Zweites TV-Duell gegen Clinton Trumps Psychokrieg

Das zweite Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump war zeitweise abscheulich. Nach dem Videoskandal kämpfte der Republikaner um seine Präsidentschaftskandidatur - mit rüden Mitteln.

AP

Aus St. Louis, Missouri, berichten und


Von der ersten Minute an ist klar: Das wird hart. Hillary Clinton und Donald Trump treten auf die Bühne, sie kommen aus entgegengesetzten Ecken, schreiten zögerlich und steif aufeinander zu. "Hello, hello", murmelt Clinton. Dann bleiben sie beide stehen, wie angewurzelt, ein paar Meter von einander entfernt. Kein Gruß, kein Handschlag, nichts. Sie schauen sich nicht mal an - siehe Video:

Und so geht es weiter, mehr als 90 Minuten lang. Bitter beharken sich die demokratische Präsidentschaftskandidatin und ihr republikanischer Rivale, dem seine Partei trotz seines jüngsten Skandals das Mandat noch nicht entzogen hat. Immer wieder unterbrechen, korrigieren und beleidigen sie einander, verbergen ihre Verachtung für den Widersacher nicht, wenden alle Künste der politischen Körpersprache an. Ein Tiefpunkt des Wahlkampfs.

Amerikas zweite TV-Debatte ist Psychokrieg. Kein Wunder: Trumps Wahlkampf hat durch das zwei Tage zuvor lancierte Skandalvideo, auf dem er mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlt, schweren Schaden erlitten. Sachthemen treten in den Hintergrund, stattdessen starren alle auf die Frage: Wird er sich mit diesem Duell doch noch retten können? Und wie?

Wie reagierte Trump auf den Videoskandal?

Trump macht schon vorher deutlich, wie er sich aus der Affären ziehen will - mit totalem Angriff. Kurz vor der Debatte erscheint er mit drei Frauen vor der Presse, die Bill Clinton vor langer Zeit der sexuellen Belästigung oder sogar Vergewaltigung beschuldigt haben. Eine vierte anwesende Frau wurde 1975 vergewaltigt, Hillary Clinton war Anwältin des Täters. Ein Schlag unter die Gürtellinie. Während der Debatte dauert es nicht mal eine Viertelstunde, bis er Bill Clintons Vergangenheit aufbringt: "In der Geschichte der Politik gab es keinen, der Frauen so missbraucht hat." Seine eigenen, an die Grenze der Gewalt gehenden Äußerungen über Frauen tut er erneut als "Umkleidekabinen-Gerede" ab, entschuldigt sich - zum ersten Mal - bei seiner Familie und behauptet: "Niemand respektiert Frauen mehr als ich." Hier das Video:

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Wie gab sich Trump auf der Bühne?

Trumps Kalkül: 90 Minuten Verunsicherung. Er tigert umher, steht immer wieder bedrohlich hinter Clinton, macht Grimassen, grinst, schnaubt, zieht immer wieder laut die Nase hoch. Clinton attackiert er zeitweise brutal: "Sie hat enormen Hass im Herzen." Psychokrieg pur. Immer wieder unterbricht er Clinton - und beschwert sich, dass er selbst unterbrochen werde. Clinton dürfe ihre Redezeit überziehen ("um 25 Sekunden!"). Seine Antworten sind meist fahrig, oft zusammenhanglos und unverständlich. Als Clinton sagt, dass Trump zum Glück nicht fürs US-Justizwesen zuständig sei, antwortete er: "Weil du dann im Gefängnis wärst." Das Publikum, das die Fragen stellt, ignoriert er dagegen weitgehend:

Wo konnte Trump punkten?

Bei den Inhalten, jedenfalls indirekt. Trump hat zwar - wie üblich - große Probleme, seine Pläne zu erläutern und bombardiert die Zuschauer mit endlosen Unwahrheiten, darunter der Behauptung, er sei vor Beginn des Irakkriegs gegen den Einmarsch gewesen. Aber was er schafft: Er lenkt den Fokus regelmäßig auf Felder, auf denen die Demokratin nicht gut aussieht. Ihre E-Mail-Affäre. Ihre Abhängigkeit von reichen Spendern. Ihre Zeit als Außenministerin ("ein Desaster"). Trump macht sie sogar für den Aufstieg der Terrormiliz IS verantwortlich: "Herzlichen Glückwunsch, Hillary, tolle Arbeit." Bemerkenswert auch, dass er sich klar von seinem Vize Mike Pence distanziert, der sich kürzlich in harschen Tönen zu Russland geäußert hatte. "Wir haben nicht gesprochen, und ich stimme dem nicht zu", sagt Trump zum Erstaunen des Publikums.

Wie schlug sich Clinton?

