Clinton vs. Trump Drei Szenarien für die Wahlnacht

Die USA wählen und Hillary Clinton kann auf den Sieg hoffen. Oder? Die Nacht kann lang und dramatisch werden, kurz und schmerzlos - oder irgendwas dazwischen. Drei Szenarien.

Wahlvorbereitungen in New York
AFP

Wahlvorbereitungen in New York

Von und , New York


"It ain't over till the fat lady sings", lautet ein beliebtes US-Sprichwort: Es ist erst vorbei, wenn die fette Dame singt. Inspiriert von den Opern Richard Wagners und ihren Walküren, ist es eine Warnung an alle, die zu wissen glauben, wie etwas endet.

Am Abend wird in den USA gewählt. Und gibt es eine Tendenz? Nach der politischen Achterbahnfahrt der vergangenen Wochen scheint Hillary Clinton wieder gute Aussichten zu haben auf den Wahlsieg. Die meisten Umfragen und Datenmodelle sehen die Demokratin landesweit durchschnittlich zwei bis drei Prozentpunkte vor Donald Trump - nicht genug, um die statistische Fehlertoleranz vernachlässigen zu können.

Video: Hillary oder doch Trump?

Noch komplizierter ist es in den wenigen Swing States, in denen mal Clinton, mal Trump knapp vorne liegt oder beide praktisch gleichauf sind, wie etwa in North Carolina. Die unerwartet hohe Wahlbeteiligung von Latinos im early voting gibt Clinton Mut. Die oft unterschätzte Wählergruppe der Weißen ohne Collegeabschluss lässt Trump auf eine späte Überraschung am Wahlabend hoffen.

In diesem unberechenbaren Klima sind drei Szenarien am wahrscheinlichsten. Erstens: Clinton gewinnt knapp. Zweitens: Sie schafft doch noch einen Erdrutschsieg. Drittens: Trump setzt sich durch.

1. Lange Nacht: Clinton siegt knapp

Sollte es knapp werden, dann könnte es etwas länger dauern, bis die amtlichen Endergebnisse in Swing States wie North Carolina oder Florida Clinton so gerade noch über die Schwelle von 270 Wahlleuten tragen. Womöglich müsste man sogar warten, bis auch die Ergebnisse in westlicheren US-Bundesstaaten ausgezählt sind. Aber selbst dann wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Trump das Ergebnis nicht anerkennt: Ein knappes Ergebnis würde wohl seine Verschwörungstheorien blühen lassen. Er könnte die Auszählung in bestimmten Wahlkreisen, die einen ganzen Staat in die eine oder andere Richtung wenden, anfechten und könnte noch laufende Auszählungen gerichtlich stoppen lassen oder Nachzählungen per Hand fordern.

Im Ernstfall stünde das Land vor einer wochenlangen Hängepartie. Ein knappes Ergebnis könnte die Republikaner hoffen lassen, zumindest die Mehrheit in Senat und Abgeordnetenhaus behalten zu können und so Clintons Präsidentschaft vom Start weg zu sabotieren. Trotzdem kämen auch auf die Republikaner stürmische Zeiten zu: Trump dürfte die Führung der Partei für die Niederlage verantwortlich machen und versuchen, den Oppositionskurs mitzubestimmen.

2. Clinton siegt souverän

Es könnte aber auch alles viel schneller gehen. Vorstellbar ist zum Beispiel, dass Clinton aufgrund der massiven Mobilisierung unter Frauen und Latino-Wählern recht früh als Siegerin in Florida und North Carolina feststeht. Dann könnte sie auf einen Erfolg zusteuern, wie er Barack Obama 2012 gelang. Ein paar Staaten im Mittleren Westen würden genügen, um am Ende deutlich über 300 Wahlleuten zu liegen und souverän ins Weiße Haus einzuziehen. Die Demokraten dürften den Sieg als Triumph über die Demagogie verkaufen und womöglich würde Clintons starkes Ergebnis auch die Mehrheiten im Kongress zugunsten ihrer Partei verändern.

Trump würde eine deutliche Niederlage jedenfalls erschweren, das Ergebnis anzufechten und die Rechtmäßigkeit des Urnengangs in Frage zu stellen. Möglich, dass er es immer noch versuchen würde, aber die Führung der Republikaner stünde unter Druck, das Ergebnis als legitim anzuerkennen und Trump damit faktisch allein zu lassen. Über die Zukunft der Partei würde wohl noch am Tag nach der Wahl ein harter Kampf beginnen.

3. Trump gewinnt

Es wird äußerst eng für den Milliardär, die erforderlichen 270 Wahlleute zusammenzubekommen - aber ausgeschlossen ist ein Sieg nicht. Besonders im Mittleren Westen, von Ohio über Wisconsin bis Michigan, hofft Trump darauf, enttäuschte Demokraten auf seine Seite ziehen und so die Wahl noch drehen zu können. Da das Ergebnis wohl knapp wäre, würde der finale Ausgang länger auf sich warten lassen, also kaum vor der Verkündung der Ergebnisse in den westlichen Bundesstaaten feststehen.

Im Falle eines Trump-Siegs bliebe mit ziemlicher Sicherheit auch der Kongress in republikanischer Hand, was dem Milliardär viel Spielraum verschaffen würde, seine rigorosen Pläne in der Innen- und Außenpolitik umzusetzen. Offen wäre, wie Trump nach einem Wahlsieg mit seinen innerparteilichen Widersachern umginge. Ebenso unkalkulierbar wäre, ob er seine Drohung wahrmachen würde, Hillary Clinton juristisch verfolgen zu lassen.



insgesamt 77 Beiträge
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romeov 08.11.2016
1. ...und jetzt?
genau das höre und sehe ich bereits mehrere Wochen im Fernsehen, auf SPON und im Radio. Ich bin froh, wenn die Wahl vorüber ist. Es ist schon eigentümlich, auf welch missionarische Weise, wir Deutschen uns um Themen kümmern, die wir eh nicht beeinflussen können.
tmhamacher1 08.11.2016
2. Das wird knapp...
So, wie es aussieht, hängt es an Wisconsin, Ohio und Florida! Es ist nicht angenehm, dass die internationale Politik der kommenden Jahren an diesen 3 US-amerikanischen Bundesstaaten hängt, die entweder ziemlich hinterwäldlerisch wie Wisconsin, wirtschaftlich belastet wie Ohio oder heterogen wie Florida sind. Hoffen wir auf das Beste für heute Abend.
doubletrouble2 08.11.2016
3. Die Wut entscheidet.
The Donald hat es sich mit Frauen und mit Latinos verscherzt. Um diesen Nachteil auszugleichen, benötigt er viele weiße Männer, die tatsächlich zur Wahl gehen. Die Wut ist ihr Antrieb und Clinton steht für alles, was sie nicht mögen an der US - Gesellschaft. Darum wird diese Wahl vom stärkeren Aggressionspotenzial entschieden. Das könnte Trump nützen und zeigt die ganze Zerrissenheit dieser Nation.
olli08 08.11.2016
4. Offen ...
... ist auch noch, ob im Falle eines Trump-Sieges, ihm wirklich alle Republikaner im Kongress wie die Schafe folgen würden. Vielleicht könnte es besser sein, es sich mit Trump zu verderben um sich als aufrechter Republikaner für die Zeit nach Trump in Stellung zu bringen.
INGXXL 08.11.2016
5. #1
1. Es zwingt sie keiner die Berichte zur US Wahl zu lesen 2. Wir können zwar nicht entscheiden aber die ganze Welt ist betroffen wenn ein Präsident gewählt wird der wenig Hemmungen hat Atomwaffen ein zu setzen
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