seiner Krücke. Trump ruft: "Ich liebe Florida."

Pensacola ist Trumps 54. Kundgebung in diesem Wahlkampf, die zweite an diesem Tag. Gerade war er in Montana, drei Flugstunden entfernt. Davor in West Virginia. Später geht es weiter nach Ohio, Indiana, Tennessee. Schon am Dienstag wählt Amerika einen neuen Kongress, und Trump versucht noch auf den letzten Metern, alle Kräfte zu mobilisieren. Seine Wähler, seine Fans sollen ihn wieder zum Triumph führen. So wie bei der Wahl 2016. Er hängt sich rein. Aber kann er eine Niederlage seiner Republikaner noch abwenden?

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Fotostrecke: Trump in Florida

Foto: Butch Dill/ dpa

"Die Demokraten wollen unser Land zerstören"

Trumps Blitzkampagne wirkt fast schon ein wenig wie eine Verzweiflungstat. Nachdem der Präsident und seine Partei nach dem Streit um den Richterkandidaten Brett Kavanaugh zwischenzeitlich in den Umfragen einen Aufschwung erleben konnten, stehen sie nun erneut unter Druck. Viele der letzten Befragungen zeigen, dass die Demokraten am Dienstag mehr als die 23 Sitze erreichen könnten, die sie bräuchten, um das Repräsentantenhaus zu erobern. Auch wenn die Republikaner ihre Mehrheit im Senat behalten können, wäre das für Trump zweifellos eine bittere Niederlage.

Noch ist es aber nicht so weit - und solange nichts entschieden ist, lässt Trump nicht locker. Im Wahlkampf ist er ganz er selbst. Er liebt den Applaus der Massen, den Jubel. Er braucht ganz offensichtlich die Bestätigung seiner Fans. Und es ist fast so, als wolle er den Sieg seiner Republikaner ganz alleine erzwingen. "Ist das schon alles? Könnt ihr mir nicht noch mehr Kundgebungen organisieren", soll er seine Mitarbeiter angeschnauzt haben.

Der Mann ernährt sich von Coca-Cola, Steaks und Eis. Er ist 72 Jahre alt. Er wirkt aber kein bisschen ausgelaugt oder kränklich. Das muss man ihm lassen. Im Flugzeug schlafe er praktisch nie, sagen seine Begleiter laut einem Bericht von "Politico". Stattdessen schaue er Fernsehen und wechsle dabei häufig die Sender, was man daran merke, dass dann alle Fernseher im Flugzeug umgeschaltet werden.

So wirkt Trump in diesen Tagen wie eine Kampfmaschine. Er will auch zeigen: Ich bin voll da. Umfragen, das weiß er aus dem letzten Wahlkampf, können falsch sein oder mindestens knapp danebenliegen. Es lohnt, bis zur letzten Minute unterwegs zu sein, gerade in Staaten mit vielen Wechselwählern, die zwischen Demokraten und Republikanern schwanken, wo vielleicht noch nichts entschieden ist, so wie Florida.

Diesen Wählern will Trump Angst einjagen: "Wenn ihr die Demokraten wählt, führen sie in Florida den Sozialismus ein", ruft er in Pensacola. Sie seien eine Partei gefährlicher Radikaler. "Sie wollen unser Land zerstören - mit der Abrissbirne."

Für Trump ist die Sache - wie so häufig - relativ einfach: Gewinnen die Republikaner die Wahlen, wird er dies als seinen persönlichen Erfolg feiern. Wenn die Wahl schiefgeht, wird er alle dafür verantwortlich machen, die Medien, seine Parteifreunde, die Demokraten, nur sich selbst dürfte er wie üblich von Kritik ausnehmen. So gesehen, ist seine Werbetour auch ein Schutz. Trump will seinen Parteifreunden bei einer Wahlschlappe sagen können: Schaut her, an meinem mangelnden Einsatz hat es nicht gelegen.

Wie geht Trump mit einer Niederlage um?

Trump wäre nicht Trump, wenn er nicht für den Fall einer Pleite vorbauen würde. Wie beiläufig beginnt er damit, die Konsequenzen einer möglichen Schlappe kleinzureden. Während die meisten Beobachter in Washington davon ausgehen, dass der Präsident mit einem demokratischen Kongress kaum noch eins seiner Vorhaben wird durchsetzen können, tut Trump schon jetzt so, als wäre ein Sieg der Opposition halb so wild. "Wisst ihr, was ich dann mache?", rief er seinen Anhängern am vergangenen Freitag in West Virginia zu. "Ich komme schon damit klar. Macht euch keine Sorgen."

Normalerweise würde man annehmen, dass Trump bei einer Niederlage seinen Stil ändert, dass er dann kompromissbereiter wäre, versöhnlicher. Aber so tickt Trump nicht: Wahrscheinlicher ist, dass ihn eine Pleite bei den Midterms nur noch wütender, noch aggressiver macht. Statt rhetorisch abzurüsten, könnte er eher eine Schippe drauflegen und noch schriller, noch populistischer auftreten.

Trumpismus, das ist ein System, das nur die Eskalation kennt. Es ist ja nicht so, dass Trump nicht auch schon Niederlagen erlitten hätte. In den vergangenen Monaten mussten die Republikaner bereits bei einer ganzen Serie von Nachwahlen herbe Rückschläge einstecken. In Virginia, in der Republikaner-Hochburg Alabama, wo Trumps Kandidat, der Rechtsaußen Roy Moore, scheiterte. Viele Wähler wendeten sich ab, weil sie Trumps spalterische Politik ablehnten. Aber auch danach hat Trump seinen Kurs nicht geändert. Stattdessen: Noch mehr Attacken, noch mehr Halbwahrheiten, Lügen, noch mehr Sprüche gegen Migranten aus Lateinamerika.

Ohnehin ist in Pensacola zu spüren, dass Trump und seine Strategen mit ihren Gedanken schon ganz woanders sind. Die Midterms sind für sie nur ein Zwischenereignis auf dem Weg zum eigentlichen Ziel, der Präsidentschaftswahl in zwei Jahren. Da steht der Präsident dann selbst auf dem Wahlzettel. Da geht es um ihn ganz persönlich, nicht um Senatoren oder Kongressabgeordnete seiner Partei, die er zum großen Teil sowieso kaum kennt.

Etliche Plakate und T-Shirts, die in Pensacola von Trump-Fans getragen werden, zeigen bereits das Logo für den Wahlkampf 2020. Auch Trump selbst spricht bei seinem Auftritt mehrfach über die Präsidentenwahl. Er freue sich schon auf die TV-Duelle bei der Wahl gegen den Kandidaten oder die Kandidatin der Demokraten, ruft er. "Das wird ja dann sicherlich ein Radikaler sein. Das wird ein Spaß."

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