Streit über US-Metropole Was hinter Trumps Baltimore-Attacke steckt

"Von Ratten befallen." Der US-Präsident beleidigt die gesamte Bevölkerung einer US-Großstadt und zieht sich so den Zorn vieler Amerikaner zu. Doch der Angriff folgt einem Plan.

US-Präsident Donald Trump
Roberto SCHMIDT / AFP

US-Präsident Donald Trump

Von , Washington


Wer dachte, die politische Streitkultur in den USA könnte unter Präsident Donald Trump nicht noch weiter im Niveau sinken, wird jetzt eines Besseren belehrt. Mit Trumps Attacken gegen die Stadt Baltimore und den afroamerikanischen Kongressabgeordneten Elijah Cummings ist sie auf einem neuen Tiefpunkt angekommen.

Trump, der Cummings am Wochenende vorgeworfen hatte, sich nicht ausreichend um seinen "ekelhaften, von Ratten befallenen" Wahlbezirk in der Ostküstenstadt Baltimore zu kümmern, setzt offenbar gezielt darauf, den Streit mit seinen politischen Gegnern anzuheizen. Der kommende Wahlkampf, so viel steht fest, wird schmutzig - und er hat nicht einmal richtig begonnen.

Wie schon bei den Angriffen gegen vier Nachwuchspolitikerinnen um die Abgeordnete Ilhan Omar vor gut zwei Wochen gibt dabei stets Trump den Ton vor: In insgesamt einem guten Dutzend Twitter-Botschaften attackierte er Cummings mehrfach direkt. Dessen Heimatstadt Baltimore bezeichnete der Präsident als Ort, "an dem kein menschliches Wesen" leben wolle - "sehr gefährlich und ekelhaft".

Warum Baltimore?

Indem Trump Cummings attackiert, folgt er einem typischen Muster: Er versucht, einen politischen Gegner madig zu machen. Zugleich schürt er Ressentiments, die viele seiner Wähler - jenseits von Baltimore - immer noch gegen Afroamerikaner, aber auch generell gegen Großstädte an den Küsten hegen.

Der Abgeordnete Elijah Cummings zählt zu den schärfsten Trump-Kritikern
AP

Der Abgeordnete Elijah Cummings zählt zu den schärfsten Trump-Kritikern

Dazu muss man wissen: Trump wird in Baltimore kaum gewählt. Die Stadt und der umliegende Bundesstaat Maryland sind ihm politisch völlig gleichgültig. Sie sind wie viele liberale, urbane Gegenden an Ost- und Westküste Hochburgen der Demokraten. Die Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris hat in Baltimore ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Der Wahlbezirk des Abgeordneten Cummings wird zu 53 Prozent von Afroamerikanern bewohnt, die zu den wichtigsten Wählergruppen der Demokraten zählen.

Baltimore kämpft seit Jahren mit einer hohen Kriminalitätsrate, die Mordrate zählt zu den höchsten in den USA. Einerseits. Andererseits ist die Stadt aber bemüht, neue Unternehmen anzusiedeln und ihr Image aufzupolieren. Am Hafen entstanden in den vergangenen Jahren neue Stadtviertel mit modernen Wohnungen, Museen und Hotels, es gibt eines der besten Universitätskrankenhäuser des Landes und eine junge, moderne Kunstszene.

Cummings selbst ist seit 23 Jahren Mitglied im Repräsentantenhaus und gilt dort als einer der schärfsten Kritiker Trumps. Mehrfach hat er die Politik der Regierung im Umgang mit Flüchtlingen an der Grenze zu Mexiko kritisiert. Er leitete die Anhörung von Trumps früherem Anwalt und "Fixer" Michael Cohen, und er sorgte erst in der vorigen Woche für Schlagzeilen, als er von der Regierung die Herausgabe von E-Mails von Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und von Präsidententochter Ivanka verlangte.

Entsetzen, aber auch Zuspruch

Wieder einmal spaltet Trump mit seinen Ausfällen das Land. Etliche Demokraten und liberale Medien reagierten mit einer Mischung aus Abscheu und Empörung auf Trumps Tweets. Die Äußerungen des Präsidenten seien "ekelhaft und rassistisch", sagte Cummings Parteifreund Jerrold Nadler, ebenfalls Abgeordneter im Kongress. Die Lokalzeitung "Baltimore Sun" ging in ihrer Empörung über Trumps Angriffe gegen die Stadt so weit, Trump selbst mit Ungeziefer zu vergleichen: "Lieber einen Schädling in der Nachbarschaft haben, als selbst einer zu sein", kommentierte das Blatt erbost.

Derweil machten Trump-Anhänger und führende Republikaner Stimmung für ihren Präsidenten. Trumps Stabschef im Weißen Haus, Mick Mulvaney, verteidigte den Chef vehement. Was Trump über die Zustände in Baltimore sage, sei völlig gerechtfertigt. "Das hat überhaupt gar nichts mit dem Thema Rassismus zu tun", so Mulvaney.

