Marc Pitzke

Trumps Amtsantritt Die Zukunft - ein Zitterspiel

Mit Donald Trumps Vereidigung zum 45. US-Präsidenten brechen ungewisse Zeiten an. Aus Worten kann er nun Realität machen. Die Sorge der Welt ist berechtigt.
Donald und Melania Trump

Donald und Melania Trump

Foto: MANDEL NGAN/ AFP

Es war die letzte Reporterfrage an den scheidenden Präsidenten: "Was sagen Sie Ihren Töchtern?" Sprich: Was sagen Sie uns? Wie geht es weiter? Barack Obama brauchte mehrere Anläufe, nur um bei einer kraftlosen Antwort zu landen: "Ich glaube, das wird schon."

Hoffnung hört sich anders an. Dass Obama, die einst personifizierte Hoffnung, diese Worte wählte für den Machtwechsel in den USA, offenbart die prekäre Lage der Nation im Umbruch: bange Fragen, wenig Antworten, ungewisse Zeiten.

Welcome to Trumpworld.

Das Ritual der Amtseinführung eines US-Präsidenten dient der Stabilität, es soll die Gräben des Wahlkampfes mit Patriotismus kitten und die Amerikaner einen. Doch wenn Donald Trump an diesem Mittag vor dem Kapitol auf Abe Lincolns Bibel schwört, dann dürfte das weder stabilisieren noch überbrücken noch einen.

Selten war die Zukunft so ein Zitterspiel. Dabei hat Trump sein Denken nie verheimlicht. Wer alte Interviews nachliest, stößt schon da auf dieselben Parolen, dasselbe Weltbild wie heute. Lügen als PR, Rivalität als Lebensart, America first. "Wir Amerikaner werden ausgelacht", klagte er 1990 im "Playboy". Und was dagegen helfe? Isolationismus, "Law and Order", Autorität, Macht. Nichts ist neu.

Fast 27 Jahre später werden Trumps Worte nun zu politischer Realität, jedenfalls für 323 Millionen Menschen. Wohin wird seine Weltsicht sie treiben? Wird sie Amerika "wieder großartig machen", wie sein Retro-Schlachtruf vor allem weißen Anhängern verspricht? Oder wird sie das Amerika, das man kennt, zerstören?

Die massive Sorge, die auch viele Europäer bewegt, ist berechtigt. Trumps Kabinett der Milliardäre und sein schamloser Nepotismus stehen im Widerspruch zu allen Wahlversprechen an Middle America. Doch das ist benebelt von seiner politischen Reality-Farce und blind gegenüber der Gefahr für die Demokratie.

Welcome to Trumpworld. Intellekt gilt plötzlich als Elitismus, Anstand als Schwäche, Kritik als Hochverrat. Der "New Yorker", kaum linksradikal, sieht in Trump schon "das Antlitz des puren Autoritarismus".

Mehr noch: Der Narzissmus Trumps hat nun globale Wucht. Freiheit, Gleichheit, Fairness: Auf einmal wackelt nicht nur der moralische Kompass der Vereinigten Staaten. Sondern die gesamte Nachkriegsordnung.

Er lobt Moskau, verhöhnt Europa, bringt die Welt aus den Fugen. Der Feind lauert. Eine Provokation, ein Angriff, ein Anschlag: Wie wird Trump dann reagieren? Die atomaren Alpträume früherer Generationen kehren zurück.

Panik ist fehl am Platz, Wachsamkeit angesagt. Das gilt für Amerikas demoralisierte Opposition, aus deren Schock nur langsam Widerstand wird. Das gilt auch für die von Fake News überwältigten US-Medien. Aber eben auch für den Rest der Welt. Wachsamkeit: Trumps Reflexe, Worte, Gesten, Entscheidungen sind spätestens jetzt mehr als nur Show. So ist er, so war er immer schon, so wird er sein: Welcome to Trumpworld.

Obama, der sich fortan als Bürger sieht, fand dafür noch einen anderen Satz; ob er tröstet, bleibt dahingestellt: "Nur das Ende der Welt ist wirklich das Ende der Welt."

Video: Trump in Washington - "Ich liebe euch"

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