Clinton ist längst nicht so souverän wie bei der ersten TV-Debatte. Sie lässt sich auffallend häufig in die Defensive drängen und ist von Trumps animalischer Aggressivität an einem Punkt so genervt, dass sie sich zu der schnippischen Bemerkungen hinreißen lässt, er trete nur deshalb so radikal auf, weil seine Kampagne "explodiert". Anders als vor zwei Wochen bleiben wenige denkwürdige Momente von ihr hängen. Inhaltlich leistet sie sich freilich keine Fehler. In der Artikulierung konkreter Vorhaben liegen zwischen ihr und Trump abermals Welten, aber die Tatsache, dass er hin und wieder einen Treffer landet, lässt Trump zumindest nicht als klaren Verlierer dastehen. Auch bei der Schlussfrage, was sie Positives über ihren Rivalen zu sagen habe, tut sich Clinton sichtlich schwer. Sie zollt seinen Kindern Respekt, ein indirektes, müßiges und wenig einfallsreiches Kompliment. Hier ist die Szene:

REUTERS

Und was heißt das jetzt alles?

Gut für Trump: Er ist nicht völlig implodiert. Allein das dürfte seine Kampagne ein Stück weit stabilisieren und verhindern, dass ihm in den kommenden Tagen weitere Vertreter seiner Partei den Rücken kehren. Aber: Seine größte Schwäche - sein Temperament - steht erneut voll im Mittelpunkt. Er schmeißt mit Schmutz, instrumentalisiert Opfer sexueller Belästigung für seine Zwecke, gibt sich aggressiv und laut. Die Frage, wie er mit dieser Art Unentschlossene davon überzeugen will, den richtigen Charakter für das Weiße Haus zu haben, bleibt die Kernfrage. Gut für Clinton: Das Duell wird die Dynamik des Wahlkampfs nicht fundamental verändern - sie bleibt die Favoritin auf den Wahlsieg.

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Clinton oder Trump

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insgesamt 155 Beiträge
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brahka 10.10.2016
1. Satt
Das ein Kandidat wie Trump soweit kommen konnte, lässt einen doch erstaunen. Ihm scheint es in erster Linie nicht um das Land und sein Volk zu gehen, sondern es geht vielmehr darum, seine Profilierungsneurosen auszuleben. Und dem Volke scheint es mehr um die große Show zu gehen, als einen würdigen Landesrepräsentant zu finden. Traurig, traurig! Wobei wir, die guten Deutschen dürfen da garnicht mit Finger über den großen Teich zeigen. Wir haben dafür unsere AfD, die mit ihrer Polemik auch nicht viel besser ist - die Gründe für den Erfolg mögen andere sein ( Angst vom fetten Kuchen einen Krümel abgeben zu müssen?)... wie dem auch sei, ich habe es satt, mich mit solchen niederen Geistern abgeben zu müssen...
bwk 10.10.2016
2. Clinton und Trump
Es ist abstoßend und erbärmlich, was Beide in diesem Wahlkampf den US-Wählern und der Welt anbieten. Amerika ist auf dem Einstieg in den Abstieg. So kann man dem Anspruch auf Führung der freien Welt nicht gerecht werden. Es wird Zeit, dass wir auf Abstand gehen.
Proggy 10.10.2016
3. Beide ungeeignet für das Amt
Clinton-Lager eröffnet die Schlammschlacht mit alten sexistischen Trump Videos : Trump wird (zurecht) in zahlreichen Artikeln mit seinen dummdreisten Sprüchen vorgeführt. Kein Wort aber über das Clinton-Lager, das diese Video-Schnipsel zum dreckigen Wahlkampfthema macht. Trump wirft mit dem gleichen Dreck zurück - schon sind die Medien empört über den bösen Trump, der solche sexistischen Verfehlungen der Clintons im Wahlkampf verwendet. Ziemlich gewollt einseitig, diese Berichterstattung. Dabei wäre es so einfach, relativ neutral festzustellen, dass weder Clinton, noch Trump für das Amt des Präsidenten der USA geeignet sind.
Pixopax 10.10.2016
4. Das amerikanische Wahlsystem ist am Ende angekommen
Die Parteien täten gut daran in Konsens eine Reform des Wahlsystems anzugehen. Das jetzige System, wo der Präsidentenkandidat möglichst viel "Spenden" einsammeln muss um bestehen zu können, ich ein Zwang zur Korruption. Außerdem kommen so nur sehr wohlhabende Leute in dieses Amt. Man sollte jedem Kandidaten staatliche Gelder zur Verfügung stellen mit dem er dann auskommen muss, und ein Spendenverbot verhängen. Nur so bekommt man einen unabhängigen Präsidenten aus dem Volk, keinen rücksichtslosen Milliardär, und auch kein Schoßhündchen der Großbanken.
motzki687 10.10.2016
5. Manipulative Grafik
Um Abstände zu verstärken nimmt man nur eine kleine Bandbreite um einen Unterschied zu verstärken. Bei einer 100 % Darstellung würde sich optisch eine Pattsituation ergeben. Aber das würde wiederum nicht mehr den Ausführungen unserer überparteilichen Medien entsprechen und man macht es so mal wieder passend..
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