Donald Trump "Jetzt bin ich nicht mehr Mr. Nice Guy"

War Donald Trump je ein netter Kerl? In Colorado jedenfalls nicht. Sein jüngster Auftritt zeigt: Der Wahlkampf wird immer schriller, die Anhänger des Milliardärs wollen Hillary Clinton im Knast sehen.

REUTERS

Aus Colorado Springs berichtet


Bei einem Wahlkampfauftritt von Donald Trump gibt es mehrere Phasen, und die erste ist gar nicht einmal so schlecht. In den Anfangsminuten gibt der Ego-Kandidat nämlich den Entertainer, auf eine Art, wie sie bei seinen Fernsehauftritten so nicht zu erleben ist.

Trump steht also da und berichtet, wie er ohne Erfolg versuche, das iPad vor seinem Sohn Barron zu verstecken, wie er seine Tochter Ivanka mit Chelsea-Clinton-Witzen necke.

Der Präsidentschaftskandidat wirkt dann wie ein Stand-up-Comedian, den man fast ein bisschen sympathisch finden könnte - wenn jetzt nicht fünfzig Minuten des Eigenlobs und der Rechthaberei folgen würden, des Sich-Verbeißens in alte Streitigkeiten und der unkaschierten Verachtung für seine demokratische Konkurrentin Hillary Clinton.

"Jetzt bin ich nicht mehr Mr. Nice Guy"

Bei seinem Auftritt in Colorado Springs im US-Bundesstaat Colorado holzte Trump am Freitag im beleidigt-aggressiven Stakkato wie folgt: "Ich habe ihre Rede am Donnerstagabend geschaut, so viele Lügen, ich war immer nett zu ihr, aber jetzt bin ich nicht mehr Mr. Nice Guy."

Während man noch versucht, das im Kopf zusammenzubringen, Trump und Mr. Nice Guy, ruft er schon: "Ich ziehe jetzt die Samthandschuhe aus." Ohrenbetäubender Jubel im Auditorium der University of Colorado. Wie immer, wenn es gegen Hillary geht.

Im Video - der schrille Trump-Auftritt in Colorado:

Es ist gerade ein interessanter Zeitpunkt, Veranstaltungen mit Trump zu besuchen. Der Wahlkampf ist nach den Parteitagen offiziell eröffnet. Trump wurde halbherzig gekrönt, und auf der Convention der Demokraten mit Angriffen und Witze überzogen. Als Reaktion gibt sich der schrille Kandidat in diesen Tagen noch eine Spur schriller.

Seine Fans stört das nicht. Russland soll seine Hacker auf Hillary Clinton ansetzen? "War doch nur ein Witz", sagt John Willis, der mit Frau und Tochter gekommen ist, durch die verspiegelte Sonnenbrille. Clinton, sagt er und wird jetzt lauter, sei doch die wahre Schuldige.

"Hillary ins Gefängnis"

Ein paar Meter vor ihm steht eine Frau mit Hillary-T-Shirt, die erst einmal erstaunte Blicke erntet. Doch statt "Hillary for President" steht auf dem Rücken "Hillary for Prison", die Trägerin wünscht sich wie so viele hier, die Politikerin werde eingesperrt.

Für Trump ist der Auftritt in Colorado wichtig. Der Bundesstaat zählt zu den wichtigsten Swing States, jenen Staaten also, in denen die Wähler mal die Demokraten, mal die Republikaner wählen. Der Ego-Kandidat aber hat sich mit den lokalen Republikanern verkracht. Außerdem ist Colorado Springs der ultrareligiöse Fleck in einem eigentlich liberalen Staat, der Marihuana legalisiert hat - oder wie es Familienvater Willis sagt, eine "konservative Insel in einem Meer aus Mist". Auch darum besteigt ein Pastor wenige Minuten vor Trump die Bühne und preist den Kandidaten als Geschenk Gottes.

Trump aber verpasst es, mit religiösen Themen zu werben. Er sagt nur, dass er die Evangelikalen liebe. Punkt. Trump hat kein Thema, er führt wie immer einen unzusammenhängenden Monolog auf: Seine Bürotürme seien wunderschön, die guten alten Zeiten vorbei, und dass die USA über die Nato Deutschland bezahlen müssten, sei nicht fair. Dass hier ein Townhall Meeting angekündigt war, eine Fragestunde, ist schon wieder vergessen. Es spricht nur einer, unterbrochen von einzelnen "We love you"-Rufen.

Doch das reicht dem Publikum hier und heute, denn Trump hat ja noch Hillary.

