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24. September 2018, 12:16 Uhr

Uno-Generaldebatte

Weltgemeinschaft fürchtet den nächsten Trump-Affront

Von , New York

In New York beginnt die Uno-Generaldebatte. Im Mittelpunkt: US-Präsident Trump, der dort im vergangenen Jahr mit seiner "America first"-Doktrin schockte. Diesmal könnte er sogar noch unbeherrschter auftreten.

Der Werbespot wirkt, als ginge es um die TV-Serie "Homeland". Zu dramatisch-düsterer Musik flackern hektische Szenen über den Bildschirm: Flüchtlinge, Helikopter, rennende Soldaten. "Schauen Sie zu", ist da zu lesen, "wie Geschichte geschrieben wird."

Doch hier geht es nicht um das Schicksal der fiktiven CIA-Agentin Carrie Mathison. Das einminütige Video, produziert von der PR-Abteilung der Vereinten Nationen, wirbt vielmehr für die Uno-Generaldebatte - als sei das Gipfeltreffen von mehr als 190 Staats- und Regierungschefs, das diese Woche in New York beginnt, ein TV-Krimi.

Nicht von ungefähr. Selbst die ehrpusselige Uno weiß, dass ihre früher so dröge Jahreshauptversammlung zum globalen Quotenrenner werden könnte - dank eines Mannes, der in dem Werbespot freilich nicht vorkommt: Donald Trump. Denn egal, was sie in der Uno-Zentrale am East River sonst noch debattieren: Alle Aufmerksamkeit gilt wieder mal dem US-Präsidenten.

Am Dienstag hält Trump seine obligatorische Plenarrede, am Mittwoch leitet er zum ersten Mal eine Sitzung des Uno-Sicherheitsrats - normalerweise eine protokollarisch strikt geregelte Übung. "Was kann da schon schiefgehen?", seufzt ein Uno-Mitarbeiter.

Schon bei seinem Antrittsbesuch im vergangenen September schockierte Trump: Er brach alle Tabus und Traditionen, indem er den nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un vom Rednerpult herab als "Rocket Man" verspottete und den herausgeputzten Uno-Gästen seine "America first"-Doktrin entgegenschmetterte.

Trumps Basis war begeistert. Der Rest der Welt weniger.

Seither haben sich die Gemüter etwas beruhigt. Aber nur, weil alle resigniert wissen, was sie erwartet. Trump ist sogar noch unbeherrschter geworden und hat die USA seit jenem Uno-Auftritt 2017 weltweit isoliert. Er hat sein Versprechen erfüllt - oder seine Drohung, wie man's nimmt.

Er sabotierte die jüngsten Nato- und G7-Gipfel. Er räumte Amerikas Sitz im Uno-Menschenrechtsrat und an der Unesco, kündigte die US-Beteiligung am Pariser Klimapakt und am Atomabkommen mit Iran auf und drosselte Washingtons Uno-Beiträge. Er feuerte die letzten Internationalisten in seinem Kabinett, allen voran Außenminister Rex Tillerson, und ersetzte sie durch Hardliner wie Tillersons Nachfolger, Ex-CIA-Chef Mike Pompeo, und Sicherheitsberater John Bolton.

Gerade Bolton ist ein Affront für die Uno: Als einer der damals verhasstesten US-Botschafter bei den Vereinten Nationen erklärte er den Staatenbund schon vor 13 Jahren für obsolet.

Dass Amerika sich global so zurückziehe, sei gefährlich und "keine Art, die Probleme der Welt zu lösen", klagte Uno-Generalsekretär António Guterres jetzt in einem Interview mit dem Magazin "The Atlantic". Trotzdem müsse man sich mit Trump arrangieren, indem man Gemeinsamkeiten suche statt Konfrontation.

Nicht alle sehen das so. Mit seinem "engstirnigen Nationalismus" habe Trump "die globale Führungsrolle" der USA aufgegeben, kritisiert Stewart Patrick vom Council on Foreign Relations, der unter George W. Bush im Außenministerium arbeitete. Es gebe deshalb "wenig Anlass für andere Länder, sich amerikanischen Belangen anzuschließen". Trump werde diesmal auf "ein skeptischeres Publikum" treffen.

Dem stellt sich Trump zuerst an diesem Montag, 24 Stunden vor dem Auftakt der Generaldebatte: Da leitet er eine Uno-Runde zum Drogenproblem. Ebenfalls schon am Montag steht sein wichtigstes Gespräch am Rande der Vollversammlung an - mit Südkoreas Präsident Moon Jae In. Das Verhältnis der beiden ist neuerdings angespannt.

Moon traf sich gerade erst in Pjöngjang mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim, um die Atomverhandlungen wieder in Gang zu bekommen. Hier kollidieren Trumps Tweets sowohl mit der politischen Realität als auch mit der Diplomatie seiner eigenen Leute - und belasten nun eben auch die Beziehungen der USA zu Südkorea. Dennoch wird bereits ernsthaft ein zweiter Gipfel von Trump und Kim erwogen. Gerüchte, Kim wolle dazu diese Woche nach New York kommen, bleiben jedoch erst mal - Gerüchte.

In den Mittelpunkt seiner Rede am Dienstag wolle Trump seine eigenen "Erfolge" sowie "Amerikas Souveränität" stellen, so Uno-Botschafterin Nikki Haley. Das überrascht längst keinen mehr. Spannender wird also eher die Sicherheitsratssitzung am Mittwoch, zu der Trump erstmals an dem berühmten runden Tisch Platz nehmen wird, um die mehrstündige Debatte zu leiten, zumindest anfangs.

Diese Debatte hatte zunächst nur einen Tagesordnungspunkt: Iran. Doch EU-Diplomaten befürchteten eine Konfrontation über den Atomdeal, den sie - im Gegensatz zu Trump - weiter einhalten und damit US-Sanktionen riskieren. Deshalb soll es nun nicht mehr nur um Iran gehen, sondern allgemeiner um alle Massenvernichtungswaffen.

Trotzdem fürchten selbst Trumps Berater, dass er die Sitzung ähnlich inszeniert wie früher die pompösen Auftritte in seiner Realityshow "The Apprentice". Deren Slogan ist bis heute sein Lieblingssatz: "You're fired!"

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