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20. Januar 2017, 20:17 Uhr

Trumps Amtsübernahme

Das ist eine Drohung

Ein Kommentar von

Die Antrittsrede des neuen US-Präsidenten Donald Trump war beängstigend - für alle Amerikaner, die nicht Teil seiner Volksbewegung sein wollen. Und für die ganze Welt.

Aus den Trümmern einer vollkommen zerstörten Nation ist ein Volkstribun aufgestiegen, der den vergessenen Massen endlich wieder zu ihrem Recht verhelfen wird - das ist die Botschaft des frisch eingeschworenen Anführers der Vereinigten Staaten von Amerika. Nicht mehr der freien Welt, das hat er klargemacht, die muss sich jetzt selbst um sich kümmern. Ihm geht es nur noch um Amerika.

Die Vereidigung des 45. US-Präsidenten markiert, so hat er es gesagt, nicht nur den Übergang der Macht von einem Präsidenten zum nächsten, von einer Partei zur anderen, sondern von Washington, der Chiffre einer selbstsüchtigen Machtelite, hin zum einfachen, bisher in seinen Bedürfnissen und Träumen ignorierten Volk.

Die Aggressivität des Präsidenten, seine Ankündigung einer rigorosen Umorientierung des Landes, sind beängstigend. Nicht etwa, weil er einmal mehr nur großartige Versprechungen gemacht hat, ohne konkrete politische Schritte anzukündigen.

Beängstigend vielmehr ist das Ressentiment in seiner Sprache. Heute sei der Tag, an dem endlich das Volk die Macht zurückbekommen habe - das ist eine Drohung. Die unverhohlene Verachtung, mit der Trump über das politische Establishment schimpfte - das ist eine Drohung. Die Ankündigung, sich nicht mehr um die Verteidigung oder das Wohlergehen anderer Nationen zu scheren - das ist eine Drohung. Und die Drohung lautet: Wir werden es euch zeigen.

Waren bisherige Amtseinführungen stets geprägt von versöhnlichen Tönen, dann war diese das genaue Gegenteil: eine Kampfansage an alle Gegner, eine radikale Abkehr von sämtlichen bisherigen Gewissheiten, eine Zurschaustellung der eigenen, unaufhaltbaren Stärke, ohne Rücksicht auf den Rest der Welt, ohne Blick in die Geschichte, nur stets voran. Dieser Präsident wird keine Kompromisse machen.

Donald Trumps Vorgänger Barack Obama war oft vorgehalten worden, er habe viel versprochen und dann wenig geliefert. Seine Vision der Versöhnung dieses gespaltenen Landes konnte er nicht umsetzen. Er hat damit viele Hoffnungen enttäuscht - die seiner Anhänger und auch jene vieler Menschen auf der ganzen Welt.

Donald Trump sieht sich als Botschafter einer Zeitenwende, sieht sich als Anführer, nein, Führer einer Volksbewegung. Er hat angekündigt, die Geschicke der Vereinigten Staaten über viele Jahre zu bestimmen - und nicht nur dieser, sondern die Geschicke der ganzen Welt.

Er hat damit eine neue Ära der Hoffnung eingeleitet: Die der verzweifelten Hoffnung darauf, dass seine Versprechen nicht Wirklichkeit werden.

IM VIDEO: Die Vereidigung Donald Trumps

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