Trump und Putin Moskaus neue Milde

Ein Neuanfang in den russisch-amerikanischen Beziehungen? Daran glaubt anscheinend selbst Donald Trump nicht. Moskau sei für die Hackerangriffe in den USA verantwortlich, sagt er. Russland reagiert auffallend gelassen.

Plakat mit Donald Trump und Wladimir Putin in Danilovgrad, Montenegro
REUTERS

Plakat mit Donald Trump und Wladimir Putin in Danilovgrad, Montenegro

Von , Moskau


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Man kommt in diesen Tagen schon einmal durcheinander: Spricht da der Kreml oder der designierte US-Präsident Donald Trump?

Der Republikaner hat Russlands angebliches Erpressungsdossier über ihn unter anderem als "politische Hexenjagd" bezeichnet. Eine Formulierung, die drei Tage zuvor Kreml-Sprecher Dimitrij Peskow benutzte ("Das erinnert wirklich an eine Hexenjagd"), als er den US-Geheimdienstbericht zurückwies. Dieser bezichtigt die Regierung in Moskau, Drahtzieher der Hackerangriffe während des US-Wahlkampfs gewesen zu sein. Peskow machte sich damit die Wortwahl zu eigen, die Trump bereits am 6. Januar gewählt hatte.

Auch die erste Pressekonferenz von Trump kommentierte der Kreml milde. Moskau hoffe wirklich, dass die Präsidenten miteinander auskommen werden, sagte Peskow am Donnerstag. Die Hacking-Vorwürfe bezeichnete er erneut als "Quatsch" und sprach von "Hysterie". Russland warte nun, bis sich der Anfall lege.

Das klang sehr versöhnlich.

Trump hatte am Mittwoch erstmals erklärt, hinter den Hackerangriffen stecke Russland (Lesen Sie hier mehr zu den Details). Dies hatte er zwar in seiner typischen Art umgehend wieder eingeschränkt und gesagt: "Ich glaube, es war Russland". Später ergänzte er: "Wissen Sie was? Es könnten auch andere gewesen sein."

Dennoch hatte Trump endlich ausgesprochen, was viele in den USA über die Hackerangriffe denken: Dass hinter so massiven Angriffen staatliche Akteure stehen und dass vor allem Russland ein Interesse hatte, in den US-Wahlkampf einzugreifen.

Donald Trump
AFP

Donald Trump

Allerdings bekamen die russischen Zuschauer in den Abendnachrichten der Kreml-Sender Perweij Kanal und Rossija 1 Trumps ersten Satz zu Russland am Mittwoch nicht zu sehen. Die TV-Stationen präsentierten nur den zweiten Satz. Sie bemühen sich seit Monaten, ein positives Bild von Trump zu zeichnen:

  • Trump werde die Beziehungen zu Moskau verbessern und lobe Putin. "Ich wusste schon immer, dass er sehr schlau ist", hatte Trump gesagt, nachdem Putin Ende Dezember auf Gegenmaßnahmen auf die US-Strafen, 35 US-Diplomaten des Landes zu verweisen, verzichtete.
  • Trump gehöre nicht dem politischen Establishment an, sondern sei ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sage, was er denke.

Dass Trump auch erklärt hat, dass es aus seiner Sicht keinen "Reset-Knopf" in den russisch-amerikanischen Beziehungen gebe, wird allenfalls am Rande erwähnt. Hämisch begleiten die Staatsmedien dagegen die letzten Tage von Barack Obama: Obamacare funktioniere nicht, und in Syrien habe Obama versagt - im Gegensatz zu Putin, der die Wende in dem Kriegsland gebracht habe.

Kritische Töne der neuen Administration in Washington lässt der Kreml abtropfen. So reagierte Peskow mit großer Zurückhaltung auf die Äußerungen des künftigen US-Außenministers Rex Tillerson. Als Ölmanager hatte dieser zu Igor Setschin, Chef des staatlichen Ölriesen Rosneft, und Putin jahrelang enge Beziehungen gepflegt. Nun gab sich Tillerson in seiner neuen Rolle als Politiker vor dem Auswärtigen Ausschuss des US-Kongresses ungewohnt kritisch: Russland habe keinen "legalen Anspruch auf die Krim", sagte er. Kreml-Sprecher Peskow entgegnete lediglich, Moskau sei mit Tillersons Äußerungen nicht einverstanden.

Eigentlich ist die russische Außenpolitik gegenüber den USA von einer aggressiven Rhetorik geprägt: Egal, was Washington macht, die Antwort folgt prompt. Das gilt mittlerweile nur noch für Obama und Trumps Gegner.

Trump selbst will die russische Führung nicht weiter in Bedrängnis bringen. Der künftige US-Präsident stehe "ungeheuer unter Druck der Gegner einer Verbesserung der Beziehungen mit Russland", kommentierte Konstantin Kossatschow, Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat, in der Tageszeitung "Iswestija". In nationalen Kreisen ist gar die Rede von einem "Informationskrieg" gegen Trump.

Raum für Spekulationen

Den Kreml versetzt das in die komfortable Lage, sich zurückzulehnen und die zum Teil sehr emotionale Diskussion in den USA zu verfolgen, wo sich die Gräben zwischen den Demokraten und Republikaner vertiefen.

Das liegt auch an Trump, der offen lässt, wie intensiv seine Beziehungen zu Russland waren und sind. Bis heute ist zum Beispiel nicht klar, wie oft er wirklich in Russland war. Jahrelang soll er angeblich versucht haben, in den russischen Immobilienmarkt einzusteigen. Warum er keinen Erfolg hatte, ist unbekannt.

Das lässt Raum für Spekulationen, wie nun die Veröffentlichung des Dossiers eines britischen Ex-Agenten über Trumps Beziehungen zu Russland zeigt (Lesen Sie hier mehr). Demzufolge soll sich Trump unter anderem durch angebliche sexuelle Eskapaden in einem Moskauer Hotel erpressbar gemacht und sich eng mit dem Kreml über den US-Wahlkampf abgestimmt haben. Der Bericht ist nicht verifiziert und wird von Trump bestritten (Lesen Sie hier mehr).

Dennoch wurde das Gerücht umgehend zum Top-Thema, nicht zuletzt, weil "Kompromate" in Russland eine lange Tradition haben. Damit ist kompromittierendes Material gegen eine Person gemeint, das von Geheimdiensten oder anderen erstellt wird, um es für Erpressungen zu nutzen. Sexaufnahmen wurden nicht nur veröffentlicht, um Oppositionspolitiker wie Michail Kasjanow im vergangenen Jahr zu diffamieren. Auch Ausländer traf es: 2009 etwa den britischen Vize-Generalkonsul in Jekaterinburg und einen US-Diplomaten in Moskau.

Die Spekulationen drohen das Verhältnis zwischen Putin und Trump zu belasten, bevor sie sich zum ersten Mal getroffen haben. Doch scheinen beide Seiten entschlossen, sich nicht provozieren zu lassen.

Sehen Sie hier das Video zur Pressekonferenz von Trump:


Zusammengefasst: Auf Donald Trumps Pressekonferenz reagiert der Kreml gelassen. Dabei hatte der designierte US-Präsident erstmals Moskau für die Hackerangriffe verantwortlich gemacht und sich recht zurückhaltend zu den künftigen amerikanisch-russischen Beziehungen geäußert. Doch der Kreml will Trump nicht weiter unter Druck setzen. Der steht wegen seiner Verbindungen zu Russland in der Dauerkritik.

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