Exklusiver Auszug aus Trump-Biografie "Neigung zu schwülstigem Kitsch und Grausamkeit"

Erst war Donald Trump begeistert vom Projekt einer Biografie über ihn - dann brach er den Kontakt zu Autor Michael D'Antonio ab. Warum? Ein Auszug aus dem Buch "Die Wahrheit über Donald Trump".

Donald Trump
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Wie tickt der Mann, der Amerikas nächster Präsident werden könnte? Am Dienstag erscheint die Biografie "Die Wahrheit über Donald Trump" auf Deutsch. Der Autor Michael D'Antonio hatte zunächst einen sehr engen Zugang zu Trump, der Milliardär gewährte ihm viele Audienzen und lud ihn in sein Penthouse im Trump Tower in New York ein. Sogar Trumps erwachsene Kinder sowie seine Ex-Frauen durfte er interviewen. Doch plötzlich war es damit vorbei. SPIEGEL ONLINE dokumentiert exklusiv vorab einen Auszug.

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Wie ein beleidigter Teenager hatte Donald Trump beschlossen, nie wieder mit mir zu reden. Nachdem wir fünf der vereinbarten sieben Interviews absolviert hatten, ließ der große Geschäftemacher unseren Deal durch einen Assistenten aufkündigen - er wollte nie wieder ein Wort mit mir wechseln. Und warum? Ich hatte mit jemandem gesprochen, den er hasst. Da ich ihn kannte, konnte mich das nicht wirklich überraschen. Don - so musste ich ihn nennen, er bestand darauf - fühlt sich gekränkt, wenn ihm jemand nicht zu Diensten steht. Und wenn er gekränkt ist, dann ist die betreffende Person für ihn gestorben, ein für alle Mal. Er hat mir einmal erzählt: "Wenn jemand etwas gegen mich unternimmt, ist er für mich gestorben. Es ist vorbei. Es gibt kein Zurück. Das ist okay. Es gibt Milliarden von Menschen auf der Welt. Du brauchst sie nicht."

Es vergingen einige Monate, dann zeigte mein klingelndes Telefon mir einen Anruf aus dem "Trump Tower" an. Einer seiner Anwälte - von denen er eine ganze Menge beschäftigt - namens Michael Cohen war am Apparat. Er wollte das Manuskript für dieses Buch sehen, weil er davon ausging, dass es von Fehlern nur so strotzt. Er wollte mir "helfen" zu verhindern, dass ich unrichtige Informationen veröffentliche. Ich erklärte ihm, wie der Inhalt eines Buches vor seiner Veröffentlichung überprüft wird, und dass der Leser sich auf die Unabhängigkeit des Autors verlässt. Wenn ein Mensch, über den ein Buch geschrieben wird, das Recht bekäme, das Manuskript zu redigieren, könnte er genauso gut als dessen Koautor genannt werden, da er seine subjektiven Ansichten und Voreingenommenheiten einbringen würde. Bei Trump, der Gerichtsprozesse wie Waffen einsetzt, wäre außerdem damit zu rechnen, dass er mich wegen meiner Aussagen vor Gericht zerren würde.

Als Cohen allmählich klar wurde, dass er den Text nicht bekommen würde, fing er an, Fragen zu stellen. Ob in dem Buch bestimmte prominente Damen erwähnt würden? Werde darin behauptet, Trump sei ein Rassist? Als ich mich weigerte, seine Fragen zu beantworten, wurde sein Ton immer rauer und bedrohlicher, bis er sich anhörte wie der fiktive Gangster Tony Soprano aus der Serie The Sopranos, wenn auch mit Jura-Abschluss. Als Cohen schließlich erkannte, dass er nichts erreichen würde, ließ er diese Rolle wieder fallen.

"Sie wollen mir überhaupt nichts sagen", stellte er entgeistert fest. "Michael, das darf ich auch nicht", antwortete ich.

Ich glaube, an dieser Stelle hat er leise in sich hineingekichert.

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Nach diesem etwas kontroversen Gespräch legte Cohen nach, indem er mehrfach die Rechtsabteilung meines Verlages anrief und ihr mindestens einen Brief schickte. Irgendwann verkündete er: "Jetzt habt ihr euch eine verdammte Klage eingehandelt." Dies war ein klassisches Trump-Manöver. In seiner gesamten Karriere hat Trump so häufig Journalisten angedroht, sie zu verklagen, dass jeder Reporter, dem er nicht mit so etwas droht, sich vernachlässigt fühlen muss. Schon bei unserem allerersten Gespräch, zwischen Small Talk und scherzhaftem Geplänkel, hatte er darüber spekuliert, dass er mich eines Tages verklagen würde.

Aber es kam zu keiner Klage, was ebenfalls nicht überraschend war. Einige Wochen später, an einem sonnigen Tag im Juni 2015, lud Cohens Boss zu einer Pressekonferenz in die Lobby des Trump Tower ein. Zur angekündigten Zeit fuhr er eine Rolltreppe hinab, etliche Stufen hinter seiner Frau Melania, und verkündete dann, er wolle sich als Präsidentschaftskandidat aufstellen lassen. Ich hatte den Verdacht, dass dies der Grund für Cohens Anruf gewesen war - er befürchtete, Trump werde unvorteilhaft dargestellt und dachte sich, zur Verteidigung könne er mich mit einer kleinen Drohung unter Druck setzen.