Die Angriffe folgen einem Plan

Trump selbst wies den Rassismusvorwurf ebenfalls zurück: "Die Demokraten spielen immer die Rassismuskarte, dabei haben sie selbst so wenig für unsere großartigen afroamerikanischen Menschen getan."

Trumps Angriffe dürften in dieser Woche weiter eine wichtige Rolle spielen: Am Dienstag und Mittwoch werden die Präsidentschaftsbewerber der Demokraten in Detroit zum zweiten großen TV-Duell antreten. Mit seinen Äußerungen zu Baltimore stellt Trump sicher, dass er dort so oder so ein wichtiges Thema setzt.

Wie schon bei seinen Angriffen gegen die vier Nachwuchspolitikerinnen der Demokraten kalkuliert Trump offensichtlich darauf, so seine Anhänger zu mobilisieren. Er hofft, dass seine scharfe Rhetorik bei vielen weißen, eher ungebildeten Wählern in wichtigen Staaten wie Pennsylvania, Michigan oder Wisconsin gut ankommt.

Wenn er diese drei Staaten - neben den üblichen Republikaner-Hochburgen im Süden - erneut gewinnt, wäre seine Wiederwahl 2020 gesichert. Im US-Wahlsystem zählt bekanntlich nicht, wer insgesamt die meisten Stimmen auf sich vereint. Es geht allein darum, möglichst viele Bundesstaaten zu gewinnen, um dann die Mehrheit im Wahlleute-Gremium zu haben, das den Präsidenten bestimmt.

Da können dann in Baltimore und Maryland noch so viele empörte Bürger gegen Trump stimmen. Das macht keinen Unterschied.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Elijah Cummings sei seit 36 Jahren Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Tatsächlich ist er 1996 ins Repräsentantenhaus eingezogen.



insgesamt 414 Beiträge
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Jasro 29.07.2019
1. Was würde eine Wiederwahl von Donald Trump 2020 bedeuten?
Wenn es Donald Trump tatsächlich schaffen sollte, 2020 noch einmal als US-Präsident wiedergewählt zu werden, dann käme das fast einem "US-World-Exit" gleich, einem Austritt der USA aus dem Rest der Welt. Oder es kommt in den USA, nach 1861, zu einem erneuten Bürgerkrieg, weil in den USA die Trump-Gegner eine erneute vierjährige Präsidentschaft von Trump einfach nicht akzeptieren würden, auch wenn er korrekt demokratisch gewählt sein sollte.
spon-facebook-10000169018 29.07.2019
2.
Es geht ja nichtmal darum die Meisten Bundesstaaten zu gewinnen ... es reicht, nur die RICHTIGEN zu gewinnen. Traurig, aber wahr.
Cato137 29.07.2019
3. Es wäre doch ein Zeichen einer halbwegs
gründlichen Recherche, wenn Herr Nelles seinen Lesern auch mitgeteilt hätte, dass es im Repräsentantenhaus eine Untersuchung massiver Korruptionsvorwürfe gegen die Ehefrau von Elijah Cummings gibt, der vorgeworfen wird sich unter Ausnutzung der politischen Stellung ihres Manns massiv bereichert zu haben. Ein Zusammenhang zwischen politischer Korruption und sozialer Verwahrlosung abhängiger Bevölkerungsteile ist eine weltweit dokumentierte Tatsache
laotse8 29.07.2019
4. Cummings und Trump
sind politische Gegner. Cummings schmeißt verbal Steine auf Trump und der revanchiert sich, indem er zeigt, dass Cummings im Glashaus sitzt und erst vor der eigenen Haustür viel zu kehren hat. Geduld, Fairness, demokratisch edle Gesinnung, sachliche Auseinandersetzung, Gleichberechtigung - das sind Dinge die in der politischen und medialen Auseinandersetzung keine Rolle spielen. Wenn man an Bundestagsvizepräsidenten oder "formal" begründete Wahlausschlüsse von Oppositionskandidaten in Russland und Sachsen denkt allerdings bei uns so wenig wie in den USA.
stefan.p1 29.07.2019
5. Natürlich -Nelles - Negativ- nicht Neues
Die Art und Weise von Trump muß man nun wirklich nicht mögen - aber er hat Erfolg und wird mit großer Wahrscheinklichkeit für vier weitere Jahre im Amt bestätigt. Nach einer so erfolgreichen Woche für den US-Präsidenten liest man die pure Verzweifelung aus dem Artikel - Die Sprache ist unter aller Sau... aber es steckt viel Wahrheit dahinter. Wie Nelles selber geschrieben hat, ist die kriminalität in Baltimore exorbitant, dazu wurde die Stadt vom Obama stark gefördert , was kaum Auswirkung auf die Kriminalität oder der Arbeitslosigkeit hat. Insofern nicht viel Neues: Trump vergreift sich im Ton - aber im Kern liegt er nicht so falsch. Das viele Amerikaner für Ihn und viele auch gegen Ihn sind ,ist bei einer Demokratie so. Das war bei den letzten 44 Präsidenten der USA nicht anders,das gibt es auch in Frankreich,GB und Deutschland. Nur der Ton hat sich geändert - was auch zum Teil an den Medien liegt.
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