Gefahr eines Militärschlags im Nahen Osten Was Trump von einem Krieg abhält

US-Präsident Trump agiert auch nach drei Jahren im Amt wie ein politischer Laie - und entscheidet so, wie es für Donald Trump am besten ist. Genau das verringert momentan die Kriegsgefahr im Nahen Osten. Noch.

US-Präsident Trump: Herr über Krieg und Frieden
JIM LO SCALZO/EPA-EFE/REX

US-Präsident Trump: Herr über Krieg und Frieden

Eine Analyse von , Washington


Fassen wir einmal kurz zusammen: Ein Immobilienhändler und Hotelbesitzer, der in seinem Leben vermutlich noch kein Buch über Außenpolitik gelesen hat und der mit Sicherheit Probleme hätte, den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten zu erklären, regiert die USA, das mächtigste Land der Erde: Donald Trump.

Ihm gegenüber stehen Fanatiker und Militaristen, die in den vergangenen 40 Jahren morgens, mittags und abends nur eine Parole gehört haben, nämlich dass Amerika der Todfeind sei: die iranischen Mullahs.

Dazwischen: Ein 34 Jahre alter Erb- und Öl-Prinz, der den Ehrgeiz hat, sein Land zu neuer Größe zu führen, und der mutmaßlich keine Skrupel kennt, jede Art von Widerstand mit der Knochensäge zerkleinern zu lassen: Mohammed bin Salman von Saudi-Arabien.

So ist die Lage. Wer kann da noch ruhig schlafen?

Eben: Es ist eine gefährliche Mischung aus Inkompetenz, Hybris und Fanatismus, die derzeit im Nahen Osten angerührt wird. Tatsächlich könnte die Welt nur noch einen Tweet von der nächsten großen Kriegskatastrophe entfernt sein. Eine Kettenreaktion ist denkbar: Nach der Attacke auf saudi-arabische Ölfelder greift Saudi-Arabien den Erzrivalen Iran an, Iran schlägt zurück, die USA eilen den Verbündeten in Riad zur Hilfe, Irak wird mit in den Krieg gezogen, Israel ebenso, und schon steht eine ganze Region in Flammen.

REUTERS/Spiegel Online

Trump, der Herr über Krieg und Frieden

Kann alles passieren. Und doch auch wieder nicht. Letztlich hat es der Immobilienhändler in der Hand. Donald Trump ist der Herr über Krieg und Frieden. Und bei ihm muss man wissen: Er denkt bei allem, was er tut, vor allem erst einmal an eine Person - an Donald Trump.

Was bringt Trump ganz persönlich ein Krieg mit Iran? Nichts. Das macht einen großen Konflikt (derzeit) nicht unmöglich, aber doch eher unwahrscheinlich. Der Egoismus des Präsidenten könnte sich in diesem Fall ausnahmsweise als eine gute Sache erweisen.

Amerikas Wähler, auch Trumps Wähler, sind mehr als kriegsmüde. Viele sind es leid, dass sich die USA in Übersee engagieren, während im Land die Straßen voller Schlaglöcher sind. Mit dem Versprechen, die Einsätze der US-Soldaten in Afghanistan und Syrien zu beenden, hat Trump seinen Wahlkampf bestritten - und gewonnen. Ein erneuter Krieg würde großes Unverständnis auslösen, auch bei den eigenen Leuten.

Das weiß Trump genau, und das erklärt, warum er nach den Angriffen auf die saudi-arabischen Ölanlagen wieder einmal zaudernd wirkt: Noch am Sonntag drohte er Teheran mehr oder weniger direkt, die USA seien jederzeit bereit zurückzuschlagen. Dann spielte er den Vorfall am Montag wieder herunter. "Alles ist gut", antwortete er auf die Frage von Reportern nach dem steigenden Ölpreis. Und: Er würde einen Krieg mit Iran "gerne vermeiden".

Er hofft weiter auf den großen Deal

Trump ahnt wohl: Ein schneller militärischer Erfolg gegen Teheran, den er seinen Wählern verkaufen könnte, ist nicht garantiert. Stattdessen müssten sich die USA womöglich auf ein blutiges, langwieriges und teures Gemetzel einstellen, das an vielen Fronten geführt würde. Ein Angriff der Saudis oder Amerikaner würde die Iraner zusammenschweißen und den Widerstandswillen stärken. Und selbst bei einem begrenzten Militärschlag wäre ein rasches Einknicken Teherans an der Verhandlungsfront nicht sicher.

Trumps oberstes Ziel ist die Wiederwahl. Iran ist da letztlich zweitrangig. Allein der Wahlkampf 2020 zählt. Da kann er einen Krieg, der Tote und wirtschaftliche Probleme bringt, nicht gebrauchen. Die diplomatische Lösung ist weiterhin auch für Trump der beste Weg in dieser Krise. Er hofft auf den großen "Deal", um in Trumps Wortwahl zu bleiben.

Die Iraner wiederum wissen das genau und versuchen, den Präsidenten mit gezielten Provokationen zu Verhandlungen zu zwingen, bei denen er auch Zugeständnisse machen muss. Etwa, indem er die Sanktionen gegen das Regime lockert.

So weit, so rational. Es gibt nur eine große Unbekannte. Teheran sollte sie bei dem gefährlichen Spiel tunlichst im Blick behalten. Wenn Amerikaner durch Angriffe sterben, kann die Sache sehr schnell sehr anders aussehen. Das kann kein US-Präsident einfach so wegreden, wenn er sein Amt behalten will, auch nicht der Friedensfreund Trump. Tote US-Bürger oder Soldaten würden automatisch den alten, gelernten Reflex auslösen, vielleicht sogar bei Demokraten: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

insgesamt 131 Beiträge
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gerhard38 17.09.2019
1. Guter Artikel
Hoffentlich bestätigen sich die Annahmen und Einschätzungen von Herrn Nelles und die Welt "profitiert" von Trumps Strategie immer an sich selbst zuerst zu denken.
dilido 17.09.2019
2. "US-Präsident Trump
agiert auch nach drei Jahren im Amt wie ein politischer Laie" Es wäre wohl besser, wenn es mehr politische Laien gäbe. Dann wäre der Welt z. B. Bushs-Irak Krieg , Obamas Libyen-Krieg (Hillary: we came, we saw, we killed) und auch der Krieg in Syrien (Obama finanzierte die Revolution ab ca. 2012) erspart geblieben. erspart geblieben.
voneisenstein 17.09.2019
3. ist Trump womöglich eine Friedenstaube?
Wenn Trump zögert und die USA nicht in einen weiteren militärischen Konflikt stürzt, dann macht er es (ausnahmsweise?) richtig und hat meine Zustimmung.
sans_words 17.09.2019
4. Das Richtige tun
Donald Trump tut offensichtlich das Richtige, anscheinend jedoch aus den falschen Gründen. Ich sehe es anders. Solange Donald Trump keinen Krieg führt, tut er das Richtige und die Gründe sind egal. Ein weiteres Land im Nahen Osten zu destabilisieren, kann nicht gut sein. Für keinen der Beteiligten. Wer kann sich außerdem sicher sein, dass nicht irgendwann Russland und China die Nase voll haben von der amerikanischen Alleingängen (ohne UN-Mandat)?
rar.rar 17.09.2019
5. Frieden
Man kann nur auf eine friedliche Lösung hoffen. Jegliche andere Meinungen Halte ich persönlich für inakzeptabel. Die iranische Bevölkerung hat keinen Krieg verdient.
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