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Solche Drohgebärden waren schon von jeher ein charakteristisches Merkmal des trumpschen Modus Operandi gewesen. Dazu gehört zum Beispiel, dass er stämmige bewaffnete Männer beschäftigt, die unübersehbar im Vorzimmer seines Büros postiert sind - sie haben nichts anderes zu tun, als ihre Muskeln spielen zu lassen und ihre Waffen zur Schau zu stellen - und ihn zu begleiten, wenn er geht. Dieses Schauspiel, das Trump seit Jahrzehnten in Szene setzt, ist vielleicht eine seiner ganz individuellen Marotten; jedenfalls ist es bei mächtigen Managern keineswegs gang und gäbe. Trump indessen macht oft und gern auf die Mitglieder seiner Sicherheitsbrigade aufmerksam und gibt damit an, wie gut sie ausgebildet seien, als frühere Polizisten und Kriminalbeamte. Damit will er natürlich erreichen, dass andere sich körperlich schwach oder gar bedroht fühlen.

(...)

Man fühlt sich schnell wie ein Filmkomparse, wenn man Donald Trump in seinem Büro trifft. In dem von zwei Seiten mit Tageslicht gefluteten Raum ist es so hell wie an einem Set. Der Star ist ein nicht mehr ganz junger Chef-Typ, dessen geradezu künstlich perfektes Gesicht gar keine Poren zu haben scheint. Sein sorgfältig zurechtgesprühtes, leuchtendes, herabstürzendes Haar kündigt gewissermaßen seine Persönlichkeit an. Als absoluter Profi gibt er abgedroschene Phrasen mit solch einer Überzeugungskraft von sich, dass sie fast wieder frisch wirken. Stellen Sie sich Michael Caine in einem seiner späten, unbedeutenderen Filme vor.

Als ich Trump die Hand gebe, frage ich mich, ob er wohl im nächsten Moment zum Desinfektionsmittel greifen wird. Mit jedem anderen erklärten Keim-Phobiker hätte man gewiss Nachsicht. Bei Trump aber, der eine so ausgeprägte Neigung zu schwülstigem Kitsch und Grausamkeit besitzt - jüngst verkündete er, die betagte Schauspielerin Kim Novak sollte "ihren Schönheitschirurgen verklagen" -, tut man sich schwer mit dem Mitgefühl. Wir schütteln uns die Hände, und ich lasse mir nicht entgehen, wie er anschließend hinter seinen Schreibtisch schlüpft, um sich ganz diskret die Hand am edlen Stoff seines teuren Anzugs abzuwischen.

Kein anderer Geschäftsmann in Amerika, oder vielleicht auf der ganzen Welt, kann aus etwas so Alltäglichem - der Furcht vor Ansteckung - einen selbst für Fremde so unübersehbaren Charakterzug machen. Doch schließlich gibt es keinen zweiten Donald Trump.

(...)

Im Herbst seines Lebens bleibt Donald Trump seinen leidenschaftlich verfolgten Zielen treu: Kämpfen, Konsumieren und dem Planeten seinen Namen aufdrücken. Er empfindet das in keinster Weise als schändlich. Wenn man ihn aber direkt darauf anspricht, tauchen Selbstzweifel bei ihm auf. In einer unserer Unterredungen fragte er mich: "Haben Sie je von Peggy Lee gehört? "Is That All There Is‹? Das ist ein großartiger Song! Ich habe diese unglaublichen Erfolge, bin schon auf dem Weg zum nächsten, und wie in dem Lied frage ich mich: "Hm, war's das schon?" Das ist wirklich ein großartiger Song, ein sehr interessanter Song, besonders da sie ihn singt, weil sie so ein schwieriges Leben hatte."

Trump hat seine Gedanken über die Zeile des Peggy-Lee-Songs auch in früheren Interviews zum Besten gegeben. Daraus schließe ich, dass er sie sich vorzugsweise für einen Moment aufspart, in dem Selbsterkenntnis gefragt ist. Als ich mir später die Transkription unseres Interviews nochmals durchlas, fiel mir auf, dass das, was er im Anschluss sagte, viel aufschlussreicher war. Ich fragte, wobei ich Bezug auf das Nachdenken über die Vergangenheit in Lees Song nahm: "Tun Sie das manchmal auch?"

Er antwortete: "Nein. Ich möchte nicht darüber nachdenken! Ich analysiere mich nicht gerne, weil mir das, was ich dann sehe, vielleicht nicht gefällt. So ist es, ich analysiere mich nicht gerne. Ich denke nicht viel über die Vergangenheit nach - außer um aus ihr zu lernen. Das Einzige, was ich an der Vergangenheit mag, ist, dass man aus ihr lernen kann. Denn wenn man einen Fehler macht, will man doch daraus lernen. Viel lieber lerne ich allerdings aus den Fehlern anderer. Ich lese viel. Ich lese viele Geschichten über Erfolg und Niederlage, denn es ist wesentlich billiger, aus den Fehlern anderer Leute zu lernen, als aus den eigenen.

