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Massaker von El Paso und Dayton Trumps leere Worte

Nach den Massakern von El Paso und Dayton sprach US-Präsident Trump am Montag endlich zur Nation. Sein fahriger Kurzauftritt dürfte das schockierte Land kaum beruhigen.

Donald Trump mag keine Teleprompter. Der US-Präsident blüht auf, wenn er frei fabulieren kann. Immer, wenn er etwas ablesen soll, was andere für ihn aufgeschrieben haben, wird seine Stimme tonlos und flach.

Wie ein Roboter wirkt Trump auch diesmal. Am Montagmorgen (Ortszeit) tritt er im Weißen Haus vor ein Ölporträt des US-amerikanischen Gründungsvaters George Washington und versucht, die Rolle des Trösters und Versöhners zu spielen. Die Rolle eines Präsidenten.

Denn so einen braucht die Nation jetzt, nach dem Schock vom Wochenende, als zwei Attentäter in Texas und Ohio 30 Menschen erschossen. Der mutmaßliche Terrorist von Texas berief sich auf rassistische Thesen, wie sie die USA zurzeit aufwühlen - auch wegen Trumps eigener Rhetorik.

Tonlos und flach: US-Präsident Trump bei seiner Rede am Montag

Tonlos und flach: US-Präsident Trump bei seiner Rede am Montag

Foto: Leah Millis/REUTERS

Was würde er nun sagen? Würde Trump diese jüngste Welle rechtsextremistisch motivierter Gewalt klar genug verurteilen? Würde er endlich schärfere Gesetze zur Waffenkontrolle fordern?

Seine Worte stimmen. Einige jedenfalls, auf dem Papier. Doch ob diesen Worten Taten folgen, ist höchst fraglich: Diese Rede dürfte Amerika weder beruhigen noch befrieden.

"Unsere Nation muss Rassismus, Fanatismus und White Supremacy verurteilen", sagt Trump zwar, und: "Hass hat keinen Platz in unserem Land." Er nennt die Bluttaten vom Wochenende "Hassverbrechen" und "einheimischen Terrorismus" - es sind seine bisher deutlichsten Aussagen zu rechter Gewalt.

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El Paso: Massaker im Supermarkt

Foto: Christian Chavez/ AP

Doch Trump liest all das stockend ab, ohne Emphase. Einmal spricht er sogar fahrig von Toledo statt von Dayton, dem Tatort im Bundesstaat Ohio. Was er sagt, wirkt wenig tröstend oder glaubhaft, es scheint ihm nur widerwillig über die Lippen zu kommen.

Gewagte rhetorische Kehrtwende

Der kurze Auftritt erinnert an seine ebenso halbherzige Distanzierung von den Neonazi-Unruhen in Charlottesville vor fast genau zwei Jahren, die ebenfalls vom Teleprompter abgelesen hatte. Kurz darauf relativierte er seine Aussagen wieder, indem er - diesmal in freier Rede - auch unter den Rechtsextremen zum Teil "sehr feine Leute" veortete.

Am Montag nach El Paso und Dayton kommt diese Relativierung fast unmittelbar. Nach seiner pflichtschuldigen Absage an den Rassismus macht Trump, in einer gewagten rhetorischen Kehrtwende, alle möglichen Mythen für die jüngsten Massaker verantwortlich - das Internet, Videospiele, psychische Störungen, das "Böse".

Alles, nur nicht das von ihm selbst angeheizte politische Klima.

Video aus El Paso: "Das Land hat eigentlich gar keine Zeit zu trauern"

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Das Internet spielt tatsächlich eine Rolle: Der radikale Rassismus, der viele rechte Gewalttäter treibt, gärt und gedeiht in Onlineforen wie 8Chan, in den eher dunklen Ecken des Netzes. Doch Trump schlägt nichts Konkretes vor, das zu ändern.

Warum auch? Viele der Hetzer und Trolle, die solche Foren nutzen, gehören zu seiner ultrarechten Wählerbasis. Sie zeigen sich bei seinen Wahlkampfauftritten immer offener. Einige ihrer prominentesten Vertreter waren vor Kurzem sogar Ehrengäste von Trump im Weißen Haus.

Geht es um radikal-islamistische Terroristen, sieht Trumps Reaktion ganz anders aus: Dann macht der US-Präsident eine gesamte Religion für die Gewalt haftbar und dekretiert einen pauschalen Einreisestopp für Menschen aus muslimischen Staaten.

Die weißen, US-amerikanischen Todesschützen porträtiert Trump indes als entrückte Einzeltäter: Der Attentäter von El Paso sei ein "böser Mensch", der von Dayton ein "verdrehtes Monster". Die Notfallhelfer hingegen seien "amerikanische Helden".

Mit diesen Klischee-Zuschreibungen verweigert sich Trump jedoch sowohl dem ideologischen Kontext dieses nationalistischen Terrors, als auch seiner eigenen Mitverantwortung. Mit seinen wiederkehrenden Beschwörungen einer Invasion von Lateinamerikanern dämonisiert Trump Migranten und Minderheiten mit fast exakt denselben Phrasen wie der Täter von El Paso.

"Grausige Videospiele" oder psychische Störungen hingegen, wie Trump sie jetzt anführt, sind Ausflüchte, die teils seit Jahrzehnten kursieren - doch Experten zufolge nichts zu tun haben mit der Radikalisierung von Todesschützen.

Am Ende fordert Trump dann auch gar nicht erst strengere Waffenkontrollen - eine noch schwächere Reaktion als 2018, nach dem Schulmassaker von Parkland. Damals plädierte der Präsident immerhin für Background-Checks für Waffenkäufer, ließ das dann aber schnell wieder fallen. Diesmal sparte er sich solche Lippenbekenntnisse von vornherein.

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