Operation Alamo So plant Trump seine Zeit nach der Wahl

Egal wie die Wahl ausgeht - Donald Trumps Lager hat Pläne für danach: Sein Clan arbeitet schon daran, Politik und Medien in den USA auf viele Jahre hinaus zu prägen. Die Republikaner könnten daran zerbrechen.

In den Büros von Donald Trumps Zentrale in Manhattan haben die Helfer des Milliardärs für den Wahlkampfendspurt ein provisorisches TV-Studio errichtet. Ein Tisch, drei MacBooks, drei Moderatoren: Täglich um halb sieben Uhr abends sendet ein Team über Trumps Facebook-Seite ausschließlich gute Nachrichten aus dem Hauptquartier an alle Fans des Kandidaten. Es geht um Hillary Clintons Skandale und Trumps große Ideen. Kein Filter, keine Kritik - eine Hofberichterstattung, wie sie sich der 70-Jährige schon immer gewünscht hat.

Das Setting wirkt wie die billige Kopie eines Kabelsenders - und doch sorgt die Live-Sendung aus dem Trump-Tower bei den Republikanern in diesen Tagen für erhebliche Nervosität. Kurz vor der Wahl geht es bereits um die Zukunft des Baulöwen.

Gewinnt er am 8. November, dürfte er die Republikaner vom Start weg beherrschen. Aber selbst im Falle einer Niederlage glaubt inzwischen niemand mehr an sein sofortiges Verschwinden, und das Facebook-Format gilt vielen in seiner Partei als eines der Indizien dafür, dass Trump an einem Plan arbeitet, um sich auf Jahre hinaus Einfluss auf den konservativen Diskurs in den USA zu sichern.

Der Kandidat und seine Vertrauten liebäugeln schon länger mit einem auf den Milliardär zugeschnittenen Kanal, das ist kein Geheimnis. Trump ist mit dem Fernsehen groß geworden. Seine Emissäre loteten zuletzt bereits die Chancen für ein solches Projekt aus: Schwiegersohn Jared Kushner traf sich mit einem großen Fernsehinvestor, um die Idee zu besprechen. Sein Digitalchef Brad Parscale analysiert seit Monaten mögliche Zielgruppen. "Trump ist ein Unternehmer", sagt sein oberster Wahlkampfstratege Steve Bannon.

Eine wichtige Datenbank

Der Milliardär selbst betont, keinen Gedanken an ein mögliches Trump TV zu verschwenden. Er weiß: Jedes Wort von ihm darüber würde klingen, als habe er einen Wahlsieg schon abgehakt.

Das Fernsehprogramm ist nur eine Idee, mit dem das Team des Kandidaten glaubt, Trump und seinen Clan als Faktor unter Amerikas Konservativen etablieren zu können. Wie tief Trumps Planspiele für den künftigen Einfluss gehen, zeigte sich zuletzt, als er Reportern von "Bloomberg" Zugang zu einer in der Öffentlichkeit bislang weitgehend unbekannten Arbeitseinheit seiner Kampagne gewährte. Schon seit dem Frühsommer arbeitet ein rund hundertköpfiges Team unter der Führung von Digitalchef Parscale in einem Büro in San Antonio daran, die Basis des Populisten zu kultivieren.

Kern der Operation ist eine Datenbank mit dem Namen Alamo, die die Gefolgschaft des Milliardärs und mögliche Unterstützer bis ins letzte Detail vermisst und bei Laune hält. Zielgenau hat die Kampagne mithilfe der Software den glühendsten Trump-Fans im Wahlkampf digitale Werbung und Informationen zuspielen können - hauptsächlich über Facebook. Die Treue der Basis trotz vieler Skandale ist auch eine Folge von Parscales Projekt: Die direkte Ansprache hat das Band zwischen Trump und seinen Leuten fester werden lassen, als das in politischen Kampagnen üblich ist.

Die Software soll für Trump die Basis für die Zeit nach dem 8. November werden. Alamo ist der Datenpool jener Armee von überwiegend weißen US-Bürgern, die sich von Washington abgewandt haben und in den Vorwahlen der "Grand Old Party" eine Revolution anzettelten.

Die Helfer des Hotelunternehmers haben laut "Bloomberg" inzwischen rund 14 Millionen E-Mail-Adressen und Kreditkartendaten der treuesten Unterstützer gesammelt. Trumps Anhängerschaft, so viel scheint klar, dürfte den Kurs der Partei auf Jahre hinweg prägen - ob mit Trump als Präsident oder als Projektionsfläche. "Wir besitzen die Zukunft der Republikanischen Partei", sagt Digitalchef Parscale.

Mithilfe von Alamo kann Trump seine Fans jederzeit aktivieren. Mehr noch: Er könnte die Daten an Parteifreunde verkaufen, die in seinem Sinne Politik machen. Er könnte sie als Grundlage dafür nehmen, eine dritte Kraft zu gründen, in vier Jahren einen zweiten Anlauf auf die Präsidentschaft zu wagen oder sich einen TV-Sender zu basteln. Dass Trump und seine Gefolgschaft in einen weiteren Kampf ziehen, liegt nahe. Unklar scheint lediglich, in welchen. Einen wichtigen Verbündeten hat Trump ganz sicher: Kampagnenchef Steve Bannon, der die rechte Website "Breitbart" lange verantwortete und schon lange von einer neuen populistischen Bewegung im Stile des französischen Front National träumt.

Das Schicksal seiner Partei ist Trump dabei herzlich egal. Seit Wochen ist erkennbar, wie wenig der Milliardär nach dem Wahltag auf Harmonie aus sein dürfte. Längst hat er klargemacht, wen er im Falle einer Niederlage verantwortlich machen würde: Die Führung der "GOP", allen voran Paul Ryan, den wichtigsten Mann der Republikaner im Kongress, der sich im Zuge von Trumps Sexskandalen vom Kandidaten losgesagt hatte. "Das ist eine Wahl, die wir sicher gewinnen würden - wenn denn die Spitze unser Partei hilfreich wäre", sagte Trump kürzlich spitz in Richtung Ryans.

Einiges spricht dafür, dass Trump nach einer Schlappe am 8. November versuchen wird, mithilfe seiner Getreuen als ersten Schritt Ryan als Sprecher des Repräsentantenhauses zu ersetzen - durch eine Person seines Vertrauens.

Aus Trumps Sicht hätte das gleich zwei Vorteile: Zum einen könnte er den Geist der republikanischen Opposition bestimmen. Zum anderen wäre er womöglich einen Mann los, der in vier Jahren gerne selbst als Präsidentschaftskandidat antreten würde - mit einem traditionellen Programm, das Trumps Wahlkampf vergessen machen soll.

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