Ich kann Ihnen von vielen, vielen Fehlern erzählen, die Leute gemacht haben, und das ist viel besser, als wenn ich diese Fehler selbst machen würde. Was ich also an der Vergangenheit mag, ist, dass man aus den Fehlern anderer lernen kann und auch aus ihren Siegen.

"Sie sagten, Sie lesen viel. Gibt es etwas, das Sie stark beeinflusst hat?"

"Nun, wenn ich sage, dass ich viel lese, dann spreche ich vom Lesen aktueller Zeitungen und digitaler Meldungen. Ich würde furchtbar gern mehr lesen. Ich selbst habe viele Bestseller geschrieben, wie Sie ja wissen. 'Die Kunst des Erfolgs' war einer der größten Verkaufsschlager aller Zeiten - der hat die ganze Sache so richtig zum Laufen gebracht, glaube ich, 'Die Kunst des Erfolgs'. Nun, in aller Bescheidenheit, das Buch stand über unzählige Monate auf Platz eins der Bestsellerliste, und das lag an all dem, was ich zuvor geleistet hatte. Ich war also schon sehr bekannt, bevor ich 'Die Kunst des Erfolgs' veröffentlichte; doch es war ein großer Durchbruch. Ich glaube, auch der ungeheure Erfolg der Sendung 'The Apprentice', die zur meistgesehenen Fernsehshow wurde, war ein großer Einschnitt für mich."

(...)

Vor ein paar Jahren gab es in der Psychiatrie Bestrebungen, den Narzissmus, der bis dahin als pathologisch galt, neu zu bewerten. "Der Narzissmus ist keine Krankheit", so legte der Psychiater Peter Freed von der Columbia University nahe. "Er ist eine evolutionäre Strategie, die unglaublich erfolgreich sein kann - wenn sie funktioniert."

Und wer könnte den Erfolg dieser Strategiebesser verkörpern als Trump? Man denke nur an den Boom der Selbstdarstellungsplattformen, die von Hunderten Millionen Menschen genutzt werden. Facebook, Twitter, Instagram und selbst die Selfies, die in Unmengen ins Internet gestellt werden, sind Ausdruck jener Form von Eigenwerbung, die Trump sein Leben lang so erfolgreich betrieben hat. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er es als Erster und in viel größerem Maßstab tat.

In einer Welt, in der viele Leute Fotos von ihrem Sandwich posten, kurz bevor sie es aufessen, können wir uns nicht mehr so einfach darauf verständigen, dass eine intensive Beschäftigung mit sich selbst ein Anzeichen dafür ist, dass irgendetwas nicht stimmt. Es mag vielmehr eine normale Reaktion auf das Leben in einer Gesellschaft sein, in der die - mediale - Erweiterung des Selbst als anerkannte Methode angesehen wird, um dem Gefühl der Bedeutungslosigkeit zu entkommen.

Donald Trump bildet hier keine Ausnahme. Tatsächlich ist er unverkennbar einer von uns. In Anbetracht seines intensiven Wunsches, sich als jemand Besonderes, wenn nicht gar Einzigartiges von anderen abzuheben, wird er diese Schlussfolgerung wahrscheinlich beunruhigend finden. Und uns anderen geht es genauso.


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insgesamt 81 Beiträge
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fahrplan 11.06.2016
1. ?Die Wahrheit?
Alleine schon für die Überschrift hat sich der Autor mit seinem Werk disqualifiziert...
tronx 11.06.2016
2. Sanders....
...ist der Präsident den die Amerikaner brauchen. Dann kommt lange nichts.....dann kommt das große Übel, die Wirtschaftsmätresse Clinton....dann kommt wieder nichts....und dann kommt "der". Das ist wie hier, die Menschen entscheiden sich immer und immer wieder gegen ihre eigenen Interessen und letztendlich fallen sie auf die faulen Lügen der etablierten Eliten rein. Traurig...
rainer82 11.06.2016
3. Trump: ein schwerkranker Patient!
Die Frage ist doch nur: Wie macht man so einem Psycho klar, dass er krank ist und dringend einer Behandlung bedarf? Indem man ihn zum Präsidenten wählt, begeht man ein Verbrechen an der Menschheit. Man muss versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass er medizinische Hilfe benötigt und sich in Behandlung begibt, bevor er die Welt ins Elend stürzt.
pfandsiegel 11.06.2016
4. Trump
Das Bashing gegen Trump erinnert an das was hierzulande gegen die AfD veranstaltet wird. Aber weder Sanders noch die Grinsebacke Clinton haben gegen Donald eine Chance zu gewinnen.
Herbert84 11.06.2016
5.
Ich halte zwar nicht viel von Donald Trump, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst der netteste, ehrlichste Mensch mit der weißesten Weste nicht so einen subjektiven Unfug über sich lesen möchte. Da kann ich durchaus verstehen, dass dieser 'Reporter'/'Biograph' rausgeworfen wurde.
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