US-Vorwahlen Die guten Seiten des Donald Trump

Donald Trump fährt einen politisch hochgefährlichen Kurs. Doch das heißt nicht, dass seine gesamte Kampagne zum Fürchten wäre. Sie hat auch ihre guten Seiten - so schwer es auch fallen mag, das anzuerkennen.

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Er ist der Präsidentschaftskandidatur wieder ein Stück näher gekommen. Donald Trump hat New York erobert , und je erfolgreicher Trump ist, desto mulmiger wird es einem. Es wäre weder gut für Amerika noch gut für die Welt, wenn dieser Mann mit seinem Programm der Rücksichtslosigkeit der nächste Oberbefehlshaber der Vereinigten Staaten würde.

Aber in der Beurteilung von Donald Trump gibt es derzeit eine ähnlich problematische Tendenz zu erkennen wie in der Kampagne des Milliardärs selbst. Ob in den Medien oder bei der politischen Elite in - und außerhalb der USA: Trump wird zunehmend mit einer intellektuellen Überheblichkeit betrachtet, die nicht nur den Kandidaten als Dummerchen erscheinen lassen soll, sondern all seine Anhänger gleich mit. Mal wird belächelt, dass seine Rhetorik der eines Viertklässlers gleicht. Mal wird er zum schlichten Unterschichtenkandidat erklärt. Und dann auch noch dieser Versprecher: Statt 9/11 (Datum der großen amerikanischen Tragödie) sagt er 7/11 (Name einer Supermarktkette). Oh Mann! Und der will ins Weiße Haus!

Das ist keine Strategie, Trump zu bekämpfen, sondern der Beleg einer weit verbreiteten Weigerung, das Phänomen Trump ernst zu nehmen. Wer aber den Aufstieg des New Yorkers verstehen will, muss sich auch mit den interessanten Seiten seiner Kandidatur auseinandersetzen. Die gibt es, so schwer es auch fallen mag, sich das einzugestehen.

Trump, der Populist

Ja, Trump ist ein Narzisst. Aber er fordert die etablierte Politik in einem Maße heraus, wie es lange nicht der Fall war. Er zwingt sie, die eigene Rolle, die eigenen Argumente und Rezepte zu überdenken. Trump legt offen, dass die amerikanische Politik zuletzt so sehr eine geschlossene Veranstaltung war, dass sie nicht mitbekam, welche Ängste sich mit den Krisen der letzten Jahre in der Wählerschaft breitmachten. Was sein Erfolg schon jetzt belegt: Politik muss in Zeiten schwindender Parteibindungen schlicht mehr tun, um Wähler bei der Stange zu halten.

Ja, Trump ist Populist. Aber mit seinen einfachen Sätzen entlarvt er auch, wie verschlüsselt die Sprache der modernen Politik geworden ist. Wer Mächtige in Brüssel mal über die Schuldenkrise oder Regierende in Washington mal über zweifelhafte Finanzprodukte hat sprechen hören, gewinnt den Eindruck, als würden sie gerne deshalb hinter komplizierte Begriffe flüchten, damit nur ja nicht klar wird, was eigentlich das Problem ist. Man muss nicht wie Trump auftreten, aber wieder etwas stärker alltagstauglich zu sprechen, kann eines der Rezepte gegen den gewaltigen Vertrauensschwund sein, unter dem die Politik in den USA und übrigens auch in Europa zu leiden hat.

Reality-TV auf der politischen Bühne

Ja, Trumps Lebensstil ist bizarr. Aber der 69-Jährige verdeutlicht, wie zentral die Frage der Authentizität in der Politik geworden ist. Dort, wo alte Loyalitäten verschwinden, kommt es umso mehr darauf an, dass Botschaft, Auftreten und Persönlichkeit eines Politikers zueinander passen. Man kann Trump viel vorwerfen, nicht aber, dass er sich verbiegt, um ins Weiße Haus zu kommen. Trump ist Trump, er ist auch deshalb so populär, weil die Person Donald Trump aus der Reality-TV-Show "The Apprentice" mit der Person Donald Trump auf der politischen Bühne übereinzustimmen scheint.

Ja, Trump ist Milliardär. Aber indem er seinen Wahlkampf mit eigenem Geld finanziert, entmachtet er die problematischen Super PACs und die republikanischen Großspender. Je erfolgreicher Trump ist, desto wertloser wird ihr Geld. Dass ein Schwerreicher wie Trump den Einfluss des großen Geldes in der Politik beklagt, mag scheinheilig sein. Aber Jeb Bush ist gestolpert, weil die Menschen den Eindruck hatten, er sei abhängig von seinen Mäzenen. Und Trump hatte daran einen wichtigen Anteil, das sollte man anerkennen.

Noch einmal: Nein, Donald Trump darf nicht der nächste US-Präsident werden.

Aber wer ihn und mögliche Nachahmer verhindern will, sollte nicht nur seine Patzer belächeln und seinen Extremismus beklagen, sondern sich auch mit dem befassen, was seine Kampagne so erfolgreich macht.

Ergebnisse der US-Vorwahlen
insgesamt 208 Beiträge
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Seite 1
soschautsaus2014 20.04.2016
1. und noch was
Das eigentlich erschreckende ist vor allem: Trump ist der vernünftigere Kandidat im Vergleich zu Verfolger Cruz. Der ist nämlich ein religiöser Extremist unf deutlich gefährlicher.
BSC 20.04.2016
2. Trump
for President! Wieso soll er nicht der nächste Präsident werden? Sind die Lügen der anderen besser? Dann lieber mal jemanden, der die Wahrheit sagt. Was nützt es, wenn ich für die Schließung von Guantanamo bin, aber nach 8 Jahren dieses Gefängnis immer noch da ist? Obama ist für den Frieden in der Welt, aber täglich knallen Drohnen Menschen irgendwo auf der Welt ab! Dann soll mir der nächste Präsident lieber sagen, wir töten unsere Feinde wo wir können, das ist wenigstens ehrlich.
f-rust 20.04.2016
3. Ein hoch intelligenter
Kommentar. Erneut zeigt Herr Medick, wie man Politik und Politiker sehr wach und sehr kritisch, aber ohne Hass-Schaum vorm Mund und ohne intellektuelle Überheblichkeit sezieren kann. (Würde es doch endlich mal auch über Putin einen Kommentar vom Kollegen Bidder auf diesem Niveau geben.)
threeways 20.04.2016
4. Trump darf nicht der nächste Präsident werden?
Hallo? Wäre ein Ted Cruz dem Autor lieber? Trump ist ein gestandener Geschäftsmann, der nach dem Motto lebt: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern? Dieser Mann verspricht als Einziger eine den Erfordernissen der Zeit angepasste Politik. Wer will schon einen Präsidenten in den USA haben der sagt: Gott befahl mir dieses und jenes Land anzugreifen?
spon-facebook-1079315929 20.04.2016
5. Spiegel für Trump
erstaunlich wie der Spiegel die ganze Zeit Werbung für Trump macht. Allerdings zählen politische Inhalte dabei nicht, mehr die Frisur oder ähnliches. Will der Spiegel damit den Weg bereiten für so eine Showveranstaltung hier in Deutschland?
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