Wie mächtig der Hass gegen die frühere First Lady ist, erlebt auch eine junge, blonde Frau, die als "republikanische Mutter aus der Generation der Millenials" auf die Bühne geholt wird und Sätze abliest: "Ich bin eine zweifache Mutter und verheiratet, ich liebe mein Land, auch wenn die Regierung vergessen hat, was es so groß gemacht hat."

Als sie Hillary erwähnt, erschrickt sie. Augenblicklich buhen Hunderte, dann dröhnen die "Lock her up"-Rufe durch die Halle - "Sperrt sie ein", diese Hillary. Die Mutter steht ein, zwei Sekunden wie angewurzelt da, dann macht sie mit: "Lock her up" ruft sie und klatscht im Takt, es wird im Saal noch lauter.

Ist Trump ein 'True Believer'? Mr. Willis zögert

Die angeblich korrupte Hillary ist der einzige rote Faden der Trump-Auftritte. Wenn Trump wie in Colorado sagt, Bernie Sanders habe "seine Seele an den Teufel verkauft", muss er nicht erklären, dass mit dem Teufel Clinton gemeint ist. Seine Leute verstehen ihn, sie jubeln frenetisch.

Auch die Evangelikalen im Publikum machen mit. Kurze Frage an die Gläubigen: Ist der mehrfach geschiedene Donald Trump, der durch Angriffe auf die Religionsgemeinschaft der Muslime auffiel, denn einer von ihnen, ein True Believer? John Willis setzt jetzt die verspiegelte Sonnenbrille ab. Er zögert, dann sagt er: "Ich kann Ihnen keine ehrliche Antwort geben."

Nur um gleich hinterherzuschieben, dass es gerade eben Wichtigeres als diese Frage gebe. Die Sache mit den Schwulenrechten, die Einwanderung. Und natürlich diese Frau, Hillary, der man das Land auf keinen Fall anvertrauen dürfe.

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kojak2010 30.07.2016
1.
fragt sich was gefährlicher ist? Die Frisur? Das Gesicht? oder Das Gesagte? ganz im Gegensatz zu Frau Dr. Murskel... die macht eigentlich garnix, aber es kommt das selbe raus wie bei Trummp. nur ohne die Mrd. durch Einkommen.
raschn1958 30.07.2016
2. beide nehmen sich nichts
Clinton intrigiert (intern) gegen die eigenen Genossen (Sanders) und Trump verursacht nur Medienspektakel. Entscheidungen werden noch immer von der Wirtschaft + Bankenwesen getroffen, sowie in Deutschland und überall auf der Welt. Alles deutet auf eine Selbstvernichtung der Menschheit hin- leider.
gandhiforever 30.07.2016
3. Eine Steigerung
Eine Steigerung ist eigentlich kaum noch moeglich, wenn Trump nun verkuendet, die Samthandschuhe auszuziehen. Der Mann teilt zwar immer aus , trifft unter der Guertellinie, weil er keine fairen Treffer anbringen kann, doch im Nehmen , da ist er zartbeseidet. Nach seiner Nominierung wurde von Priebus gross verkuendet, Trump werde nun eine auf die Latinos zugeschnittene US-Tour antreten. Nun, fuer Miami wurde Vierer-Debatte angekuendigt, die dann aber abgesagt wurde. Von weiteren Veranstaltungen ist nichts bekannt. Trump hat Angst, durchzufallen bei der Waehlergruppe, bei der seine Anhaengerschaft auf 14% geschrumpft ist. Aber vielleicht schafft es das beleidigte Grossmaul ja noch, durch neue Beschimpfungen diesen Wert noch zu reduzieren.
to78ha 30.07.2016
4. Warum...
Warum erfindet eigentlich niemand eine Zeitmaschine, reist in die Vergangenheit und verhindert das Columbus Amerika entdeckt? ...ich versteh die Amis nicht ...
Cluedo 30.07.2016
5. Trump muss nicht diejenigen ....
.... auf seine Seite bringen, die ihn ohnehin schon für jeden dümmlichen Spruch frenetisch beklatschen wie eine Horde pubertierender Teenies, sondern die Wähler in der Mitte. Das wird er nur mit dem Gejohle seiner "Fans" nicht schaffen, und dass er irgendeine Idee von Politik hat, die über unteres Niveau von Stammtischkrakeele und Verteufelung seiner Gegnerin hinausgeht, hat er bisher noch nicht bewiesen. Seine Berater werden noch ganz schön rotieren müssen, um ihn irgendwie halbwegs präsidiabel hinzubiegen. Wählbares Programm sieht jedenfalls anders aus als "Hillary for prison".
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